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Kultur

Böhmische Bäder

In Karlsbad, Marienbad und Franzensbad kurte und flanierte einst Europas Elite. Dann hinterließen 40 Jahre Sozialismus ihre Spuren. Heute strahlen viele Fassaden aus Barock, Gründerzeit und Jugendstil in neuem Glanz.

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Mondän, aber spießig


Von der bayerischen oder sächsischen Grenze ist es nur ein Katzensprung bis ins böhmische Bäderdreieck. Hinter Birkenwäldern im Moor versteckt liegt das kleinste der drei Bäder: "Kaiser Franzens Bad", Frantiskovy Lázne auf Tschechisch. Der Kurort Franzensbad mit dem beschaulichen Charme einer Operettenkulisse wurde 1793

Landschaft in Tschechien

in Betrieb genommen. Mit dem Heilwasser aus den rund zwei Dutzend Quellen wurde die gesamte österreichisch-ungarische Monarchie beliefert. Im heutigen Kurhaus "Sevastopol" logierte 1812 Ludwig van Beethoven und komponierte seine 7. Sinfonie. Weithin bekannt ist auch das "Franzensbader Moor" aus einem mit Mineralwasser durchtränkten Torflager. Es sei das "köstlichste Ekelhafte", lobte die österreichische Erzählerin Marie von Ebener-Eschenbach die Pampe.

Marienbad: Modebad der Schönen und Reichen

Marienbad, auf Tschechisch Mariánské Lázne, hat über 40 Mineralquellen und Moore, dazu gute Luft und einen exotischen Kurpark. In der offenen Wandelhalle herrscht schon morgens reger Betrieb, wenn sich die Kurgäste ihre

Marienbad

Hauptkolonnade der Karolinenquelle im nordböhmischen Marienbad

erste Portion Quellwasser abholen. Mit spitzen Lippen schlürfen die Gäste das Wasser aus ihren edlen Schnabeltassen, als sei es ein Grand-Cru-Wein. Architektonisch präsentiert sich das Örtchen als eine eigenartige Mischung halb verkommener k.u.k-Prachtbauten, sozialistischem Einheitsdesign und baulicher Kosmetikarbeit. Allerdings blieb letztere in vielen Fällen auf die Fassaden beschränkt.

Das Wahrzeichen von Marienbad ist die 120 Meter lange Kolonnade: Sie verdankt ihre Leichtigkeit und Eleganz einer filigranen, über 100 Jahre alten Gusseisenkonstruktion. "Es gibt keinen schöneren Ort auf der Erde", war sich der englische König Edward VII. sicher. Auch die Schriftsteller Mark Twain und Henrik Ibsen gerieten ins Schwärmen. In Marienbad kurten außerdem Musiker und Komponisten wie Johann Strauss, Carl Maria von Weber und Richard Wagner.

Karlsbad: Das Feinste vom Feinen

Im 19. Jahrhundert traf sich die Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur zur jährlichen Kur in Europas Modebad Nummer eins: Karlsbad. Die zentrale Lage, das milde Klima und die zwölf 40 bis 73 Grad warmen Heilquellen lockten die vornehmen Kranken und

Karlsbad

Blick auf die Vrideni, eine der Hauptstraßen von Karlovy Vary

Hypochonder zur Bade- und Trinkkur nach Karlovy Vary, wie das Bad auf Tschechisch heißt. Drei Millionen Liter Heilwasser sprudeln täglich aus der Erde. 1762 wurde das erste größere Badehaus erbaut. Zar Peter der Große von Russland, Otto von Bismarck oder englische König Edward VII. - sie alle kamen nicht nur aus gesundheitlichen Gründen nach Karlsbad, sondern auch, um diplomatische Gespräche zu führen, Verträge auszuhandeln und rauschende Feste zu feiern.

Karlovy Vary ist mit rund 10.000 Hotelbetten der größte Ort im westböhmischen Bäderdreieck. Einzig das Kursanatorium, ein Monumentalbau sozialistischer

Bildgalerie EU-Osterweiterung II: Tschechien

Die Fußgängerzone des Kurorts Karlsbad

Paradearchitektur mit 16 Stockwerken, stört das Stadtbild im Stil des späten Historismus und des frühen Jugendstils. Aus Geldmangel wurden die Plattenbauten auf die grüne Wiese gesetzt. Die Altstadt blieb erhalten – und vergammelte zusehends. Dennoch: Tschechien hat neben Italien die höchste Dichte an vollständig erhaltenen historischen Stadtbildern in Europa. Zwischen den aufwendig renovierten Hotelpalästen aus der Gründerzeit promenieren heute deutsche Rentner, die aber meistens in den preiswerteren Pensionen abseits der Flanierstraßen wohnen.

In den richtig teuren Hotels von Karlsbad logieren hingegen die Herrschaften aus Moskau und St. Petersburg: Sie zahlen mit dicken Dollarbündeln, die sie direkt aus der Hosentasche ziehen. Die neureichen Russen sind ein derart wichtiger Wirtschaftsfaktor in Karlsbad, dass in den meisten Restaurants die Speisekarten auch in kyrillischer Schrift gedruckt sind. Überhaupt sei Karlsbad, so wird behauptet, fest in der Hand russischer Gäste und "Investoren".

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