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Globale Zusammenarbeit

Autokratien: Kicken für den guten Ruf

Ob China, die Ukraine oder Katar - autokratisch regierte Staaten präsentieren sich gerne als Gastgeber sportlicher Großveranstaltungen und rühren so die Werbetrommel für das eigene Land.

Polizisten stehen vor dem Olympiastadion während der Eröffnungsfeier zu den Olympischen Spielen 2008 in Peking (Bild: AP)

Kontrollierte Eröffnung: Polizisten vor dem Olympiastadion in Peking

Imposante Eröffnungsfeiern, moderne Stadien, jubelnde Menschen und weltbekannte Stars - mit Olympischen Spiele und internationalen Fußballturnieren lässt sich gut Werbung für das eigene Land machen. Die Veranstaltungen beleben den Tourismus und nicht selten ehren ranghohe Politiker das Gastgeberland mit ihrem Besuch.

Olympia 2008: Feuerwerk über dem Nationalstadion in Peking. (Bild: AP)

Olympia 2008: Feuerwerk über dem Nationalstadion in Peking

Genau das haben die Staaten erkannt, die sich als Austragungsort für sportliche Großevents bewerben - auch die autokratisch regierten. "Für die autokratischen Herrscher ist das Imagepflege, wenn solche glanzvollen Veranstaltungen bei ihnen stattfinden", sagt Wenzel Michalski, Deutschland-Chef der Nichtregierungsorganisation "Human Rights Watch". EM und Co. erfüllen Propagandazwecke, meint Michalski: Der Welt und dem eigenen Volk soll gezeigt werden, dass das Land nicht so düster ist, wie die Gegner es darstellen; dass es dort ein farbenfrohes Leben und glückliche Menschen gibt und die ganze Welt kommt, um dem Land und seiner Regierung Respekt zu zollen. "Man gibt dem Volk Spiele, damit es keinen Aufstand wagt."

Sportbegeisterte Diktatoren

Dass Großveranstaltungen in autokratisch regierten Staaten stattfinden, ist kein neues Phänomen. Ansgar Molzberger, Sporthistoriker an der Sporthochschule Köln, erinnert an die Olympischen Spiele 1988 in Seoul, die Fußball-WM 1978 in Argentinien und die Olympischen Spiele 1968 in Mexiko Stadt, denen eine blutige Niederschlagung von Studentenprotesten vorausgegangen war. Doch ein Ereignis hebt der Sporthistoriker besonders hervor: "Die Olympischen Spiele 1936 in Berlin sind ein Paradebeispiel: Die NS-Diktatur nutzte damals ein sportliches Großereignis, um von der deutschen Wirklichkeit abzulenken." Molzberger gibt allerdings zu bedenken, dass die aktuelle Europameisterschaft bereits 2007 vergeben wurde, als sich die Ukraine noch unter Viktor Juschtschenko und Julia Timoschenko im Aubruch und auf dem Weg Richtung EU befand.

Adolf Hitler (Mitte) auf der Ehrentribüne des Olympiastadions in Berlin bei den Olympischen Spielen 1936. Daneben befinden sich Prinz Umberto von Italien, Reichsportführer Hans von Tschammer und Osten (2.v.r.) und der Oberbefehlshaber der deutschen Luftwaffe Hermann Göring (rechts) (Foto: picture-alliance/akg-images)

Hitler (Mitte) 1936 im Berliner Olympiastadion

Wichtige Kriterien bei der Vergabe von sportlichen Großveranstaltungen seien, dass möglichst viele Länder einmal in den Genuss kommen, Austragungsort zu sein, und dass das Gastgeberland in der Lage ist, die Herausforderung zu stemmen, erklärt Molzberger. So sollten etwa genügend Stadien vorhanden und die Infrastruktur gut ausgebaut sein. Doch die Stimmenvergabe innerhalb des Internationalen Olympischen Komitees (IOC) sowie des Weltfußballverbandes FIFA und seines europäischen Pendants UEFA seien sehr komplex und undurchsichtig. Gerüchte über gekaufte Stimmen machen regelmäßig die Runde, lassen sich aber in der Regel kaum beweisen.

Auch Menschenrechtler kommen zu Wort

IOC und die FIFA rechtfertigen die Vergabe der Sportevents an autokratische Staaten häufig damit, dass der Sport Brücken baue und dadurch indirekt zu einer Verbesserung der Menschenrechtslage im Gastland führen könne. Doch selbst Menschenrechtsaktivisten, wie Wenzel Michalski von "Human Rights Watch", verweisen auf mögliche positive Effekte: "Die Großveranstaltungen können NGOs und kritischen internationalen Politikern dazu dienen, auf Menschenrechtsverletzungen aufmerksam zu machen, die sonst wenig beachtet werden oder über die kaum berichtet wird." Dies könne den ausländischen Druck auf eine Regierung erhöhen.

Polizisten entreißen eine tibetische Flagge von einem tibetischen Demonstrant in Katmandu, Nepal (Bild: AP)

Protestierender tibetischer Mönch im März 2008 in Nepal

Tatsächlich scheinen die Olympischen Spiele in Peking vor allem der Opposition eine Bühne geboten zu haben, um auf ihre Anliegen aufmerksam zu machen. Ebenso ist es bei der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Die Bilder protestierender tibetischer Mönche gingen damals genauso um die Welt, wie jetzt die Aufnahmen der kranken Julia Timoschenko. Sie brennen sich stärker ins Gedächtnis der Weltöffentlichkeit ein als die Bilder der jeweiligen Regierung. Diese Medienpräsenz der Opposition führt allerdings in der Regel nicht zur Demokratisierung eines Landes.

Wenig Veränderung

Wenzel Michalski, der Deutschland-Chef der NGO Human Rights Watch (Foto: privat)

Wenzel Michalski von "Human Rights Watch"

Eine Ausnahme war Südkorea: "Für das Beispiel Seoul ist belegt, dass von der Vergabe 1981 bis zur Ausrichtung der Spiele ein Demokratisierungsprozess in Südkorea stattgefunden hat", erläutert der Sporthistoriker Ansgar Molzberger. Das wachsame Auge der Weltöffentlichkeit, das durch die Spiele auf das Land gerichtet wurde, sei ein wichtiger Faktor für diese Entwicklung gewesen. Die Spiele in Peking 2008 und in Berlin 1936 oder die Fußball-Weltmeisterschaft 1978 in Argentinien seien Gegenbeispiele.

Für Wenzel Michalski haben die Veranstaltungen in den meisten Fällen nicht zu einem tiefgreifenden Wandel geführt, da mit den Sportlern auch die Kameras gingen. Er gibt jedoch zu bedenken, dass sie manchmal kurz- oder mittelfristige Effekte für einzelne politische Gefangene gehabt haben, die aufgrund des internationalen Drucks freigelassen wurden. Die Rechnung autoritärer Machthaber, ihr Regime durch sportliche Großveranstaltungen aufzuwerten, ginge dagegen nicht auf.

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