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Börsengänge leicht gemacht

Detlev Karg6. Juli 2004

Die Postbank ist an der Börse. Der Finanzplatz Deutschland wartet aber noch auf den Anschluss an London und Brüssel, denn dort lief in diesem Jahr alles besser.

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Gut abgeschirmt:<br>Börsengang der PostbankBild: dpa

Nach der Preissenkung war die Postbankaktie doppelt überzeichnet – der gewünschte Erfolg stellte sich nach langem Gezerre ein. Vielleicht werden deutsche Börsengänge 2004 doch noch zum Erfolg. Wie hoffnungsvoll war man doch noch zu Jahresbeginn. Die einschlägigen Finanztitel in Deutschland stellten eine bunte Reihe aussichtsreicher Kandidaten vor, die nach dem Tal der Börsen-Tränen den Gang aufs Parkett wagen wollten. Jahre der Abstinenz hatten Deutschland in punkto Initial Public Offering (IPO) zur Börsenprovinz verkommen lassen. Und die deutsche Finanzwelt hat seither einiges getan, dies trotz guter Chancen auch noch zu zementieren.

Wenig ist seit den Tagen zu Jahresbeginn 2004 Wirklichkeit geworden und die an Volumen und Renommee bisher wichtigste Emission, die der Deutschen Postbank, geriet zum Schluss zur Hänge- und Würgepartie. Die Mitteldeutsche Fahrradfabrik ging zuvor an die Börse. Doch war das eine Mini-Emission und der ebenfalls debütierende Bankautomatenbauer Wincor Nixdorf ist zwar ein bedeutender Player in seinem Markt, doch fehlt es der Aktie an Phantasie.

Die Namen der Kandidaten sind Legion

Zahlreich hingegen sind die Namen derer, die floppten, verschoben wurden, oder momentan lieber nichts in Richtung IPO ventilieren: Der thüringische Chipgießer X-Fab musste absagen, weil der Emissionsprospekt Unklarheiten ließ, bei Siliziumbäcker Wacker Siltronic wollte der Mehrheitseigner mehr Geld sehen als zu erzielen gewesen wäre. Also verschob man es auf den Sankt-Nimmerleins-Tag. Die Auto-Servicekette ATU war ein Hoffnungsträger, das Unternehmen boomt mit seinem Konzept. Doch die Anteilseigner, Risikokapitalgeber aus England, wollten mehr Mammon sehen - schade für hoffnungsfrohe Kleinanleger.

Um andere Emissionen ist es ebenfalls still geworden: Die Reederei Hapag-Lloyd etwa soll an die Börse, ebenso ist die früher bundeseigene Tank und Rast, Betreiberin der lukrativen Autobahnraststätten, im Gespräch. In den Startlöchern stehen auch der Klinikbetreiber Helios, die Chemiesparte Lanxess von Bayer, die Telekom-Tochter T-Mobile, die Restaurantkette Nordsee, der Industriegase-Produzent Messer Griesheim sowie der Pharmahersteller Hexal - insgesamt über ein Dutzend Unternehmen mit einer guten Perspektive.

London macht es vor

Diese Reihe von Kandidaten hat aber im europäischen Börsenkonzert noch eine andere Qualität: Würden die IPOs gelingen, wäre Deutschland nach London der wichtigste Platz für Börsenstarter. Denn allein im Vereinigten Königreich gelang im Jahr 2004 bisher 30 Unternehmen der Gang aufs Parkett. Dabei spielt die London Stock Exchange sicher eine Sonderrolle, denn im Geschäftsjahr 2003 fanden 85 Prozent aller europäischen Börsengänge an der Themse statt. Die Deutschen hätten also im europäischen Maßstab als größte Volkswirtschaft gute Karten, bisher aber haben - neben London - Börsenplätze wie Dublin, Paris oder Brüssel gepunktet.

Was passiert mit der Deutschen Börse?

Nun ist zwar das wichtigste deutsche Projekt, der Börsengang der Postbank, in trockenen Tüchern, dennoch hegen Experten wie der Würzburger Finanzwissenschaftler Wolfgang Gerke gewisse Bedenken: "Der Schaden am deutschen Finanzmarkt beginnt, erheblich zu wachsen." In ganz Europa "laufen die IPOs auch in einem schlechten Umfeld, nur in Deutschland nicht", monierte er jüngst. Gerke kritisierte unter anderem eine mangelnde Vorbereitung der Unternehmen. Auch sei Transparenz nicht immer eine Stärke, aber beim Börsengang völlig unabdingbar. Hinzu komme eine zu hohe Erwartungshaltung mancher Unternehmen: "Man muss auch mal akzeptieren, dass man den Preis nicht immer ausreizen kann", sagte Gerke.

Generell sieht der Würzburger Professor einen großen Rückstau bei den deutschen Börsenplänen. Von rund 150 für dieses Jahr erwarteten Börsengängen in ganz Europa müsste nach seiner Einschätzung etwa ein Drittel in Deutschland stattfinden. Das sei im Moment aber nicht in Sicht, so Gerke.

Was lange währt ...

Bei PwC ist man aber dennoch optimistisch, dass die Aussichten für die Deutsche Börse positiv bleiben. Es gibt viele Unternehmen mit Kapitalbedarf für Expansionen. Darum ist der - wenn auch verzögerte - Börsengang der Postbank vermutlich ein gutes Signal. Dass das generelle Klima überhaupt nicht schlecht ist, belegt auch der IPO Watch Europe von PwC. Die Neu-Emissionen an den europäischen Börsen haben demnach im ersten Quartal 2004 signifikant zugenommen. Mit 56 war die Zahl aller Börsengänge nahezu vier Mal so hoch wie im ersten Quartal 2003, damals waren es 15. Gegenüber den führenden US-Börsen holen die Europäer auf. Mit Deutschland wären sie noch ein gutes Stück weiter auf diesem Weg.