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Bücher

Auszeichnung für einen Rastlosen

Martin Pollack beleuchtet vergessene Orte im Osten Europas, als wolle er Westeuropa von einer Art historischer Demenz heilen. Auf der Buchmesse erhält er jetzt den Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung.

Martin Pollack im Portrait während einer Fernsehsendung (Foto: picture alliance/ ZB)

Seine Augen verraten Neugierde, sein Händedruck ist fest. Martin Pollack, Jahrgang 1944, freut es, wenn sich jemand für seine Arbeit interessiert. Auf Fragen nach der Anzahl der von ihm übersetzten oder geschriebenen Bücher antwortet er in breitem Wienerisch: "Ich bin ein sehr schlechter Statistiker. Ich hab' nicht viel übersetzt, weil ich ja lange Zeit noch als Korrespondent für den Spiegel und auch als Autor gearbeitet hab'." Wenn man ihm dann vorrechnet, dass er immerhin 30 Bücher übersetzt und sechs selbst geschrieben habe, flackert mitnichten gespieltes Erstaunen in seinen Augen.

"Erhellendes Licht auf die Gegenwart"

Kloster in der Bukowina (Foto: picture alliance/ dpa)

Kloster in der Bukowina

Vor allem für sein jüngstes Buch, "Kaiser von Amerika", erhält er jetzt den "Leipziger Buchpreis zur Europäischen Verständigung". Darin erzählt er von der großen Flucht von Juden, Polen und Ukrainern aus Galizien zu Beginn des 19. Jahrhunderts. Doch nicht die Geschichte allein war es, die die Jury zu ihrer Entscheidung veranlasste, sondern die Art, wie Pollack Geschehnisse einordnet. Stets, so ihre Begründung, wirft Pollack auch ein erhellendes Licht auf unsere Gegenwart. Im "Kaiser von Amerika" wird die Massenflucht aus Galizien so zum Prototyp heutiger Migrationsströme und dem damit einhergehenden Schlepper-Unwesen. Doch warum befasst er sich geradezu exzessiv mit der Vertreibung von Menschen aus der Bukowina und Galizien? "Ich komme aus einer extremen Nazifamilie. Mein Vater war SS- und Gestapo-Chef in Linz. Mein Großvater, meine Großmutter, alle waren überzeugte Nazis." Dass er der Indoktrination entgeht, verdankt er der Mutter, die ihn auf ein Internat fernab in den Bergen bringt. "Da habe ich Kinder von Kriegsvertriebenen kennengelernt und zum ersten Mal slawische Laute gehört." Ob das der Auslöser war, vermag er heute nicht mehr zu sagen. Er studiert Polonostik. Er bricht mit seiner Familie. 2004 schreibt er ein Buch über seinen Vater, den Kriegsverbrecher.

Dem gelähmten Gedächtnis Europas auf die Sprünge helfen

Der spanische Schriftsteller und ehemalige spanische Kultusminister Jorge Semprun (Foto: dpa)

Jorge Semprun

Inzwischen ist er mit seiner Frau – Sohn Jakob ist längst aus dem Haus – ins Burgenland gezogen, wo das Land nicht von Bergen verstellt und das geliebte Osteuropa schon nahe ist. "Hier habe ich mir vor drei Jahren eine Bibliothek bauen lassen, 48 Quadratmeter, mit Blick auf meinen Garten, auf meine Felder und Streuobstwiesen." Wer einen Blick auf Martin Pollacks Hände wirft, bemerkt, dass sie groß sind und schwer, wahre Arbeitsgeräte. Nein, Martin Pollack hält nicht nur den Kugelschreiber, sondern auch die Hacke, und unter seinen Freunden sind die selbstangebauten Salate legendär. Beim Hacken und Jäten macht er sich oft Gedanken darüber, ob und wie er ein wenig dazu beitragen könne, das halbseitig gelähmte Gedächtnis Europas - wie es der aus Spanien stammende Schriftsteller Jorge Semprun einmal nannte - wieder zu regenerieren. "Man ist ja da nur ein kleines Rädlein irgendwo", sagt er. "Man strampelt sich ab und versucht sicherlich sein Bestes. Ob man da besonders viel erreicht hat, weiß ich nicht."

Erreicht hat Pollack vor allem die hohe Kunst, virtuos auf dem schmalen literarischen Grat zwischen Essayistik und Dokumentation zu wandeln. Wie kaum einem anderen, so konstatierte die Leipziger Jury fast überrascht, gelingt es ihm mit seiner Empathie namenlosen Opfern der Geschichte Namen und Würde zuzuschreiben. Dies gelingt Pollack vor allem durch genaue Recherche geschichtlicher Ereignisse, ohne dabei das einzelne Schicksal aus den Augen zu verlieren. Freut er sich, dass er dafür nun einen Preis bekommen soll? "Das freut mich schon. Vor allem, dass meine Bücher in Deutschland so gut ankommen. Und dass es die Deutschen sind, die mich derart ehren, das rührt mich sehr. Der Preis ist mir schon sehr wichtig. Vor allem, weil ich mir denke: Na ja, war nicht alles umsonst. Alles hat schon irgendwo einen Sinn gehabt…"

Autor: Mirko Schwanitz

Redaktion: Conny Paul