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Wissen & Umwelt

Austrup: "Wir brauchen einen Zeitplan zum Kohleausstieg"

Einen Monat nach dem Reaktorunglück in Fukushima legte Greenpeace Pläne für eine Energiewende in Deutschland vor. Wie diese umgesetzt wurden, beurteilt Tobias Austrup, Greenpeace-Energieexperte.

DW: Laut "Der Plan - Deutschland ist erneuerbar" hätte der Atomausstieg bis 2015 umgesetzt werden können. Die Bundesregierung allerdings beschloss, das letzte Atomkraftwerk 2022 vom Netz zu nehmen. Bis 2040 soll der Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle und die vollständige Energieversorgung mit erneuerbaren Energien zu bewerkstelligen sein. Ist die Politik im Plan und Deutschland nach wie vor Vorreiter in Sachen Energie- und Klimapolitik?

Tobias Austrup: Im Vergleich zu anderen Industrieländern ist Deutschland auf dem richtigen Weg. Wir von Greenpeace wünschten uns natürlich einen schnelleren Ausstieg aus der Atomenergie und einen konkreten Zeitplan für den Ausstieg aus der klimaschädlichen Kohle. Denn die Welt schaut auf Deutschland und sieht, dass die CO2-Emissionen, die bei der Kohleverstromung freigesetzt werden, nicht sinken. So kann die Politik die Energiewende im Ausland nicht erfolgreich verkaufen.

Tobias Austrup, Energieexperte (Foto: Greenpeace).

Tobias Austrup: Dürfen CO2-Ausstoß nicht vernachlässigen

Was haben wir denn seit 2011 erreicht?

Die erneuerbaren Energien haben einen deutlich höheren Anteil an der Stromversorgung. Im vergangenen Jahr wurden mehr als 26 Prozent des Stroms aus Wasser, Wind, Sonne, Biomasse erzeugt. Das ist ein Riesenerfolg, der seinesgleichen sucht in einem industriell geprägten Land. Der Ausbau könnte dynamischer vonstatten gehen. Und die Änderungen am Fördergesetz für die Erneuerbaren stellt keine Verbesserung dar.

Bis 2022 sollen alle AKW in Deutschland abgeschaltet sein. Die Länder um Deutschland herum setzen aber weiterhin auf Kernkraft. Was bedeutet das aus sicherheits- und energiepolitischer Sicht?

Wir sind der Überzeugung, dass alle Länder dem deutschen Beispiel folgen und nach und nach aus der Atomkraft aussteigen sollten. Kernkraft ist keine Zukunftsenergie, auch wenn einige Länder das noch nicht wahrhaben wollen. Die Franzosen haben gerade festgestellt, dass sich Atomkraftwerke nicht rechnen und hochgefährlich sind.

Aber allein China plant 60 neue AKW, Russland setzt auf Atomstrom, Großbritannien plant vier neue Anlagen, sogar mit EU-Subventionen und auch Polen - bisher abhängig von Braunkohl - will künftig auf Atomkraft setzen.

Das ist richtig, aber am Beispiel Großbritannien sieht man, dass die Briten ohne massive Beihilfen die Investitionen nicht stemmen können. Sie liegen weit über den Einspeisevergütungen für Wind- und Solarenergien. Für Atomstrom müssen über 35 Jahre Festpreise garantiert werden, damit sich die Investition lohnt. Atomkraft rechnet sich nicht und wäre eigentlich auch nicht förderungswürdig, da es sich nicht um eine neue Technologie handelt. Hier werden politische Gründe vorgeschoben. Es geht nicht um kostengünstige Energieversorgung.

Als Brückentechnologie forderte Greenpeace klimafreundliche Erdgaskraftwerke und hocheffiziente Kraft-Wärme-Kopplung. Doch schauen wir mal in den Süden Deutschlands: Dort wollen die Betreiber das Gaskraftwerk Irsching - eine der modernsten Anlagen Europas - stilllegen, weil es für sie wegen des subventionierten Ökostroms unrentabel ist. 2013 hatte die Betreibergruppe um Eon aber noch millionenhohe Zuschüsse erhalten. Funktioniert das Geschäft nicht ohne Subventionen?

Es funktioniert nicht mit der dreckigen und unflexiblen Braunkohleverstromung. Von diesem Energieträger gibt es Überkapazitäten und der verdrängt die flexiblen Gaskraftwerke, die wir bräuchten. Und daher ist ein Ausstieg aus der Kohle nicht nur aus Gründen des Klimaschutzes wichtig, sondern auch, damit der Stromhandel wieder funktioniert. Der Emissionshandel stagniert, die Verschmutzung hat keinen Preis.

