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Deutschland

Autobauer schlängeln sich durch die Krise

Offiziell ist die deutsche Autobranche auf Kurs: Wachstum und Umsatz sind hoch. Doch die Diesel-Manipulationen haben den Absatz in dieser Sparte gestutzt. Und bei Elektroautos gibt es vor allem eins: große Versprechen.

"Das Jahr 2017 war für die deutsche Autoindustrie wirtschaftlich ein ordentliches Jahr", fasste der Präsident des mächtigen Automobilverbands VDA, Matthias Wissmann, am Mittwoch in Berlin die Jahresbilanz der deutschen Autobauer zusammen. Doch obwohl sich die Verkaufs- und Wachstumszahlen der deutschen Vorzeigebranche prächtig lesen, war Wissmann nervös. Das liegt am Imageschaden durch die Dieselkrise und die Motormanipulationen bei Volkswagen und möglicherweise anderen Hersteller.

Der Imageschaden zeigt sich auch in der Bilanz: Der Absatz an neuen Diesel-Fahrzeugen, die möglicherweise von Gerichten schon im Februar 2018wegen erhöhter Stickoxid-Emissionen mit Fahrverboten belegt werden könnten, ist um über sechs Prozent eingebrochen. "Die Fahrverbotsdebatte hat zu einer Verunsicherung der Kunden geführt", sagt VDA-Präsident Wissmann. Deshalb sei der Verband "enorm darum bemüht, Fahrverbote zu vermeiden".

Die Deutsche Umwelthilfe, die zuletzt auch Vorwürfe gegen den Autobauer BMW bekannt gemacht hatte, nannte Wissmann mit den Worten einer deutschen Tageszeitung einen "windigen Abmahnverein". Die Diesel-Krise scheint der mächtigen Autoindustrie inzwischen ans Nervenkostüm zu gehen, dachten in diesem Moment viele der erstaunten Journalisten.      

Weltmarkt wächst, deutsche Autobauer verkaufen gut

Matthias Wissmann (picture-alliance/dpa/F. Rumpenhorst)

Einst Verkehrsminister, dann lange Cheflobbyist beim VDA: Medien spekulierten zuletzt darüber, ob Matthias Wissmann vor der Ablösung steht.

Blendet man allerdings die Querelen um den Diesel-Skandal und mögliche Fahrverbote aus, glänzt Deutschlands Vorzeigebranche nach Zahlen. Der PKW-Weltmarkt wuchs in diesem Jahr um zwei Prozent auf knapp 85 Millionen Fahrzeuge. Und auch die deutschen Hersteller profitierten. Sie verkauften 16,4 Millionen Fahrzeuge weltweit, ein Plus von vier Prozent.

Auch in diesem Jahr war der Export wieder das Zugpferd. Drei von vier Fahrzeugen deutscher Hersteller gingen in die Welt, oder wurden direkt in fremden Märkten hergestellt.

Nur in einem Land schmierte der Absatz an Fahrzeugen ab, sagte der VDA-Präsident: "Beim britischen Markt sind wir nicht sehr optimistisch, aus bekannten Brexit-Gründen".

Der Ausblick fürs kommende Jahr, angesichts großer weltpolitischer Unsicherheiten, ist moderat optimistisch: "Wir gehen davon aus, dass sich der Weltmarkt 2018 nur leicht nach oben entwickelt", erläuterte Wissmann. Die deutschen Hersteller erwarten einen Verkauf von zwei Prozent mehr, was sich auf rund 16,7 Millionen Fahrzeugen belaufen könnte.

Tesla Elon Musk (picture allianc/dpa/A. Sokolow)

Machen die Amis einfach eine bessere Show um ihre Autos? Tesla-Chef Elon Musk gilt als König der Pressekonferenz-Entertainer.

Lediglich die deutschen Nutzfahrzeughersteller erwarten "ein stürmisches Wachstum in China". Ein Absatzplus von über 30 Prozent sei denkbar, so Wissmann. Und auch für Indien gibt es hoffnungsvolle Prognosen: 2018 wollen die deutschen Hersteller hier erstmals mehr Fahrzeuge als im Heimatmarkt verkaufen.    

Aber auch im Inland läuft es, trotz des Betrugsskandals, den Verkaufszahlen nach zu urteilen prächtig. Der VDA rechnet bis Ende Dezember mit 3,5 Millionen verkauften Fahrzeugen. Trifft die Prognose zu, dann ist das ein Absatzrekord für dieses Jahrzehnt. Und auch der Umsatz stimmt. In den ersten neun Monaten setzten die deutschen Hersteller Autos im Wert von 312 Milliarden Euro um, ebenfalls ein Plus von vier Prozent. Die Diesel-Prämie, also ein Umtauschbonus für Altfahrzeuge mit eingebauter Schummel-Software, schraubte insbesondere in den letzten beiden Monaten die Verkäufe nach oben.

