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Ausweichgemüse

Modewörter unter die Lupe genommen - von unserem Kolumnisten Burkhard Spinnen. Diesmal geht es um ein Wort, das es eigentlich gar nicht gibt: das 'Ausweichgemüse'.

Burkhard Spinnen (Foto: privat)

Burkhard Spinnen

Ich möchte heute einmal über ein Wort sprechen, das es gar nicht gibt. Nein, ich muss mich korrigieren: über ein Wort, das es bislang noch nicht in den offiziellen oder wenigstens halboffiziellen Wortschatz des Deutschen geschafft hat. Ein Wort jenseits des Dudens. Momentan hat es fünf Einträge bei Google, und ich produziere hier womöglich den sechsten. Dabei ist es ein eher schlichtes Wort, kein Fremdwort, sondern ein sehr deutsches Kompositum, zusammengesetzt aus zwei noch viel schlichteren Wörtern.

Das Wort lautet Ausweichgemüse. Seine Bedeutung und seine Funktion sind so schlicht wie es selbst. Es meint exakt, was es sagt: Ein Ausweichgemüse ist ein Gemüse, auf das man in der Küche ausweicht. Mögen die Kinder zum Fleisch keinen Rotkohl (und nach meiner Erfahrung mögen alle Kinder keinen Rotkohl), dann gibt es für die lieben Kleinen als Ausweichgemüse feine Erbsen mit Möhrchen. Onkel Michael mag keine Auberginen, daher hält man etwas Blumenkohl in der Hinterhand; und für Gäste mit Lactoseintoleranz gibt es Kartoffelpüree, der ohne Milch zubereitet wurde. In jeder besseren Restaurantküche stehen ein paar Töpfe mit Ausweichgemüsen auf dem Herd; das Ausweichgemüse ist gewissermaßen der Einwechselspieler auf der Speisekarte.

Wortschöpfung aus der Küche

Weißkohlkopf (Foto: Herbert Kehrer / OKAPIA)

A la carte oder Ausweichgemüse?

Es ist erst ein paar Tage her, dass ich dieses Wort zum ersten Mal gehört habe. Zufällig kam ich vorbei, als der Kellner in die Küche fragte, was er als Ausweichgemüse anbieten könne. Und sofort war es bei mir, der ich grundsätzlich nach Karte esse, Liebe auf den ersten Blick. Ausweichgemüse! Welch ein Glanz in diesem bescheidenen Wort! So genau kann ich eigentlich nicht sagen, was mich an Ausweichgemüse begeistert und bezaubert. Ist es die Fähigkeit von Sprechergemeinschaften, wie es die der Köche und Kellner ist, ihr berufliches Umfeld mit skurrilen Wortneuschöpfungen zu beleben? Oder ist es die Fähigkeit der deutschen Sprache, durch die freizügige Bildung von Komposita immer wieder neue, aufregende und abgründige Worte zu schaffen?

Ein Wort wie ein Gedicht

Einerlei. Ich bin ein Liebhaber des Ausweichgemüses. Es ist ein Wort, das mir viel zu denken gibt. Ich bin beinahe versucht, es doch noch einmal in meinem Leben mit Lyrik zu versuchen. Zwar habe ich bislang kein Gedicht geschrieben, aber einen Titel hätte ich schon: Ausweichgemüse. Leider fiel, kaum dass ich mich in Ausweichgemüse verliebt hatte, ein Wermutstropfen in meine Begeisterung. Der Kellner, von dem ich es zum ersten Mal staunend hörte, staunte nämlich seinerseits über mein Staunen. Für mich, der ich das Wort in meinem Leben noch nie benutzt hatte, war es Poesie. Doch für ihn ist Ausweichgemüse ein unspektakuläres Wort seines Alltags und die Sache dahinter allenfalls ein wenig lästig. Liebe, so dachte ich später beim Essen, befreit ihre Objekte aus den Pflichten des Alltags. So ist das nun mal. Es gab übrigens Steak mit Bohnen.

Redaktion: Gabriela Schaaf

Burkhard Spinnen, geboren 1956, schreibt Romane, Kurzgeschichten, Glossen und Jugendbücher. Sein Werk wurde vielfach ausgezeichnet. Spinnen ist Vorsitzender der Jury des Ingeborg-Bachmann-Preises. Zuletzt ist sein Kinderbuch "Müller hoch Drei" erschienen (Schöffling).

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