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Ausstellung

Ausstellung im Louvre-Lens: "Die Geschichte beginnt in Mesopotamien"

"Die Geschichte beginnt in Mesopotamien" heißt eine Ausstellung im nordfranzösischen Louvre-Lens. Sie ist Teil eines Programms, das Kulturgütern Asyl gewähren soll. Doch die Exponate haben eine zweifelhafte Geschichte.

Hier soll einst der biblische Garten Eden geblüht haben: Mesopotamien, das Land der Erfindungen. Es brachte die ersten Städte hervor, die ersten Dynastien und die ersten Könige der Menschheit. Anstatt Beeren zu sammeln und Gazellen zu jagen, bewirtschafteten unsere Vorfahren hier zum ersten Mal die Erde und machten sich Tiere zu Nutzen. Errungenschaften, die unser Leben bis heute bestimmen, wurden im Zweistromland zwischen Euphrat und Tigris erfunden.

Heute ist hier Krieg. Der sogenannte Islamische Staat (IS) hat das Land zwischen den beiden Flüssen zu großen Teilen besetzt. Er verkauft die archäologischen Schätze, um sich zu finanzieren oder zerstört, was noch aus der Ära vor unserer Zeitrechnung übrig war - zum Beispiel im Jahr 2015 die antiken Städte Nimrod und Ninive bei Mossul, beides wichtige Zentren des alten Mesopotamiens.

Hollandes Kultur-Asyl

Der französische Präsident François Hollande hat vor einem Jahr darauf reagiert und ein "Asyl für Kulturgüter" ausgerufen. Der Direktor des Louvre, Jean-Luc Martinez, wurde damit beauftragt, dieses Kultur-Asyl in einen Plan zu gießen. Eines der Ziele des 50-Punkte-Plans wurde durch die Ausstellung "L'Histoire commence en Mésopotamie" vom 2. November bis 23. Januar (zu deutsch: "Die Geschichte beginnt in Mesopotamien") umgesetzt, kuratiert von Ariane Thomas im Museum Louvre im nordfranzösischen Lens. Allerdings wurden die meisten der 400 Ausstellungsstücke nicht vor den Fängen des IS gerettet, sondern kommen aus dem Fundus des Louvre selbst. Ariane Thomas enttäuscht das jedoch nicht, wie sie im Gespräch mit der DW sagt: "Wir haben nie darüber nachgedacht, nach Leihgaben aus dem Irak zu fragen. Unsere Kollegen haben mit großen Mühen das Museum in Bagdad wieder eröffnet, um auf die schwere Zerstörung in Mossul zu reagieren. Wegen der vielen Sicherheitsprobleme haben sie verboten, Antiquitäten aus dem Irak zu lassen."

Irak Bagdad Museum Assyrische Statuen (Getty Images/AFP/A. Al-Rubaye)

Wiedereröffnet: Das Irakische Nationalmuseum in Bagdad arbeitet mit dem Louvre-Lens zusammen.

Den Anspruch, Kulturgütern aus Krisengebieten Schutz zu bieten, wird demnach nicht eingelöst. Die Ausstellung basiert allein auf Zusammenarbeit. Archäologinnen und Archäologen aus dem Irak und Syrien kamen in den Louvre zu Trainings und zur Mitarbeit an der Schau im Louvre-Lens. Vor allem mit dem wieder frisch eröffneten Nationalmuseum in Bagdad arbeitet Ariane Thomas für die Ausstellung zusammen.

