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Wirtschaft

Austritt Griechenlands kein Tabuthema mehr

Ein Austritt Griechenlands aus der Währungsunion wird in Europa immer offener diskutiert. Während die Politik bei ihrem Nein bleibt, verliert er für immer mehr Fachleute seinen Schrecken.

Die Worte waren verräterisch: "Falls ein Mitglied eines Clubs - und ich spreche nicht von einem speziellen Land - nicht den Regeln folgt, ist es besser, dass es den Club verlässt", sagte EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso dem italienischen Fernsehen. Worauf seine Sprecherin am Montag (14.05.2012) in Brüssel heftig zurückruderte: "Wir wünschen keinen Austritt." Zudem gebe es in den europäischen Verträgen auch keine Klausel, die ein Verlassen des Währungsclubs ermögliche.

Wohl wahr. "Aber es können eben Dinge geschehen, die nicht in den Verträgen stehen" - so wird der irische Notenbankchef Patrick Honohan zitiert, der auf einer Tagung in der estnischen Hauptstadt Tallin offen über das bisher Undenkbare sinnierte: "Technisch gesehen kann ein Ausstieg Griechenlands abgewickelt werden. Es wäre nicht notwendigerweise tödlich, aber natürlich auch nicht besonders attraktiv."

Scheidung auf freundschaftlicher Basis

Immer mehr Notenbanker halten einen Austritt Griechenlands für verschmerzbar. "Eine Scheidung funktioniert nie reibungslos. Aber ich denke, eine Scheidung auf freundschaftlicher Basis, sollte sie nötig werden, wäre möglich - wenngleich ich sie weiterhin bedauern würde", sagte der belgische Zentralbankchef Luc Coene der Financial Times.

Frankreichs Banken könnten jedenfalls nach den Worten von Zentralbankchef Christian Noyer einen Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone verkraften. Die heimischen Geldhäuser hätten bereits für 75 Prozent ihres Engagements in griechischen Staatsanleihen Vorsorge getroffen, sagte Noyer am Montag auf einer Pressekonferenz. Es wäre für sie keine Schwierigkeit, auch die restlichen 25 Prozent abzudecken. "Ich weiß von keiner Bankengruppe, die in Schwierigkeiten käme bei einem Extremszenario in Griechenland."

Risiken abgearbeitet

Auch das neue Mitglied im deutschen Sachverständigenrat, Claudia Buch, schließt den Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone nicht aus. "Die Geschäftsbanken dürften einen Teil der direkten Lasten, die mit Griechenland verbunden waren, verarbeitet haben", sagte die Banken- und Währungsexpertin dem Handelsblatt.

Natürlich gebe es auch weitere Risiken, die schwer zu beziffern seien. "Aber das kann im Umkehrschluss nicht bedeuten, dass wir jedem Land immer und um jeden Preis helfen müssen", erklärte die 46-jährige Ökonomin, die seit März zu den so genannten Fünf Weisen gehört. Auch der berühmte Domino-Effekt, nach dem Griechenland andere Länder mit in den Abwärtsstrudel reißen könnte, verliert immer mehr seinen Schrecken: "Die Euro-Zone ist derzeit dabei, ihre realwirtschaftlichen Probleme zu lösen", sagte Buch. "Länder wie Irland, Spanien, Portugal und Italien kommen bei der Umsetzung wichtiger Strukturreformen gut voran."