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Digitales Leben

Böhmermanns neuer Coup: Comeback mit RTL-Kritik

Mit #verafake zelebriert Jan Böhmermann seine Rückkehr. Er schleuste Schauspieler bei "Schwiegertochter gesucht" ein und brachte damit RTL in Bedrängnis. Der Privatsender hat deswegen das Produktionsteam ausgetauscht.

"War was?" hieß die neue, von vielen Zuschauern sehnsüchtig erwartete Folge des Neo Magazin Royale von Jan Böhmermann. In der 45. Ausgabe seiner Late-Night-Show wirkte er souverän und nicht wie jemand, der erst kürzlich mit einem "Schmähgedicht" eine Staatsaffäre ausgelöst hat. Im Vorfeld wurde viel spekuliert, in welchem Maß der Satiriker die turbulenten Ereignisse der vergangenen Wochen aufgreifen würde. Er tat es immer wieder sporadisch. Sein Stand-Up Programm bestand aus Witzen, die Zuschauer nach einem vorherigen Aufruf eingesendet hatten. Für jeden Witz, der es in die Sendung schaffte, erhielt der Autor 103 Euro, eine Anspielung auf den Paragraphen 103 des Strafgesetzbuchs, der Böhmermanns Gerichtsverfahren wegen Beleidigung eines ausländischen Staatsvertreters zugrunde liegt. Er wolle selbst keine Gags mehr machen, das sei ihm zu heikel, so der Moderator. "Auch keine mehr über Hitler, denn es könnte sein, dass mir das im Nachhinein als Störung der Totenruhe ausgelegt wird."

#verafake heißt der neue Coup

Das zentrale Thema der neuen Sendung hatte mit Politik und Justiz rein gar nichts zu tun. Es ging um die 15. Staffel der Doku-Soap "Schwiegertochter gesucht" des Privatsenders RTL. In der Fernsehsendung werden Herzensdamen und Langzeitjunggesellen verkuppelt. Doch wer das Format kennt, weiß, dass RTL seine Kandidaten in möglichst peinlichen Momenten bloßstellt. Böhmermann macht dafür die Moderatorin der Sendung, Vera Int-Veen, mitverantwortlich, die "die Kandidaten ins Höllenfeuer stößt".

In der neuen Staffel "Schwiegertochter gesucht" führt die Moderatorin die Kandidaten vor: Neben dem "kundigen Konditor" René und dem "humorvollen Hobby-DJ" Thomas gibt es da noch Robin "den einsamen Eisenbahnfreund". Schnell wird klar, dass Robin ein Schauspieler ist, den Böhmermann in die RTL-Sendung eingeschleust hat.

Mit einem verschmitzten Grinsen fragt er in die Kamera: "Kann es sein, dass jemand einen gefälschten Kandidaten bei Schwiegertochter gesucht eingeschmuggelt hat, nur um zu dokumentieren was RTL und Vera Int-Veen seit zehn Jahren für eine Scheiße mit Menschen abziehen, die sich nicht wehren können?"

Zwei Schauspieler als Fake-Protagonisten

Böhmermann und sein "Team Royaleraff" haben zu diesem Zweck zwei komplett neue Identitäten kreiert. Robin und sein Vater René, ebenfalls ein Schauspieler, sollen das Klischee einer Außenseiterfamilie erfüllen. Eine Wohnung in Duisburg wird angemietet und mit Bierflaschen und Fußballschals dekoriert. Auch Schildkröten dürfen nicht fehlen. Denn Robin liebt nicht nur Eisenbahnen, sondern ist auch ein leidenschaftlicher Schildkröten-Fan.

Mit versteckter Kamera filmt das "Team Roayaleraff" den großen Coup und deckt die Machenschaften von RTL auf: Die Redakteure des Privatsenders setzen alles daran, die beiden Scheincharaktere noch peinlicher darzustellen als sie sowieso schon sind. Für 30 Drehtage bei "Schwiegertochter gesucht" bekommen Robin und René dafür immerhin eine Aufwandsentschädigung von 150 Euro – fünf Euro pro Tag.

Außerdem müssen sie eidesstattlich versichern, dass sie nicht geistig beeinträchtigt sind. Über das maßlose Verhältnis zum Alkohol - der vermeintliche René trinkt acht Flaschen Bier am Tag - sehen die RTL-Redakteure bei dem Vorzeige-Eltern-Sohn-Paar lieber hinweg. Davor, einen Personalausweis zu fälschen, um die Identitäten noch glaubwürdiger erscheinen zu lassen, sah Böhmermann ab. "Wir sind die Sendung, die mit Straftaten nichts zu tun hat", sagte er und lachte.

Der #verafake schlägt seit seiner Veröffentlichung Wellen im Internet. Das Video wurde auf Youtube mittlerweile mehr als 800.000 Mal aufgerufen. Die sozialen Netzwerke feiern Böhmermanns fulminante Rückkehr. Nach #varoufake, bei dem er dem ehemaligen griechischen Finanzminister Yanis Varoufakis einen Stinkefinger andichtete und damit die Redaktion von Günter Jauch auflaufen ließ, ist ihm der zweite große Mediencoup gelungen.

RTL entschuldigt sich

Mittlerweile hat sich RTL über seine Webseite zu den Vorwürfen von Böhmermann in #verafake geäußert. "Wir sind ihm komplett auf den Leim gegangen", schreibt der Geschäftsführer der betroffenen Produktionsfirma, René Jamm. RTL-Unterhaltungschef Tom Sänger gibt "Fehler im Bereich der redaktionellen Sorgfaltspflicht" zu. Die Produktion der aktuellen Staffel werde deshalb von einem anderen Team fortgeführt.

In der Stellungnahme äußert sich RTL zu einzelnen Kritikpunkten. So entschuldigt sich der Sender beispielsweise dafür, nicht auf einen Ausweis bestanden und den vorgetäuschten Alkoholismus des Vaters ignoriert zu haben. Einige der Vorwürfe weist der Sender aber auch entschieden zurück. Bei der Inszenierung der Kandidaten handele es sich "nicht um gezielte Manipulation oder Verdrehung von Tatsachen".

Gast Gysi bleibt politisch

Der Gast der Sendung, Gregor Gysi, lobte #verafake, wollte aber anschließend lieber über die Causa Böhmermann und ihren politischen Kontext reden. "Das Gedicht fand ich nicht schön, weil es Vorurteile bedient", kritisierte der ehemalige Fraktionschef der Linken. Dann holte er zu einem politischen Statement aus, in dem er Erdoğan für seine "Scheißpolitik" und die Bundesregierung für ihr inkonsequentes Handeln rügte. "Als ihr Anwalt würde ich Freispruch fordern", sagte Gysi, während Böhmermann sich demonstrativ die Ohren zuhielt oder auf seinen Laptop starrte.

Jan Böhmermann und das Neo Magazin Royale sind wieder da. Der Satiriker hat keinen großen Skandal aufgedeckt, denn das Ergebnis seiner Enthüllungen konnte man bereits vorher erahnen. Sein Comeback ist trotzdem gelungen, denn er hat gezeigt, dass er nicht nur eine Staatsaffäre auslösen kann, sondern vor allem die Spielregeln der Medien beherrscht und sie schonungslos aufdeckt.

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