Elektromobilität zieht langsam an: Modellpallette basiert weiter auf Ankündigungen  

Auch der Verkauf von Elektroautos zog zuletzt an - von niedrigem Niveau aus, mit hohen Wachstumsraten. Im Jahresverlauf gab es in Deutschland knapp 50.000 Elektroauto-Neuzulassungen, über 100 Prozent mehr als im letzten Jahr. Darin enthalten sind Hybridantriebe und rein Batterie-elektrische Fahrzeuge.

Am Gesamtmarkt der Neuzulassungen übersprangen die Elektroautos damit erstmals die Zwei-Prozent-Marke. Das erscheint mickrig wenig, wird aber von den Herstellern als deutlicher Erfolg verkauft. Auch bei der Ladeinfrastruktur bewege sich jetzt etwas, heißt es. Schon im kommenden Jahr soll sich die Zahl der Ladepunkte in Deutschland verdreifachen - von rund 10.000 auf dann 30.000 Stationen.

"Es gibt kein Autoland der Welt, dessen Hersteller mehr in Forschung und Entwicklung investieren als in Deutschland", sagte der VDA-Präsident. Demnach plant die Branche in den kommenden Jahren bis zu 25.000 Neueinstellungen, insbesondere von hochqualifizierten Software-Entwicklern und Batteriespezialisten. So sollen die Trends Digitalisierung und Elektromobilität besser abgedeckt werden. 40 Milliarden Euro Forschungsgelder hätten die Hersteller bis 2020 für die beiden Zukunftsthemen bereitgelegt.

Bis zu diesem Datum wollen sie dann auch die bisher kleine Produktpalette bei Elektro- und Hybridfahrzeugen auf 100 Modelle verdreifachen. Damit werde dann die Legende wiederlegt, die Deutschen könnten keine Elektromobilität, sagte der VDA-Präsident:  "Das war vor acht Jahren so, aber das ist heute nicht mehr so."

Trotzdem werde der Verbrennungsmotor, insbesondere mit Blick auf Absatzmärkte in Afrika und Lateinamerika, noch sehr lange gebraucht, so Wissmann weiter. Von Quoten für Elektrofahrzeuge oder Technologieverboten, wie sie die Grünen in den gescheiterten Regierungsverhandlungen um eine Jamaika-Koalition forderten, hält der Automobilverband erwartungsgemäß "nichts". Im Gegenteil, so Wissmann, beharre man auf seiner Position: "Wer den Klimaschutz ernst nimmt, der kann auf den Diesel nicht verzichten."  

Diesel-Skandal: Hersteller wollen Fahrverbote vermeiden

Trotzdem muss sich der Verband im Kampf um saubere Luft in Deutschland der Debatte stellen - und damit auch der Frage: Hat der Diesel eine Zukunft? Eigentlich sei alles weniger dramatisch, als in den Medien dargestellt. "Es gibt keinen Grund für Hysterie", so begann Wissmann seine Ausführung dazu. Entscheidend sei, Fahrverbote unter allen Umständen zu vermeiden.

Deutschland Jürgen Resch (picture alliance/dpa/A. Arnold)

Schreck der Autobranche: Jürgen Resch, Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe, die Gerichtsverfahren für Fahrverbote anstrengt

Bei dem Problem von überhöhten Stickoxid-Werten handle es sich aber um kein flächendeckendes Problem, sondern um eines, das wenige "Hotspots" in Großstädten betreffe. Trotzdem würden die Hersteller zu ihren Zusagen vom ersten Diesel-Gipfel im Bundeskanzleramt stehen. Diese beinhalten: Kostenlose Software-Updates für fünf Millionen betroffene Fahrzeuge und finanzielle Zahlungen an einen öffentlichen Fonds für nachhaltige Mobilität, der in betroffenen Städten Maßnahmen zur Luftreinhaltung finanzieren soll.

Wie viele Jobs im traditionellen Geschäft mit Verbrennungsmotoren wegfallen könnten, darauf wollte Wissmann an diesem Tag nicht eingehen. Deutschlands Politiker warnte er allerdings vor "irrationalen, politischen Eingriffen" wie Technologieverbote oder Elektroauto-Quoten. Dies könne bis zu 818.000 Jobs in der Branche in Gefahr bringen. Ein Argument und eine Drohkulisse, die bei jeder Jahresbilanz der deutschen Automobilindustrie nicht fehlen darf. In diesem Jahr hielt sich der VDA an diese Tradition.

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