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Politik

Australiens lang erhofftes "Sorry"

Die australische Regierung entschuldigt sich nach Jahrzehnten brutaler Diskriminierung erstmals bei ihren Ureinwohnern. Es bleibt bei warmen Worten: Eine Entschädigung für das Unrecht gibt es nicht.

Windlichter formen die Wörter 'Sorry ist der erste Schritt' vor dem Parlament in Canberra, Australien, 11.2.2008, (Quelle: AP)

Windlichter formen die Worte "Sorry ist der erste Schritt" vor dem Parlament in Canberra

Bereits seit Tagen waren immer mehr Aborigenes in die australische Hauptstadt Canberra gekommen, denn dort hat am Mittwoch (13.2.2007) der neue Ministerpräsident Kevin Rudd von der Labour Party eine Resolution verabschieden lassen, die die langjährige Diskriminierung der Ureinwohner anerkennt und sich dafür entschuldigt. Das lang erwartete "Sorry" im Namen der Nation ist auf Großleinwänden in ganz Australien übertragen worden. Die Abgeordneten und Vertreter der Aborigines applaudierten dem Ministerpräsidenten nach seiner Rede stehend.

Ein Schritt nach vorn

Uhreinwohnerin Matilda House zwischen Premierminister Kevin Rudd (l.) und Oppositionsführer Brendan Nelson bei der Eröffnung der neuen Sitzungsperiode im Parlament in Canberra am 12.2.2008. (Quelle: AP)

Eine Geste der Versöhnung

"Wir entschuldigen uns für die Gesetze und die Politik der aufeinander folgenden Parlamente und Regierungen, die unseren australischen Mitbürgern großen Schmerz, Leid und Schaden zugefügt haben", heißt es in der Rede: "Für die Erniedrigung und Herabsetzung, die einem stolzen Volk und einer stolzen Kultur zugefügt wurden, sagen wir Entschuldigung." Rund 100 Führungspersönlichkeiten der Ureinwohner wurden für die Verabschiedung der Resolution eingeladen, mit der Rudd einen "Schandfleck auf der Seele der Nation" beseitigen will: "Die Zeit ist gekommen für die australische Nation ein neues Kapitel in ihrer Geschichte aufzuschlagen, in dem wir das Unrecht der Vergangenheit ausgleichen und so mit Zuversicht in die Zukunft schreiten", heißt es in dem Text weiter.

Patricia Turner, Sprecherin des Dachverbands "National Aboriginal Alliance", äußerte sich zufrieden: "Endlich zeigt eine australische Regierung Führungskraft", sagte sie. Bei den Ureinwohnern weckt die Geste des neuen Ministerpräsidenten Hoffnung, nach dem sie über zehn Jahre auf eine offizielle Entschuldigung gewartet haben. "Ich hoffe, dass dies einen Neuanfang markiert", sagte der Aborigine Mike Williams mit Bezug auf das künftige Verhältnis zwischen seinem Volk und der Regierung, die seit Herbst 2007 von den Sozialdemokraten gestellt wird. "Für uns ist das wie der Fall der Berliner Mauer", sagte der Aborigine Darryl Towney.

"Gestohlene Generation" im Mittelpunkt

Aborigines feiern mit der traditionellen Rauchzeremonie die Entschuldigung der Regierung, 12.2.2008, (Quelle: AP)

Aborigines freuen sich über die Entschuldigung

Im Zentrum der Entschuldigung steht die so genannte "Gestohlene Generation": Jene Kinder der Aborigines, die der Staat zwischen 1900 und 1970 aus ihren Familien heraus riss, um sie von Weißen nach "weißen Werten" erziehen zu lassen. Diese Praxis fußte auf einer rassistischen Ideologie, wonach Aborigines minderwertig und zum Aussterben verurteilt waren. Deshalb befand der Staat, dass den Kindern Sprache und Kultur der Ureinwohner "ausgetrieben" werden sollten, indem sie in einem rein weißen Umfeld aufwuchsen. Statistiken zufolge wurden auf diese Weise etwa 100.000 Kinder ihren Eltern weggenommen und in Erziehungslager geschickt, wo sie auf ihre späteren Zwangsaufgaben vorbereitet wurden, die sie als Haushaltshilfe oder in anderen Dienstleistungsberufen zu verrichten hatten.

1997 war diese Praxis durch einen Bericht des damaligen Premierministers Paul Keating ins öffentliche Bewusstsein gerückt. "Bringing Them Home" war der Titel und gleichzeitig Antrieb für eine breite Versöhnungsbewegung, die auch eine Entschuldigung der Regierung für das begangene Unrecht forderte. Ein inoffizieller Gedenktag für die zwangsadoptierten Kinder, der "National Sorry Day", wurde 1998 eingerichtet. Doch konservative Politiker, wie etwa der von 1996 bis 2007 amtierende Premierminister John Howard, bestritten jahrelang die Ergebnisse des Berichts über die "Gestohlene Generation".

John Howard boykottiert die Entschuldigung

Aborigines führen ihre traditionellen Farben auf der Wiese vor dem Parlament in Canberra vor, 11.2.2008, (Quelle: AP)

Aborigines: Ein stolzes Volk mit einer stolzen Kultur

Die christlichen Kirchen Australiens, die das Programm der Kinderentwendung unterstützt und in ihren Missionsschulen Umerziehung betrieben hatten, sowie andere gesellschaftliche Institutionen, entschuldigten sich bereits vor zehn Jahren offiziell bei den Betroffenen. Doch John Howard verweigerte in seinen fast 12 Jahren Amtszeit kategorisch sein "sorry", sein Grund: Heutige Australier seien nicht für ungerechte Entscheidungen der Vergangenheit verantwortlich. Aus Protest blieb er auch der historischen Parlamentssitzung am Mittwoch fern.

Finanzielle Entschädigung bleibt aus

Der ehemalige Premierminister von Australien, John Howard, (Quelle: dpa)

John Howard kommt nicht zur offiziellen Entschuldigung

Konkrete Folgen wird das lang erhoffte "sorry" kaum haben: Entschädigungszahlungen hat Rudd bereits ausgeschlossen, er kündigte lediglich an, er wolle sich für eine Verbesserung des Lebensstandards der Ureinwohner einsetzen. Die rund 450.000 Aborigines, die noch in Australien leben, gehören zu den Ärmsten der 21 Millionen Australier. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung ist um 17 Jahre niedriger als die ihrer Landsleute, Krankheit und Kriminalität sind bei ihnen weitaus verbreiteter.

Die juristische Lage ist jedoch schwierig, denn nach australischem Recht war die Entwendung der Kinder damals legal. Viele Kläger der "Gestohlenen Generation" scheiterten daher schon in der Vergangenheit. Erst im vergangenen Jahr sprach ein Gericht in Adelaide erstmals einem Angehörigen der "Gestohlenen Generation" eine Wiedergutmachung zu: Der mit 13 Monaten von seinen Eltern entwendete Bruce Trevorrow bekam Schadensersatz in Höhe von 525.000 australischen Dollar (327.000 Euro) zugesprochen. Mitte Januar hat die Labour-Regierung von Tasmanien außerdem einen Fonds in Höhe von umgerechnet drei Millionen Euro für Wiedergutmachungszahlungen beschlossen.

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