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Deutschland

Ausstellung über Aussiedler: "Alles auf Anfang"

Berlin ist seit jeher Fluchtpunkt für Menschen aus aller Welt, mitunter aus dem eigenen Land. Mehr als eine Million fanden zunächst Unterkunft im Notaufnahmelager Marienfelde. Bald wird es für immer geschlossen.

Eine Frau passiert den Eingang zum Notaufnahmelager Marienfelde. Im Vordergrund das Hinweiseschild mit der Aufschrift: Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde (Foto: dpa)

Berlin war schon immer ein Ort der Zuwanderung. Um 1700 fanden tausende Glaubensflüchtlinge aus Frankreich, sogenannte Hugenotten, den Weg ins aufstrebende Preußen und dessen Zentrum Berlin. Im frühen 20. Jahrhundert bevölkerten rund 200.000 Russen die inzwischen zur Reichshauptstadt aufgestiegene Metropole. Heute gilt Berlin als die Stadt mit der größten türkischen Gemeinde außerhalb der Türkei. Einwanderung ist ein Wesensmerkmal dieser Stadt.

Zur jüngeren Geschichte gehört der Zuzug von Spätaussiedlern und Russland-Deutschen, die nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion in Berlin eine neue Heimat fanden. Die meisten von ihnen landeten zunächst im Stadtteil Marienfelde, wo es seit 1953 ein Notaufnahmelager gibt. Der Ort wurde für rund 1,35 Million Menschen mit den unterschiedlichsten Schicksalen zur ersten Anlaufsstelle in Berlin - und damit ein historischer Ort.

In einer gerade eröffneten Ausstellung wird nun das letzte Kapitel dieses Ortes dokumentiert. Denn künftig soll das Notaufnahmelager Mariefelde nur noch eines sein: Erinnerungsstätte.

Die letzten Bewohner ziehen bald aus

Küche in einer Wohnung der Erinnerungsstätte. Links der Herd, rechts die Arbeitsplatte mit an der Wand hängenden Schränken. Im Hintergrund ein kleiner Beistelltisch mit drei Stühlen (Foto: Thomas Bruns)

Spartanisch, aber ausreichend: eine Küche im Notaufnahmelager

Wenn Irene Heinz in diesen Tagen das Notaufnahmelager Marienfelde besucht, begegnet sie im wahrsten Sinne des Wortes sich selbst. Denn seit dem 16. April ist das aus den 1950er-Jahren stammende Gelände eine Art Museum unter freiem Himmel. Fast alle Häuser, in denen früher bis zu 3000 Menschen lebten, stehen inzwischen leer. Schon bald werden die letzten 59 Bewohner, darunter Flüchtlinge aus dem Irak, ausziehen. Aber schon jetzt kann man eine Musterwohnung besuchen. Nicht etwa, um sie anschließend zu mieten, sondern um sich über die Geschichte dieses facettenreichen Ortes zu informieren.

Im kleinsten Zimmer dieser Musterwohnung ist ein gut acht Minuten dauernder Film zu sehen, in dem Irene Heinz über ihr Schicksal erzählt. Wie sie 1996 mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern aus dem Kaukasus nach Deutschland kam - ins Berliner Notaufnahmelager Marienfelde. Damals war die Musikerin Mitte 30 und konnte kein Wort deutsch. Ihre allerersten Schritte in der neuen Heimat seien mit Marienfelde verbunden, erzählt sie. Vor allem an eine Begebenheit müsse sie immer wieder denken. In der Nähe habe es ein Lebensmittelgeschäft gegeben. "Ich erinnere mich noch an ein Schild an der Tür, auf dem das Wort 'Drücken' stand. Ich wollte ziehen, und eine Kassiererin hat geschrien: Drücken! Drücken! Ich wusste aber nicht, was das bedeutet."

Ein typisch deutsches Wort: Laufzettel

Portraitfoto von Irene Heinz (Foto: DW / Marcel Fürstenau)

Erste Schritte in Marienfelde: Irene Heinz

Noch heute müsse sie jedes Mal an Marienfelde denken, wenn sie das Wort lese, erzählt Irene Heinz schmunzelnd. Mit dem Abstand von knapp 15 Jahren kann sie über die Anlaufschwierigkeiten lachen. Damals allerdings fiel ihr die Eingliederung schwer. Bürokratie dominierte den Alltag. Arbeitsamt, Krankenkasse, Sprachkurse - lauter zunächst unverständliche Dinge und Notwendigkeiten für Irene Heinz, die in diesem Zusammenhang ein typisch deutsches Wort lernte: Laufzettel. Darauf musste alles abhaken, was sie erledigt hatte.

