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Nahost

Aviv Geffen: Schrill und unbequem

Der Spross einer israelischen Politiker- und Künstlerfamilie ist in seiner Heimat ein Superstar. Doch vielen geht Aviv Geffens Engagement für den Frieden zu weit. Bisweilen muss er Konzerte in kugelsicherer Weste geben.

Der israelische Sänger Aviv Geffen, Foto: ap

Der israelische Sänger Aviv Geffen

Ein bisschen mulmig sei ihm schon gewesen, als er das erste Mal in Deutschland mit dem Zug gefahren sei, erinnert sich Aviv Geffen. Der schmale, jungenhaft wirkende Sänger verknotet seine Beine zum Schneidersitz und zieht an seiner Zigarette. "Sie müssen wissen", erklärt er, "ein Teil meiner Familie wurde in Auschwitz getötet. Wenn er heute auf seinen Tourneen kreuz und quer durch Deutschland unterwegs ist, müsse er immer daran denken, dass auf denselben Schienen vor 60 Jahren Millionen von Juden deportiert wurden.

Und Aviv Geffen ist viel unterwegs derzeit, nicht nur in Deutschland. In seiner Heimat Israel ist er längst ein Star, der große Konzerthallen füllt und über zwei Millionen Platten verkauft hat. Jetzt versucht er den Sprung auf die internationale Bühne mit Songs auf Englisch und mit Konzerten in ganz Europa.

Hymne des Friedens

Gedenken an Izchak Rabin, Foto: ap

Gedenken an den 1995 ermordeten Izchak Rabin

Aber das bewegendste Konzert seines Lebens fand vor 15 Jahren statt: Am 4. November 1995 stand Aviv Geffen bei einer Kundgebung auf der Bühne mitten in der Innenstadt von Tel Aviv. Nur wenige Minuten vor ihm hatte der damalige Ministerpräsident Izchak Rabin eine flammende Rede für den Frieden im Land gehalten. Geffen sang das Lied "livkot lecha", zu deutsch: "Ich weine um dich", ein Lied für einen verstorbenen Freund: "Auf immer und ewig, werde ich an dich denken und wir werden uns wieder sehen", heißt es da. Nach dem Auftritt nimmt Rabin ihn in die Arme. Zehn Minuten später fallen Schüsse – Rabin wird ermordet, von dem jüdischen Fanatiker Igal Amir.

"Es war der traumatischste Moment in meinem Leben", erinnert sich Geffen. "Es hat alles hier in Israel verändert." Noch heute macht ihn der Gedanke daran wütend: "Vielleicht hätten wir sonst heute Frieden." Noch lange danach litt Geffen unter Schlafstörungen, musste Tabletten nehmen. Doch er verkroch sich nicht, im Gegenteil: Eine Woche später stand er auf derselben Bühne in Tel Aviv, bekleidet mit kugelsicherer Weste, und sang: Sein Lied "livkot lecha" wurde damals zur traurigen Hymne dieses verhängnisvollen Abends.

Personifizierte Provokation

In seiner Heimat Israel liebt man ihn – oder man hasst ihn, denn Aviv Geffen ist Provokation. Auf der Bühne ist er meist grell geschminkt, gerne wird der Vergleich mit David Bowie oder Marilyn Manson bemüht. Und in seinen Liedern wütet er gegen die Regierung und das Militär, gegen Drogen, Gewalt und die eigene Generation: "Es gibt doch so viele, die keinen Gott mehr haben, keine Visionen und keine Träume", sagt er. "Alles wird so sinnentleert. Wir leben wie bei McDonald's: alles ist schnell und billig."

Der israelische Musiker Aviv Geffen, Foto: dpa

Schrill und unbequem: Aviv Geffen

Sein Song über die "fucked up generation" wurde prompt aus dem israelischen Radio verbannt. In anderen Liedern singt der 35-Jährige: "Don't send your boy, when the country calls you." - "Schick deinen Sohn nicht hin, wenn dein Land ihn ruft." Ausgerechnet er - Sohn des israelischen Dichters Jonatan Geffen und Neffe von Mosche Dajan, einem General im Jom-Kippur-Krieg - war einer der ersten, die es wagten, den Kriegsdienst zu verweigern. Ein Affront in einem Land, wo Soldaten fast Heldenstatus haben. Geffen gibt sich selbstbewusst: "Dank meiner Lieder machen die Menschen sich Gedanken. Früher war es cool, ein Macho zu sein, mit Uniform und Gewehr. Inzwischen ist es okay, Gefühle zu zeigen oder homosexuell zu sein. Dazu habe ich viel beigetragen mit meinen Liedern."

"Krieg säht noch mehr Hass!"

Er nennt sich selbst einen Pazifisten - doch zum Krieg zwischen Israel und den Palästinensern bleibt er vage: "Es war richtig einzumarschieren" sagt er. "Stellen sie sich vor, auf Köln oder Berlin würden Raketen geschossen - das würde sich keine Regierung gefallen lassen." Er selbst hat einen Freund, der im Süden Israels wohnt: "Der hat niemandem etwas getan", erzählt er, "und wird trotzdem seit acht Jahren beschossen." Auf der anderen Seite glaubt er nicht, dass Krieg die Probleme läsen wird: "Er säht nur neuen Hass und führt dazu, dass sich in einem Monat der nächste Selbstmordattentäter in die Luft sprengt und 20 Kinder mit sich in den Tod reißt!"

Zerstörte Straße in Rafah im Gazastreifen, Foto: AP

Geffen: 'Dieser Krieg löst keine Probleme. Er säht nur noch mehr Hass.'

Um den Hals von Aviv Geffen baumelt ein kleines "Peace-Zeichen": Er engagiert sich für Frieden in einem Land, das dauernd im Kriegszustand ist. Er fordert, Israel solle die besetzten Gebiete und Jerusalem zurückgeben - für viele Israelis indiskutabel. Und er glaubt an den Frieden: Warum eigentlich – wenn die Realität ihn doch offenbar immer wieder eines besseren belehren will? "Heute bin ich hier in Deutschland, als Jude unter Deutschen", sagt er lächelnd, "und es gibt überhaupt kein Problem. Das hätte sich vor 60 Jahren auch keiner vorstellen können. Darum glaube ich auch, dass sich Israelis und Palästinenser irgendwann verstehen werden. Wir müssen."

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