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Kultur

Autoren und ihre Namenswahl

Harry Potter-Autorin Joanne K. Rowling versteckte sich für ihren ersten Krimi "The Cuckoo's Calling" hinter dem männlichen Pseudonym "Robert Galbraith". Damit knüpft die Britin an eine alte literarische Tradition an.

Die Welt der Bücher ist recht übersichtlich und beschaulich, ein kleines Becken, in dem viele kleine und einige wenige große Fische sich tummeln. Wenn dann doch einmal etwas Ungewöhnliches passiert, dann schlagen die Wellen in dem Becken hoch - so geschehen, als im Juli bekannt wurde, dass sich hinter dem britischen Krimischreiber "Robert Galbraith" und seinem Erstlingsroman "The Cuckoo‘s Calling" niemand anderer verbirgt als Joanne K. Rowling, ihres Zeichens Autorin der Harry-Potter-Romane und kommerziell erfolgreichste Schriftstellerin der Gegenwart.

Altbekanntes Phänomen

Die Reaktionen auf die Enthüllung waren geteilt: Auf der einen Seite stand Lob für die Autorin, die sich mit dem Pseudonym dem Erwartungsdruck entzogen habe, der auf ihr als erprobter Bestsellerproduzentin lastet. Auf der anderen Seite wurde skeptisch gefragt, warum eine solch erfahrene Autorin für ihr Pseudonym eine männliche Identität gewählt hat.

Erich Kästner (Foto: picture-alliance/Georg Goebel)

Erich Kästner

Tatsächlich ist die Verwendung von Pseudonymen in der Literaturgeschichte ein altbekanntes Phänomen. Oft geht es dabei um den Schutz vor Verfolgung, wie etwa bei Erich Kästner, der während der Nazi-Zeit, während der er mit Schreibverbot belegt war, unter Pseudonymen wie Berthold Bürger, Melchior Kurtz und Robert Neuner schrieb und recht erfolgreich war. Der Algerier Mohammed Moulessehoul, der unter dem Vornamen seiner Ehefrau als "Yasmina Khadra" publiziert, ist ein aktuelles Beispiel.

Vor allem schreibende Frauen nutzten Pseudonyme, um überhaupt selbständig veröffentlichen zu können - bis hinein ins 20. Jahrhundert bestanden in vielen europäischen Ländern Gesetze, die eine wirtschaftliche Tätigkeit von Frauen nur mit Erlaubnis ihrer Ehepartner gestatteten. "George Sand" (Amandine Aurore Lucile Dupin de Francueil) oder "George Eliot" (Mary Anne Evans) sind berühmte Beispiele von Frauen, die sich ihre schriftstellerische Freiheit mit männlichen Pseudonymen zu schützen wussten, selbst die Brontë-Schwestern Anne, Charlotte und Emily nutzten für einige Werke die Männernamen Acton, Currer und Ellis Bell.

Literaturdomäne Krimi

Das ist Geschichte. Dennoch werden männliche und weibliche Schriftsteller auch heute noch unterschiedlich wahrgenommen und zum Teil auf bestimmte Kompetenzen festgelegt: Von Frauen werden, vor allem im Massenmarkt der Genre-Fiction, "weiche Stoffe" wie Liebesromane erwartet; Männer sind mit den "härteren" Themen wie Thriller verortet.

Pseudonyme, oder wenigstens Anonymisierungen sind also durchaus üblich, wenn Frauen in vermeintlich männliche Literaturdomänen einbrechen: PD James, die große Dame des Krimis, ist dafür ein Beispiel. Joanne K. Rowling ist zwar im deutschsprachigen Markt mit ihrem tatsächlichen Vornamen erfolgreich; in Großbritannien und in den USA taucht sie aber bis heute nur mit dem Kürzel "J.K." auf den Buchumschlägen auf.

Buchhandlung in Köln-Sürth (Foto: DW/Jochen Kürten)

Krimis sind erfolgreich, egal ob von einem Autoren oder einer Autorin

Die Autorenschaft von deutschsprachigen Krimis teilt sich einigermaßen paritätisch auf. Edgar Franzmann, Sprecher der Autorenvereinigung "Syndikat", zu der rund 800 Autorinnen und Autoren zählen, weist darauf hin, dass fast ebenso viele Frauen wie Männer hier Mitglied sind. Männliche Pseudonyme weiblicher Autoren sind ihm unbekannt. Ähnliches berichtet auch Günter Butkus, Leiter des Bielefelder Pendragon-Verlags: "Männliche Pseudonyme von Frauen oder umgekehrt werden nicht verwendet". Sie seien eher ein praktisches Hilfsmittel für vielschreibende Autorinnen und Autoren, die bei unterschiedlichen Verlagen unterschiedliche Themen und Reihen veröffentlichen.

Aus Cora Stephan wird Anne Chaplet

Deutsche Verlage und Publikum haben seit den 1960er Jahren weibliche Krimischreiberinnen akzeptiert: Damals wollten die Stifter des Edgar-Wallace-Preises, die gerade den anonym eingereichten Roman "Tod in St. Pauli" ausgezeichnet hatten, das Preisgeld einbehalten, als sie erfuhren, dass der Text von einer Frau verfasst worden war. Irene Rodrian, die Autorin des Romans, wurde zu einer der Gründungsfiguren der deutschen Krimiszene.

Die deutschsprachigen Leser schauen nur noch selten auf das Geschlecht dessen, der oder die das Buch verfasst hat, das sie gerade lesen. Pseudonyme sind aber weiterhin gebräuchlich. Die Autorin Cora Stephan, die unter dem Namen "Anne Chaplet" erfolgreich als Krimischriftstellerin arbeitet, fand ihren bürgerlichen Namen zu wenig glamourös: "Das Pseudonym war mir wichtig, weil ich meinen Büchern Erfolg wünschte und fürchtete, unter meinem bürgerlichen Namen als Krimiautorin nicht ernst genommen zu werden. Schön war dann, als unbekannte Debütautorin so einen großen Erfolg zu haben. Das war ein Geschenk." Möglicherweise war dies ja auch das Motiv, das Frau Rowling dazu bewogen hat, "Robert Galbraith" zum Leben zu erwecken.

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