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Nahost

Auszug der Christen aus dem Heiligen Land

Auf der Suche nach einem besseren Leben verlassen immer mehr palästinensische Christen ihre Heimat. Wissenschaftler sind besorgt: Schrumpfen die Gemeinden weiter, steht ihre Zukunft langfristig in Frage.

Allzu viele sind es nicht mehr. Nur noch 47.000 Christen leben im Westjordanland, knapp 3000 sind es im Gazastreifen. Zusammen machen sie gerade etwas mehr als ein Prozent der Gesamtbevölkerung in den beiden palästinensischen Autonomiegebieten aus - ein gewaltiger Aderlass im Vergleich zu jenen 18 Prozent, die die palästinensischen Christen noch 1948, im Jahr der Staatsgründung Israels, ausmachten.

Die Gründe für den Rückgang sind vielfältig. Überwiegend liegen sie aber in den ökonomischen Schwierigkeiten. Unter ihnen leiden die Christen nicht anders als Muslime.

"Meine Kinder möchten ihre Zukunft sichern. Sie möchten heiraten und eine Familie gründen", sagt etwa Naim Khoury, Pfarrer der baptistischen Kirche in Bethlehem. "All das braucht Geld. Aber die meisten jungen Menschen verdienen nicht genug, um sich selbst über Wasser zu halten. Darum seien seine vier Kinder im Erwachsenenalter in die USA ausgewandert, so Khoury gegenüber der DW.

Zwei der Kinder seien dort geblieben. Einer sei zurückgekehrt und betreue nun eine Kirche in der Jerusalemer Altstadt. Seine Tochter habe in Amerika einen Abschluss in Medien- und Filmgestaltung gemacht. Dann sei sie ins Westjordanland zurückgekehrt, habe dort allerdings keine Arbeit gefunden. "Daraufhin ist sie wieder zurück in die USA zu ihren Brüdern gegangen."

Pastor Naim Khoury (Foto: DW/H.Aslan)

Fürchtet um Zukunft der Christen in Palästina: Pastor Naim Khoury

Karriere in den USA

Ähnliche Erfahrungen hat auch Jawad Hanna aus Taybeh, einem Dorf nordöstlich von Ramallah, gemacht. Bereits in den 1960er Jahren waren sowohl sein Vater als auch einige seiner Brüder in die USA ausgewandert. Vor sechs Jahren zogen auch zwei seiner Kinder nach Nordamerika. Seine Brüder, sagt Hanna, sähen ihre Ausreise heute als richtige Entscheidung. "Einer meiner Brüder brach relativ spät auf. Er verließ das Land vor zehn Jahren. Zuvor hatte er 25 Jahre in der Heimat gearbeitet, wenn auch ohne allzu großen Erfolg. Aber in den USA schaffte er es dann. "Jetzt besitzt er mehrere Häuser", sagt Hanna. Er selbst, sagt er, sei zwar auch im Besitz gültiger Visa. "Aber ich will nicht ausreisen. Ich wünsche mir, dass alle zurückkommen und wir hier zusammen leben".

Wie Hanna und seiner Familie geht es vielen Christen in den Autonomiegebieten. Rund 85 Prozent der ausgewanderten Christen haben ihr Eigentum in der alten Heimat bereits verkauft. Die meisten wanderten nach Mittel- oder Südamerika aus. In europäische Länder zieht es hingegen nur wenige.

Sehnsucht nach Sicherheit

Es sind vor allem Arbeitslosigkeit, geringe Zukunftsaussichten und im Falle einer Anstellung niedrige Gehälter, die junge Palästinenser in die Ferne treiben. "Der Hauptgrund für die Auswanderung der Christen sind die politische Lage und die damit verbundenen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Gegebenheiten", sagt Bernard Sabella, Soziologe an der Universität von Bethlehem. Die palästinensischen Gebiete verzeichneten ein sehr geringes Wirtschaftswachstum, entsprechend gering seien die Entwicklungsmöglichkeiten. "Junge Menschen sehen hier keine Zukunft für ihre Projekte", so Sabella.

Orthodoxe Osterfeier in Bethlehem (Foto: H. Asfour )

Fest der Sinne: Orthodoxe Osterfeier in Bethlehem

Immer mehr junge Menschen - und keineswegs nur Christen - suchten eine sichere Grundlage für ihr Leben. Eine politische Lösung des Nahostkonflikts oder auch bloß eine Waffenruhe: das sei der wohl wichtigste Schlüssel, um junge Menschen im Land zu halten, so Sabella.

Eyad Barghouti, Soziologe an der Universität Ramallah, teilt die Einschätzung. Auch er sieht in der israelischen Besatzung den Hauptgrund für den Ausreisewunsch so vieler junger Palästinenser. Allerdings, sagt Sabella, gebe es noch einen weiteren Grund für den verstärkten Wegzug junger Christen: Persönliche Freiheit habe heute einen größeren Stellenwert als früher. Der Familienzusammenhalt - in der Vergangenheit ein Garant sozialer Sicherheit - habe sich in Teilen aufgelöst. Die Entscheidung zur Auswanderung könne in Einzelfällen daher auch Ausdruck von Unabhängigkeit und Mobilität sein.

Engagement gegen Auswanderung

Die Zahl der Christen in den Autonomiegebieten ist gering. Allzu hohe Auswanderungszahlen, sagt Pfarrer Khoury, könnten sich die Gemeinden nicht leisten. Er warnt vor einer "Katastrophe". "Es gibt nur noch wenige Christen in Palästina. Wir haben die Sorge, dass die Kirchen irgendwann nur noch als Touristenattraktionen dienen. In seiner Gemeinde seien zehn Großfamilien bereits komplett ausgewandert.

Die Kirchen ermuntern ihre Gläubigen dazu, zu bleiben, auch in den Predigten. Sie besuchen Familien in Not und versuchen, ihre Lage zu lindern. Sie organisieren Feste für Kinder, veranstalten Zusammenkünfte für junge Paare. Man wolle den Gläubigen damit eine Chance haben, ihre schwierige Situation zumindest für ein paar Stunden vergessen, sagt Khoury. Ohne Hilfen von Kirchengemeinden aus westlichen Ländern wäre dies nicht möglich, ergänzt er. "Ohne sie könnte die Lage leicht noch schlechter werden."

Die Hilfe, sagte er, sei unbedingt nötig. Sonst gäbe es irgendwann ein Heiliges Land ohne Christen.

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