1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Bildung

Ausverkauf der Wissenschaft?

Klamme Kassen und Forschungsbudgets - Deutschlands Unis kämpfen gegen die Unterfinanzierung. Als Geldgeber springt oft die Wirtschaft ein. Ein Onlineportal will zweifelhafte Sponsoring-Fälle aufdecken.

Manchmal fühlt sich der Berliner Student Erik Marquardt an den deutschen Universitäten wie in einer riesigen Werbeagentur. Hörsäle tragen nicht mehr den Namen von Dichtern und Denkern, sondern von Discountern und Online-Dating-Firmen. Mensas werden nicht mehr je nach Saison dekoriert, sondern tragen das ganze Jahr die Farben und Slogans von Mobilfunkanbietern. Und Einführungswochen für Erstsemester werden nicht mehr durch Studierendenvertreter, sondern durch Mitarbeiter von Beratungsfirmen organisiert.

Der Berliner Student Erik Marquardt hat das Internetportal Hochschulwatch mitgegründet (Foto: DW/Richard Fuchs)

Will Licht in den Klüngel bringen: Erik Marquardt

"Ich persönlich finde das keine gute Entwicklung, vor allem wenn man sich dann überlegt, dass da momentan keine Grenzen gesetzt sind“, sagt der 25-jährige Chemiestudent der Technischen Universität Berlin. Als Vorstand des freien Zusammenschlusses der Studentinnenschaften (fzs) vertritt er rund 80 Studierendenvertretungen deutschlandweit – und hat seit langem ein Auge darauf, wie eng Unternehmen und Universitäten inzwischen durch Drittmittelfinanzierung verbunden sind. "Man möchte in der Vorlesung im Aldi-Hörsaal ja nicht noch damit bedroht werden, dass die Vorlesung jetzt durch Werbepausen finanziert wird, weil das Geld nicht mehr so richtig reicht."

Wie abhängig macht Drittmittelforschung Universitäten?

Was passiert, wenn das Geld an Unis knapp wird, das beobachtet Erik Marquardt aufmerksam. So sieht er mit Skepsis Kooperationsverträge zwischen der Universität Köln und dem Pharmakonzern Bayer, die für die Öffentlichkeit unzugänglich bleiben. Oder er verfolgt die Aktivitäten der beiden großen Berliner Universitäten, die zeitweise mit dem Finanzkonzern Deutsche Bank ein gemeinsames Institut betrieben hatten. Gemeinsam mit dem Freien Zusammen­schluss der Studentinnenschaften und der Berliner Tageszeitung TAZ hat Erik Marquardt deshalb das Projekt "hochschulwatch" aus der Taufe gehoben. Die Antikorruptions-­Organisation Transparency International Deutschland begleitet das Projekt. Aus gutem Grund, meint Geschäftsführer Christian Humborg: "Mit Hochschulwatch wollen wir viele fragwürdige Verbindungen, die es möglicherweise zwischen Hochschulen und Unternehmen gibt, offen legen."

Blick auf die Homepage des Internetportals hochschulwatch.de (Foto: DW/Richard Fuchs)

Hier wird gesammelt, was gegen die Transparenz verstößt: hochschulwatch.de

400 Wikipedia-Seiten finden sich unter der Adresse hochschulwatch.de im Internet – für jede deutsche Universität eine. Ein Jahr lang können jetzt Nutzer auf diese Webseiten eintragen, wo Unis beim Eintreiben von Geld aus der Wirtschaft möglicherweise ihre Unabhängigkeit gefährden. Ein Team von Journalisten der Tageszeitung TAZ will den Vorwürfen dann nachgehen, für mehr Transparenz sorgen. Allerdings soll das Projekt nicht zum digitalen Pranger gegen die Wirtschaft werden, sagt Humborg. "Hochschulwatch ist kein Instrument, um Drittmittelforschung zu diskreditieren." Es sei sehr vernünftig, wenn Universitäten und Unternehmen zusammenarbeiten würden. Zu klären sei da nur, meint Humborg, zu welchen Bedingungen es stattfindet. "Und das ist der Teil, der uns interessiert."

Ist ein Google-Institut gegenüber Google unkritisch?

Christian Humborg von Transparency Deutschland (Foto: DW/Richard Fuchs)

Kooperation Ja, Abhängigkeit von Unis Nein: Christian Humborg von Transparency Deutschland

Wann eine Verbindung fragwürdig ist, dafür gebe es keine Blaupausen, sagt Christian Humborg, der deshalb viele kontroverse Diskussionen erwartet. Eine Debatte zum Beispiel wünscht sich Student Erik Marquardt über den Einfluss des Internetriesen Google auf die Wissenschaft. Es sei davon auszugehen, sagt er, dass ein von Google finanziertes Universitäts-Institut Fragen des Datenschutzes möglicherweise nicht so intensiv behandelt wie zum Beispiel Werbeaspekte.

Eine Ansicht, die Professor Thomas Schildhauer weit von sich weist. Er ist Gründungsdirektor genau jenes Universitäts-Instituts, das in Berlin sitzt, aber zu gut 80 Prozent vom amerikanischen Suchmaschinen-Konzern Google finanziert wird. In den ersten drei Jahren seit der Gründung 2011 investiert der Konzern rund 4,5 Millionen Euro in das Alexander von Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Angst vor zu viel Einfluss des Internet-Giganten auf Forschungsschwerpunkte oder personelle Besetzungen hat Professor Schildhauer dennoch nicht.

Gläsernes Google-Institut

Professor Thomas Schildhauer, Leiter des von Google finanzierten Alexander von Humboldt-Instituts für Internet und Gesellschaft (Foto: DW/Richard Fuchs)

Für Professor Schildhauer ist das neue Google-Institut über jeden Zweifel erhaben

"Wir haben alleine zwanzig Personen im wissenschaftlichen Beirat, die uns extern evaluieren, ohne etwas mit den Geldmitteln zu tun haben.“ Einer Debatte über den Einfluss des Suchmaschinen-Herstellers auf die eigene Forschung sieht Schildhauer daher gelassen entgegen. Jeder könne Förderverträge einsehen, Jahresberichten nachblättern oder auf dem Portal hochschulwatch nachschauen, ob dort etwas über sein Institut zu finden sei.

Noch finden sich dort keine konkreten Hinweise, dass Google auf die Forschung am Berliner Internet-Institut Einfluss nehmen könnte. Allerdings haben die anonymen Internet-Nutzer auch noch gut ein Jahr Zeit, daran etwas zu ändern.

Die Redaktion empfiehlt