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Kultur

Auswanderer in Dokus - bildet Fernsehen doch?

Sie lassen ihr altes Leben hinter sich und setzen alles auf eine unbekannte Karte. TV-Formate, die Auswanderer auf ihren ersten Schritten begleiten, boomen auf Deutschlands Privatsendern - zum Vorteil der Zuschauer.

Ein junges Paar läßt sich an einer Hotellobby in Kanada beraten

Szene aus der Kabel-1-Serie "Mein neues Leben": Auswanderer vor der Kamera

"Die Firma pleite und das Haus wird zwangsversteigert – Lanzarote ist für Udo die einzige Chance, Hartz IV zu entkommen." Ein Deutscher steht vor dem absoluten Neubeginn im Süden – Grundstory jeder Folge der "Kabel Eins"-Sendung "Mein neues Leben (XXL)". Seit einem Jahr laufen regelmäßig Dokumentationen auf den Privaten, die Deutsche auf ihrem Weg zu einer neuen Existenz im Ausland begleiten. Sie heißen "Goodbye Deutschland" oder "Umzug in ein neues Leben" und sie alle begleiten Deutsche, die ihrer Heimat den Rücken kehren, für immer, vorerst.

Naivität bringt Quote

Eine Familie posiert mit kanadischer Flagge vor Eigenheim in Kanada.

Die Sendungen begleiten ihre Protagonisten um die ganze Welt, hier nach Kanada.

Zwar verlassen längst nicht alle Protagonisten aus finanziellen Gründen die Heimat wie der bankrotte Udo. Dass aber viele unvorbereitet, manche quasi ahnungslos, mindestens aber naiv in ihr Abenteuer aufbrechen, bildet das Fundament der Sendungen. Allerdings wollen die Produzenten der Shows tunlichst den Eindruck vermeiden, man profitiere von Verliererbiografien. So heißt es aus der Pressestelle von "Kabel Eins": "Es geht nicht darum, die Fallhöhe besonders hoch anzusetzen." Vielmehr wolle man einen Querschnitt der deutschen Auswanderer zeigen. Bei der Auswahl der Protagonisten komme es vor allem auf "eine gute Mischung an, auf exotische Ziele und eine spannende Geschichte". Bewerber, deren Umzug ins Ausland vom Arbeitgeber organisiert werde, seien einfach zu langweilig. Das heißt: Irgendwas sollte schon schief gehen, damit der Zuschauer auch ein bisschen mitfiebern kann.

Kommerzieller Erfolg

Eine junge Familie mit Hund im Portraitfoto.

Kabel-Eins begleitet Auswanderer in die neue Heimat - hier nach Norwegen.

Und da regelmäßig das neue Haus kaputt ist, der Umzugscontainer zu klein oder die Mütter von ihren pubertären Kindern genervt sind, fehlt es den Sendungen auch nicht an Unterhaltungswert. Die Zuschauer honorieren das. Trotz des breiten Angebots finden die kleinen Episoden der modernen Abenteurer durchschnittlich eine Million Zuschauer. Das sind rund acht Prozent der werberelevanten Gruppe der 14 – 49-Jährigen, ein Erfolg für die Sender. Dass diese ihre Formate großspurig als Dokumentationen verkaufen, stört da wohl nur Pedanten. Denn, die Sendungen sind dann doch mehr Doku-Soaps als wirkliche Dokumentationen. Alle zwei Minuten fließen Tränen, zum Beispiel wenn Udos Frau die geliebten Pflanzen zu Hause lassen muss, die Kinder unerwartet tapfer bleiben oder einfach wenn der große Abschied kommt.

Neues Format?

"Kabel Eins" möchte gerne die Lorbeeren für den Erfolg einsammeln und preist das Format als Eigenentwicklung an, was aber so nicht stimmt. Denn die ersten Auswanderer-Dokus liefen bereits vor drei Jahren bei der schottischen BBC unter dem Namen "Get a new life". Dort waren sie aber mehr im Stil einer Überlebensspielshow konzipiert, mit begrenzten Zeitlimits, Jobvermittlung durch die Produzenten und der finalen Entscheidung, ob die frisch ausgesiedelte Familie im Ausland bleiben oder doch zurückkehren wolle. In der deutschen Adaption gibt es keine zeitlichen Vorgaben, aber auch keine Hilfe.

Bildungsfernsehen?

Eine Familie in schwedischer Winterlandschaft.

Auch Vox hat eine Doku über Auswanderer im Programm: "Goodbye Deutschland".

Auch wenn die FAZ moniert, dass "Auswandern im Fernsehen bedeutet: scheitern, sich wieder fangen und hinterher ein Happy-End " kann man den Sendungen eine aufklärerische Funktion nicht absprechen. Denn nicht wenige der jährlich 155.000 deutschen Auswanderer scheitern mit ihrem Traum. Viele ziehen allzu blauäugig in die Ferne, ohne Geld, ohne Sprachkenntnisse, ohne sicheren Job und ohne die geringste Vorstellung, was sie in der Fremde erwartet. Genau denen zeigen die Dokumentationen mögliche Schwierigkeiten und Fallstricke auf.

"Trotzdem steht die Unterhaltung bei diesen Sendungen im Vordergrund", meint die Medienpsychologin Dagmar Unz von der Universität Saarbrücken. Die Zuschauer würden zwar nach dem Muster - Was würde ich in der Situation machen? - lernen, aber die Sendungen seien kein Bildungsfernsehen. Vielmehr bedienten sie das Fernweh der Menschen, die Lust auf Abenteuer, das Fremde.

Der neue Mensch?

Die Dokus geben denjenigen Deutschen eine Plattform, die glauben, dass man einen Traum in Wirklichkeit umsetzen kann, auch gegen alle Widerstände von Familie, Arbeit und Bürokratien. Damit repräsentieren die Shows einerseits das Wunschbild der globalisierten Wirtschaft - den arbeitenden Mensch, der alles, der Arbeit wegen, hinter sich lässt - aber auch dessen Gegenteil. Etwa der vormalige Lufthansapilot Guido, der – mit Frau und Kindern – einen Neuanfang im Dschungel von Costa Rica wagt. Ein Hotel samt Flugschule für Ultra-Leichtflieger will er da aufziehen - der Aussteiger in seiner Reinform.

Show must go on

Ein Paar steht vor ihrem Pool vor weißer Villa in Südafrika.

Auch nach Südafrika zieht es deutsche Auswanderer - ein Szenenbild von "Goodbye Deutschland".

Dass das Format aber weniger aus Idealismus gesendet wird, sondern ein kommerzieller Erfolg ist, zeigt die Programmplanung bei "Kabel Eins". An ein Ende der Sendereihe "Mein neues Leben" denkt dort niemand, stattdessen soll das Format weiterentwickelt werden. Unter dem Arbeitstitel "Mein neuer Job" geplant, soll Ende diesen Jahres eine Serie anlaufen, bei der drei Bewerber um einen attraktiven Arbeitsplatz kämpfen, etwa als Mechaniker einer Harley-Davidson-Werkstatt auf Mallorca. Die Casting-Welle rollt also auch bald über die deutschen Auswanderer.

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