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Asien

Bärthlein: "Viele Pakistanis sind erschüttert"

Bei den jüngsten Protesten gegen das Mohammed-Video wurden in Pakistan mehrere Menschen getötet. Pakistan-Experte Thomas Bärthlein lebt in Islamabad. Im DW-Interview erzählt er, wie er die vergangenen Tage miterlebt hat.

DW: Herr Bärthlein, wie ist die derzeitige Situation in Islamabad?

Thomas Bärthlein: In Islamabad ist die diplomatische Enklave, also das gesamte Botschaftsviertel, weiträumig abgeriegelt worden. Die Demonstranten hatten schon am Donnerstag (20.09.2012) offensichtlich die amerikanische Botschaft zum Ziel und wollten daher in diese Enklave eindringen, die auch in normalen Zeiten mit Checkpoints gesichert ist. Direkt außerhalb der diplomatischen Enklave, in der so genannten "Roten Zone", fanden am Freitag noch bis weit in den Nachmittag Straßenschlachten statt. Etwa 300 gewalttätige Demonstranten bewarfen die Polizei mit Steinen und mussten mit Tränengas in Schach gehalten werden. Der Rest der Stadt war wie ausgestorben. Die Regierung hat den Freitag zum Feiertag erklärt und sämtliche Geschäfte sind geschlossen. Es geht niemand auf die Straße, es ist alles abgeriegelt.

Haben Sie selbst denn einige dieser Ausschreitungen miterlebt?

Pakistan-Experte Thomas Bärthlein (Foto: DW)

Pakistan-Experte Thomas Bärthlein

Ich habe sie am Donnerstag miterlebt, weil wir eine Tagung in einem Hotel direkt neben der diplomatischen Enklave hatten. Das war das Serena Hotel, das beste Hotel hier in der Stadt. Am Nachmittag war es völlig von Demonstranten umzingelt, die offenbar auch Anstalten machten, in das Hotel einzudringen. Sie verlangten wohl auch, ihnen die Ausländer oder die Amerikaner im Hotel auszuhändigen - was das Hotelmanagement natürlich nicht tat. Die Hotelsicherheitskräfte haben die Demonstranten zurückgeschlagen. Die sind dann am Abend irgendwann abgezogen und die Lage hat sich wieder beruhigt. Die Leute aus dem Hotel konnten wieder rausgehen, aber wir waren da drei Stunden lang sozusagen in der Falle im Hotel. Die Autos auf dem Parkplatz sind zum Beispiel mit Steinen beworfen und zerstört worden. Unser Auto hat zum Glück nur ein paar Kratzer abbekommen.

Sie leben nun schon länger im Land, sprechen auch die Landessprache Urdu. Haben Sie das Gefühl, dass sich das Klima gegenüber den Westlern im Land insgesamt verschärft hat?

Proteste in Islamabad (Foto: AP)

Proteste in Islamabad

Das würde ich nicht sagen. Diese Gelegenheit ist jetzt von bestimmten antiwestlichen Gruppierungen genutzt worden, um speziell den Antiamerikanismus zu schüren. Es gibt eben ein Potenzial von Leuten, die relativ schnell mobilisiert werden können und auch bereit sind, gewalttätig zu werden - und die auch sehr emotional reagieren. Die Mehrheit der Bevölkerung verurteilt diese gewalttätigen Ausschreitungen, ist aber auch stark gegen dieses Video und teilt die Empörung. Ich glaube aber nicht, dass es generell eine antiwestliche Stimmung gibt. Zumindest in Islamabad fühlt man sich als westlicher Ausländer nicht ungewollt oder unsicher in der Stadt.

Wer geht denn da überhaupt auf die Straße? Sind das einige leicht zu radikalisierende Muslime oder doch breitere Bevölkerungsschichten?

Es sind sehr gut organisierte Gruppen. Das sind zum Beispiel die radikalen Studentenverbände der islamistischen Parteien. In Islamabad war auch Jamaat ud-Dawa, die Nachfolgeorganisation der terroristischen Lashkar-e-Taiba dabei. Es gibt ein großes Potenzial von diesen radikalen, gewaltbereiten islamistischen Gruppen in Pakistan. Die können bei solchen Gelegenheiten eben mobilisiert werden, aber das ist sicherlich nicht die Mehrheit der Bevölkerung. Viele Menschen in Pakistan sind auch sehr erschüttert über das Ausmaß der Gewalt und diese sinnlose Zerstörung. Es sind Banken zerstört worden, es sind Tankstellen angegriffen worden, es sind Kinos zerstört worden, die Handelskammer in Peshawar ist in Flammen aufgegangen. Das hat ja alles gar nichts mehr damit zu tun, dass man gegen Schmähungen des Propheten protestieren will.

Nun hat die pakistanische Regierung selbst zu Kundgebungen gegen das Mohammed-Video aufgerufen, gleichzeitig aber auch erklärt, diese Proteste sollen friedlich bleiben. Ist das nicht angesichts der Gewalt auch ein Spiel mit dem Feuer? Lassen sich diese Demonstrationen überhaupt noch kontrollieren?

Gewaltsame Proteste (Foto: AP)

Auch Banken und Kinos wurden zerstört

Ich denke, die Erfahrung der letzten Tage hat gezeigt, dass das wohl keine so gute Idee war. Die Regierung wollte verhindern, dass sie sozusagen mit in die Schusslinie gerät als jemand, der diese Demonstrationen stoppen will. Weil sie aber gleichzeitig die ausländischen Diplomaten und Botschaften schützen muss, gelingt das nicht so richtig. Insofern sind das gewisse symbolische Gesten, aber natürlich motiviert das gewisse Leute zusätzlich, auf die Straße zu gehen und zu protestieren. In gewisser Weise hat die Regierung dem Mob die Straße überlassen, weil sie ihm quasi auch die Rechtfertigung gegeben hat. Das ist natürlich eine Gratwanderung, aber aufgegangen ist der Plan wohl nicht.

Wie groß ist denn der langfristige Schaden für das ohnehin labile Verhältnis zwischen Pakistan und den USA?

Ich glaube nicht, dass der sehr groß ist. Die USA wissen ja, dass es in Pakistan sehr viel Antiamerikanismus gibt. Diese Art von Gewalt wird sicherlich dazu führen, dass man sich überlegen wird, ob die USA die diplomatische Präsenz erst einmal herunterfahren werden. Aber auf der politischen Ebene hat das keine größere Bedeutung.

Thomas Bärthlein ist langjähriger Südasien-Experte der Deutschen Welle und arbeitet derzeit in Pakistans Hauptstadt Islamabad.

Das Interview führte Thomas Latschan.