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Afrika

Autorin Taiye Selasi: Auf der Suche nach Heimat

"Ghana must go" ist die autobiografische Geschichte einer Familie mit afrikanischen Wurzeln, die über drei Kontinente verstreut lebt. In 15 Ländern ist das Buch schon erschienen, jetzt auch in Deutschland.

Den Schönheiten auf dem Fashion-Laufsteg würde Taiye Selasi mit ihren dicken schwarzen Locken und dem fein geschnittenen Gesicht mit Leichtigkeit die Show stehlen. Doch sie ist kein Model geworden, sondern Schriftstellerin. Mit 33 Jahren hat sich der Traum, den sie schon als vierjähriges Mädchen träumte, erfüllt. Im März ist ihr Debütroman "Ghana must go" auch auf Deutsch erschienen, unter dem Titel "Diese Dinge geschehen nicht einfach so".

Während ihrer Lesereise quer durch die Bundesrepublik hat Taiye Selasi einen Interviewmarathon zu bewältigen. Dennoch lacht sie viel bei dem Treffen in einem Frankfurter Hotel. "Ich glaube nicht, dass ich ein Star bin. Ich bin nur eine Autorin. Und das fühlt sich vertraut an, weil ich es schon mit vier Jahren war", sagt sie. Wie das Publikum ihr Buch aufgenommen habe, fühle sich an wie ein Wunder, ein Traum. Doch sie genießt die vielen Gespräche über das Buch: "Ich liebe es, dass sich die Welt mit der Familie befasst, die bisher nur in meinem Herzen gelebt hat. Und es ist wundervoll zu entdecken, dass andere meine Liebe zu ihr teilen", so Selasi.

Zu Hause auf der ganzen Welt

Buchcover Diese Dinge geschehen nicht einfach so von Taiye Selasi (Foto: S. Fischer)

Debütroman: die deutsche Ausgabe von "Ghana must go"

Diese Romanfamilie mit afrikanischen Wurzeln hat sich an der amerikanischen Ostküste niedergelassen: Der Vater Kwaku ist ein renommierter Chirurg aus Ghana, Fola, seine Frau, ist aus Nigeria geflohen; ihre vier Kinder sind allesamt hochtalentiert und extrem zielstrebig. Eine Vorzeigefamilie also, doch sie bricht auseinander, als Kwaku gefeuert wird und daraufhin voller Scham sein gesamtes bisheriges Leben hinter sich lässt.

Die Handlung des Romans setzt sechzehn Jahre nach dieser Zäsur ein - mit Kwakus Tod in Ghana, wohin er sich geflüchtet hat. Sein Ableben führt dazu, dass die über drei Kontinente verstreut lebende Familie sich vorsichtig wieder annähert und letztlich erneut zusammenfindet. Selasi erzählt, zwischen Orten und Zeiten wechselnd, anrührend und fesselnd von unterschiedlichen Biografien und Charakteren, von Erfolgen und Niederlagen. Was all ihre Protagonisten auch in der Zeit der Trennung miteinander teilen, ist die Sehnsucht nach einem Zuhause.

Es sind Erfahrungen, die Taiye Selasi gut kennt. Sie wurde als Kind ghanaischer Ärzte und Bürgerrechtler in London geboren und ist in Massachusetts aufgewachsen. Nach einem Abschluss in Yale studierte sie Internationale Beziehungen in Oxford. Bei Besuchen in Afrika war sie als fremd abgestempelt worden. Oxford wurde so etwas wie ihre letzte Hoffnung, der abschließende Versuch, irgendwo dazuzugehören. Doch auch dieser Anlauf scheiterte. "Bei mir hat sich der Eindruck festgesetzt, nicht einmal von anderen Westafrikanern, Amerikanern oder Briten als eine der ihren akzeptiert zu werden. Ich hatte das Gefühl, zu niemandem und nirgendwohin zu gehören", sagt Selasi.

Erfahrung des Fremdseins

Die Autorin Taiye Selasi (Foto: Gaby Gerster)

Auf der Suche nach Heimat und Identität: Schriftstellerin Taiye Selasi

Es vergingen noch einige Jahre bis ihr erster Roman erschien. Über die Erfahrung des Fremdseins schrieb sie zunächst einen fulminanten Essay. In "Bye Bye Barbar" prägte Taiye Selasi den Begriff des "Afropolitan", des afrikanischen Weltbürgers, der qua Herkunft und Geburt nirgendwo heimisch ist, der eine eigene Identität erst konstruieren muss - aus ganz verschiedenen Quellen. "Mir wurde klar, dass es einen ganz anderen Weg gibt, seine eigene Identität zu definieren. Es bedeutet schlicht zu fragen: Wo fühlst du dich zu Hause, zu wem willst du gehören?"

Einer dieser Orte ist für die junge Autorin die italienische Metropole Rom, wo Selasi ihren Roman beendete. Der Umzug nach Italien war für sie auch eine Flucht - aus New York und vor der Schreibblockade, die sie ein halbes Jahr lang tyrannisierte. "Schreibblockaden entstehen, weil man nicht weiß, wohin als nächstes mit dem Text, oder man weiß es und fürchtet sich davor. In meinem Fall war es letzteres", sagt Selasi. Sie habe sich eingestanden, wegen vieler Dinge Angst zu haben: "meinen Agenten zu enttäuschen, meinen Verleger, der das Buch auf der Grundlage von 100 geschriebenen Seiten gekauft hat, mein vierjähriges Ich und dessen Träume."

Kampf gegen Schreibblockaden

Die Sorgen sind nachvollziehbar, denn der Erwartungsdruck war enorm. Der Literaturagent der jungen Autorin heißt Andrew Wylie und zählt zu den Bekanntesten seiner Branche und der New Yorker Verlag, Penguin Press, ist eine renommierte Institution. Dann gab es da noch die berühmten, frühen Unterstützer Toni Morrison und Salman Rushdie. Beide waren begeistert vom Talent der jungen Frau. Selasi gelang es schließlich, sich ihrer Angst zu stellen, sie las Bücher zum Thema und ging nach Indien, um zu meditieren. Dann kam die Erlösung. "Eines Tages wachte ich auf und habe das Schreiben vermisst. Ich ging nicht zu meinem Schreibtisch, sondern setzte mich stattdessen aufs Bett, öffnete den Laptop, und die Wörter flossen wieder."

Entstanden ist ein weltumspannender Familienroman, großartig in seinem Reichtum an Erfahrungen und Geschichten. Und ihr nächstes Buch? Das wird vermutlich eine Liebesgeschichte in Rom, verrät Taiye Selasi zögernd. Soviel steht fest: Sie wird schon jetzt mit großer Spannung erwartet.

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