Hat nicht gerade der Zuwachs an subventioniertem Strom aus Wasser, Sonne, Wind und Biomasse die Preise im Stromgroßhandel einbrechen lassen? Seit 2008 hat er sich mehr als halbiert. Müsste Strom nicht noch teurer sein, damit Verbraucher zum Sparen und energetischem Sanieren animiert werden?

Der Strom muss nicht für die Verbraucher teurer sein, sondern beim Handel an der Strombörse. Dann rechnen sich wieder Gaskraftwerke. An der Börse zeigt sich übrigens eine Wechselwirkung: Bei einem niedrigen Strompreis ist die EEG-Umlage (Anm. d. Red. Erneuerbare-Energien-Gesetz), die die Einspeisung von Strom aus erneuerbaren Quellen regelt, sehr hoch. Würde man Braunkohlekraftwerke abschalten, bekäme der Verbraucher davon gar nichts mit, weil der Strompreis steigen würde, die EEG-Umlage aber sänke. Das wäre ein positives Signal für den Klimaschutz, und wir würden auf flexible Gaskraftwerke setzen, die die Stromproduktion aus Wind und Sonne flexibel ergänzen können. Der Kohleausstieg müsste oberste Priorität haben für den zuständigen Minister Sigmar Gabriel.

Strom aus Wind oder Sonne lässt sich noch nicht einfach produzieren und speichern wie Strom aus fossiler Braunkohle oder wie Atomstrom. Warum gibt es nicht längst effiziente Speicher-Kapazitäten?

Stromspeicher brauchen wir erst, wenn wir circa 80 Prozent des Stroms aus erneuerbaren Energien produzieren. Im Moment ist die große Herausforderung, Kraftwerke im Stromsystem zu haben, die flexibel auf die Einspeisung von Wind und Sonne reagieren können und schnell hoch- und runtergefahren werden können. Atom- und Braunkohlekraftwerke reagieren da sehr unflexibel.

Die großen Stromkonzerne stöhnen unter der Energiewende und sind wirtschaftlich angeschlagen. Warum?

Die Energiekonzerne haben zu lange auf die alten, dreckigen Energieträger gesetzt. Den Einstieg in die Energiewende und die Erneuerbaren Energien haben sie schlicht verschlafen. Die Konzerne waren nicht bereit, sich an neue Gegebenheiten anzupassen. Das ist ein Managementversagen und hat wenig mit der Energiewende zu tun. Die Manager sind verantwortlich, dass die Konzerne jetzt rote Zahlen schreiben.

Windrad und Strommasten bei Hannover (Foto: dpa).

Das Windrad produziert, die Strommasten transportieren Energie

Die Energiewende scheint zu stocken, aufgrund von Diskussionen, wie sie in Bayern geführt werden. Dort ist Ministerpräsident Seehofer gegen Stromautobahnen, die die aus Windkraft produzierte Energie aus dem Norden Deutschlands in den Süden leiten sollen. Scheitert die Energiewende am Dissens von Wirtschaft und Politik?

Die Gefahr sehe ich nicht. Wir brauchen mehr Stromnetze - allerdings nicht zur Durchleitung von Strom aus Kohle. Wenn man das den Menschen klar macht, glaube ich, wird die Akzeptanz steigen.

Es geht den Menschen auch um die Optik von riesigen Windrädern und Strommasten und um mögliche Gefahren, die davon ausgehen könnten.

Natürlich sind mit den Maßnahmen zur Energieversorgung Eingriffe in die Natur verbunden. Aber wir von Greenpeace sind davon überzeugt, dass Kohle- oder Atomkraftwerke größere Veränderungen und Gefahren darstellen. Deutlich wird aber auch, dass die Energiewende vor der Haustür stattfindet. Man muss darüber nachdenken, wie man zum Beispiel Windparks ohne große Beeinträchtigungen für die Anwohner errichtet.

Laut Greenpeace-Szenario soll auch die Energieeffizienz steigen, in dem Gebäude besser gedämmt werden und dadurch der Wärmebedarf sinkt. Doch die Bundesregierung setzt keine Anreize durch Subventionen. Ist das nicht kontraproduktiv?

Energieeffizienz und auch die Wärmeversorgung sind noch blinde Flecken der Energiewende. Die Politik darf sich nicht nur auf den Strombereich konzentrieren Es gilt, den Verbrauch von fossilem Erdgas und Heizöl drastisch zu reduzieren. Wir fordern staatliche Förderprogramme. Die Technologien für eine nachhaltige Wärmeversorgung sind bereits vorhanden.

Tobias Austrup arbeitet als Energie-Experte bei der Umweltorganisation Greenpeace.

Das Interview führte Karin Jäger.

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