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Kultur

Auszug aus Chamissos Reisebericht

Die Kotzebue-Expedition am 2.8.1816 und am 12.8.1816 in den Augen Chamissos.

2. August 1816
Hier, auf dem Kap Espenberg,...besuchten uns die Eingeborenen in großer Anzahl. Sie zeigten sich, wie es wackeren Männern geziemt, zum Kriege gerüstet, aber zum Frieden bereit. Ich glaube, dass es hier war, wo, bevor wir ihrer ansichtig geworden, ich allein und ohne Waffe auf meine eigene Hand botanisierend unversehens auf einen Trupp von beiläufig zwanzig Mann stieß. Da sie keinen Grund hatten, gegen mich, den einzelnen, auf ihrer Hut zu sein, nahten wir uns gleich als Freunde. Ich hatte als hier gültige Münze dreikantige Nadeln mit, wie man sie in Kopenhagen, dem Bedürfnisse dieses Menschenstammes angemessen, für den Handel mit Grönland vorfindet. - Das Öhr ist eine unnütze Zugabe; zum Gebrauch wird es abgebrochen und der Faden von Tierflechse an den Stahl angeklebt. - Ich zog meine Nadelbüchse heraus und beschenkte die Fremden, die sich in einen Halbkreis stellten, vom rechten Flügel anfangend, der Reihe nach jeden mit zwei Nadeln. Ich bemerkte stillschweigend, dass einer der ersten, nachdem er das Zugedachte empfangen, weiter unten in das Glied trat, wo ihm die anderen Platz machten. Wie ich an ihn zum zweitenmal kam und er mir zum zweitenmal die Hand entgegenstreckte, gab ich ihm darein anstatt der erwarteten Nadeln unerwartet und aus aller Kraft einen recht schallenden Klaps. Ich hatte mich nicht verrechnet: alles lachte mit mir auf das lärmendste; und wenn man zusammen gelacht hat, kann man getrost Hand in Hand gehen.

12. August 1816
...Wir aber richteten uns für die Nacht ein, am Fluß eines Hügels zu biwakieren, der mit Grabmälern der Eingeborenen gekrönt war. Die Toten liegen über der Erde, mit Treibholz überdeckt und vor den Raubtieren geschützt; etliche Pfosten ragen umher, an denen Ruder und andere Zeichen hangen. Unsere habsüchtige Neugierde hat diese Grabmäler durchwühlt, die Schädel sind daraus entwendet worden. Was der Naturforscher sammelte, wollte der Maler, wollte jeder auch für sich sammeln. Alle Gerätschaften, welche die Hinterbliebenen ihren Toten mitgegeben, sind gesucht und aufgelesen worden; endlich sind unsere Matrosen, um das Feuer unseres Wiwat zu unterhalten, dahin nach Holz gegangen und haben die Monumente zerstört. Ich klage uns darob nicht an...Aber hätte dieses Volk um die geschändeten Gräber seiner Toten zu den Waffen gegriffen: wer mochte da die Schuld des vergossenen Blutes tragen?

© Reise um die Welt, Adelbert von Chamisso

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