Auf imperialistischem Fundament

Die antiken Steinplatten und Skulpturen, die heute behütet auf ihren Sockeln im Museum sitzen und für Menschlichkeit werben, haben eine zweifelhafte Vergangenheit. Denn obwohl sie der Louvre heute stolz zu seinem Eigentum zählt, wurden sie vor gut 170 Jahren aus osmanischer Erde gegraben und meist ohne Ausgleich nach Frankreich geschafft. "Die meisten Archäologen im Nahen und Mittleren Osten quälten sich nicht lang damit, eine Erlaubnis zu bekommen, um zu graben und die Artefakte zu exportieren", ordnet der Professor für Kunstgeschichte Frederick Bohrer vom Hood College in Maryland gegenüber der DW ein. Archäologen aus England, Frankreich und Deutschland hätten vielmehr die Macht ihrer Heimatländer genutzt, um zu kriegen, was sie begehrten. Frederick Bohrer fügt hinzu: "Zweifelsohne profitierten Archäologen von der kolonialistischen und imperialistischen Position ihrer Länder, die die Archäologie als Teil des nationalen Interesses nutzten."

Frankreich, Großbritannien und etwas später Deutschland verschafften sich verstärkt ab der Mitte des 19. Jahrhunderts weltweiten Einfluss. Sie beuteten Mensch und Natur aus und zwangen sie, ihre westlichen Werte zu übernehmen. Die stützten sich vor allem darauf, dass sie selbst, die Europäer die überlegene Zivilisation seien und daher das Recht hätten, alle anderen zu unterwerfen. Das galt auch für die damals recht neue Disziplin der Archäologie.

Türkei Anatolien Euphrat Fluß (Imago/Danita Delimont)

Der Fluss Euphrat heute: An diesen Ufern lag einst Mesopotamien.

Der französische Diplomat Paul-Émile Botta war der erste, der im Jahr 1842 Teile der Wiege der Menschheit zu Tage förderte. Seine Funde schickte er an den Louvre nach Paris, um sie dort stolz zu präsentieren. Viele seiner Fundstücke sind auch jetzt wieder in der aktuellen Ausstellung "Die Geschichte beginnt in Mesopotamien" in Lens zu sehen. Wie Botta waren viele der frühen Ausgräber eigentlich Regierungsbeamte, "die das außenpolitische Interesse der Regierung direkt geopolitisch umsetzten", erklärt Zainab Bahrani, Professorin für antike Kunst und Archäologie des Mittleren Ostens an der Columbia University. "Die Archäologie als europäische Wissenschaftsdisziplin war immer eng mit politischen Interessen verbunden." 

Wer bringt mehr Schätze nach Hause?

Das Graben wurde zum Wettlauf der Imperialmächte, um ihre Museen zu füllen und ihre Kontrolle über die wertvollen Orte zu sichern. Alle frühen Archäologen hätten diese antiken Stätten als Teil ihres westlichen Erbes angesehen und leiteten daraus ihren alleinigen Besitzanspruch ab, macht Zainab Bahrani deutlich. Vor allem der französische Louvre und das British Museum buddelten um die Wette. Etwas später schaltete sich auch Deutschland ein. Mit dem Fund des antiken Babylon am Ende des 19. Jahrhunderts konnte es endlich auf Augenhöhe konkurrieren. Das imperiale Scharren im Nahen Osten war in vollem Gange.

Ariane Thomas, die Kuratorin der aktuellen Ausstellung über Mesopotamien, beschwichtigt: "Ich denke, dass wir manchmal etwas zu schnell über andere Epochen nach unseren eigenen Kriterien urteilen, während sich die Zeiten geändert haben. Natürlich würden wir nie das tun, was Paul-Émile Botta getan hat. Andererseits arbeiten wir, weil Leute wie Paul-Émile Botta neugierig waren. Dank seiner ersten Versuche entdeckten wir eine unglaublich lange Geschichte. Aber natürlich würden wir das nie so wiederholen."

Im Louvre Lens blicken zwei tiefblaue Lapislazuli-Edelstein-Augen aus dem Alabaster-Gesicht von Ebih-Il. Der betende Mann sitzt zwischen 400 anderen Stücken des Louvre und wirbt für Präsident Hollandes Kultur-Asyl. Seine unschuldig gefalteten Hände leuchten im weißen Licht. Fast scheint es so, als erflehe er bessere Zeiten für die antike Kunst im Garten Eden.

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