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Deutschland

"Auweia, jetzt bin ich Bundestagsabgeordneter"

Mit 28 Jahren dreht mancher im 16. Semester noch eine Ehrenrunde und hält sich mit Kellnerjobs über Wasser. Kai Gehring sitzt im Bundestag - das heißt Anzug statt Jeans, Chauffeur statt Fahrrad und lange Arbeitstage.

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Kai Gehring

"Im Kern beleuchten wir heute die Fragestellung: sind Praktika nach dem Studium eine Sackgasse oder ein Sprungbrett und sind sie nach einem Studium überhaupt sinnvoll", sagt Kai Gehring. Kerzengerade sitzt er in seinem schwarzen Bürostuhl. Seine Gesten sind langsam, sein Blick beständig, ruhig blickt er von einem Zuhörer zum Nächsten. Der Grünen-Politiker wirkt routiniert, dabei ist er richtig aufgeregt. Denn heute lädt der 28-jährige Jung-Abgeordnete zu seinem ersten Fachgespräch zum Thema "Generation Praktikum". Eine Premiere mit Lampenfieber. "Immer, wenn etwas völlig neu ist, ist das besonders aufregend", sagt er. "Das ist jetzt das erste Fachgespräch, bei dem ich selber Gastgeber bin, und es gibt direkt eine sehr hohe Teilnehmerzahl. Deshalb waren wir schon sehr gespannt." Doch es laufe sehr gut, findet er.

Vom Hör- in den Plenarsaal

Die Neuwahlen zum Bundestag 2005 - auch ein Neustart für Kai Gehring. Bis 2003 studierte er an der Ruhr-Universität Bochum Sozialwissenschaften, seit 2004 arbeitet er an seiner Doktorarbeit. Während manch einer seiner Parlamentskollegen eine jahrelange Ochsentour hinter sich hat, wechselte der gebürtige Essener nach seinem Studium nahtlos vom Hör- in den Plenarsaal.

Eine Umstellung, die sich auch in der Kleidung niederschlägt. "Wenn man im Plenum jetzt auch als Schriftführer neben dem Bundestagspräsidenten sitzt, gibt es einfach Krawattenzwang, da habe ich mich inzwischen schon angepasst, weil ich mehrfach darauf angesprochen wurde", erzählt Gehring. "Ich selbst bin kein Krawattenfan, aber das ist einfach so, dass man im Bundestag auch bisschen repräsentativer herumläuft, und eben auch inzwischen den einen oder anderen Anzug im Schrank hängen hat."

Parlamentarischer Ritterschlag

Nicht nur die Jeans musste weichen. Skeptisch begutachten ihn einige Kollegen, besonders die älteren Semester. Hält dieser junge Mann mit den kurzen, gegelten Haaren dem Druck des Politiker-Lebens stand? Durchsetzen - das habe er schnell gelernt. Und mit Fachkompetenz zu überzeugen. Denn im Streit um die besseren Argumente und die bessere Politik spiele sein Alter keine Rolle. Um jedoch als vollwertiges Mitglied des Bundestages zu gelten, musste erst noch der parlamentarische Ritterschlag bestanden werden - die erste Rede im Plenum.

"Es ist für mich am Anfang sowieso immer etwas besonderes gewesen, im Plenum zu sein", erzählt Gehring. In den ersten Sitzungen habe er sich noch kneifen müssen: "Auweia, jetzt ist man selber Bundestagsabgeordneter und ist jetzt mittendrin." Im Februar dann hielt er zum ersten eigenen Antrag seine erste Rede im Hohen Haus. "Da war natürlich ziemlich viel Lampenfieber da, jetzt auch vorne zu stehen und die erste Rede zu halten."

Kai Gehrings Arbeitstag ist an manchen Tagen über 15 Stunden lang. Für durchfeierte Nächte und sorgloses Ausschlafen bleibt da kaum Zeit. Doch seine Jugendlichkeit hat er trotz des hohen Arbeitspensums noch lange nicht verloren. Elmar Große-Ruse ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Abgeordnetenbüro des Jung-Politikers. Und bei ihm schwingt großer Stolz mit, wenn er sagt: "Ich habe gestern eine E-Mail bekommen von einer Bekannten, die sagte, wir seien das coolste Büro des Bundestages."

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