Dass sie ihre alte Heimat Oktjabrskij in Baschkirien verließ, hatte in erster Linie mit der Sorge um ihre Kinder zu tun. Tschetschenien war nicht weit entfernt, und dort herrschte Bürgerkrieg. Die unsichere Situation habe sie fast wahnsinnig gemacht. Deshalb habe sich die Familie entschieden, nach Deutschland zu gehen. "Wir wollten natürlich auch, dass unsere Kinder in einer ganz anderen Gesellschaft aufwachsen." Sie könne nicht sagen, dass die russische Gesellschaft schlecht sei, sie sei einfach anders, meint die Spätaussiedlerin.

Früher kamen vor allem DDR-Flüchtlinge

Menschenschlangen auf dem Gelände des Notaufnahmelagers Ende der 1950er Jahre (Foto: dpa)

Das Notaufnahmelager Ende der 1950er-Jahre

Irene Heinz gehört zu den fast 100.000 Aussiedlern, die seit Mitte der 1960er-Jahre mal für ein paar Wochen, oft auch viel länger im Notaufnahmelager Marienfelde unterkamen. In den Jahren zuvor, seit der Eröffnung 1953, waren es ganz überwiegend Flüchtlinge aus dem Osten Deutschlands, der damaligen DDR. Mit der Wiedervereinigung war dieses Marienfelder Kapitel abgeschlossen, das der Spätaussiedler und Flüchtlinge wird es demnächst auch sein. Denn noch im Jahre 2010 soll dieser Ort nur noch das sein, was er seit 1998 auch schon ist: eine Gedenkstätte von gesamtstaatlicher Bedeutung.

Irene Heinz ist ein Beispiel für gelungene Integration. Ihre musikalische Ausbildung aus Sowjet-Zeiten wurde in Deutschland anerkannt. Sie habe nicht einmal davon geträumt, in einem ihr fremden Land schon nach kurzer Zeit Arbeit zu finden. "Und dann habe ich gleich meinen ersten Vertrag als Chorleiterin bekommen."

Diplome wurden in Deutschland nicht anerkannt

Portraitfoto von Natalie Abalichin (Foto: DW / Fürstenau)

Musste sich einen neuen Job suchen: Natalie Abalichin

Auch die bald 60-jährige Natalie Abalichin aus Karaganda in Kasachstan hatte am Ende Glück, obwohl ihre Berufsausbildung in der neuen Heimat zunächst nichts wert war. "Mein Diplom wurde nicht anerkannt, auch das meines Mannes nicht. Also konnte ich hier nicht als Übersetzerin oder Dolmetscherin für Französisch und Russisch arbeiten", denkt sie an den schweren Start 1995 zurück. Aber sie sei eine Kämpferin und habe sich etwas anderes gesucht.

Inzwischen arbeitet Natalie Abalichin für ein Bestattungsunternehmen, in dem ihre Sprachkenntnisse sehr geschätzt werden, weil viele russischsprachige Menschen zur Kundschaft zählen. Das schlechte Bild, das viele Deutsche von Aussiedlern haben, hält sie für einseitig. Auch wenn man in der Presse Negatives über Spätaussiedler und Russland-Deutsche lese, das sei nicht so, es hänge immer vom einzelnen Menschen ab. "Einige haben viel geschafft, so wie ich. Die anderen hatten nicht viel Kraft oder es fehlte ihnen der Wille. Und anderen fehlte einfach die Orientierung, sie hatten kein Ziel", unterscheidet Natalie Abalichin.

Ihre Einwanderungsgeschichte ist ebenfalls Teil der noch bis Ende Juli zu sehenden Ausstellung im Notaufnahmelager Marienfelde. Der Titel könnte treffender nicht sein: "Alles auf Anfang. Aufnahme und Integration von Aussiedlern in Berlin"

Autor: Marcel Fürstenau
Redaktion: Kay-Alexander Scholz

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