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Geschichte

Aussiedler: Neue Heimat Deutschland?

Arbeitslosigkeit, mangelnde Bildung und Gewalt - Vorurteile, die die öffentliche Diskussion über Spätaussiedler in den 90ern bestimmten. Heute hört man kaum noch etwas davon. Wie geht es Aussiedlern mittlerweile?

Ankunft deutschstämmiger Aussiedler mit Gepäck und großen Taschen auf dem Berliner Flughafen Schönefeld. (Foto: Picture Alliance / ZB)

Aussiedler: Ankunft in der neuen, alten Heimat

In der Wohnung von Edme Mehlhaff stapeln sich schon die Papiere. Seit Jahren kämpft die Spätaussiedlerin darum, dass ihr Sohn Roman in Deutschland leben darf. "Da stehen zwei Worte und dann kommt wieder ein Paragraf. Das können doch nur die Beamten verstehen“, ärgert sich die Rentnerin über den Briefwechsel mit den Behörden. Seit fast 18 Jahren lebt sie nun in Deutschland. Im November 1995 hat sie Almaty, die ehemalige Hauptstadt Kasachstans, Richtung Deutschland verlassen. Sie fand schnell Arbeit, drei Jahre später folgte ihr die Tochter mit Familie. Als auch ihr Sohn Roman nachkommen wollte, begannen die Probleme.

Die Mühlen des Gesetzes

2006 beschloss Roman Mehlhaff, mit seiner Familie nach Deutschland zu ziehen. In seinem Beruf als Pastor der Freien Evangelischen Kirche erlebte er in Kasachstan Anfeindungen. Er und seine Frau Oxana absolvierten den nötigen Deutschkurs am Goethe-Institut, Edme Mehlhaff stellte den Antrag und sammelte die Papiere. Mit seinem Wunsch nach Deutschland zu ziehen, gehört Roman Mehlhaff mittlerweile aber zu einer Minderheit. 2011 kamen rund 2100 Aussiedler in die Bundesrepublik. Als seine Mutter übersiedelte, lag die Zahl noch bei über 200.000 im Jahr.

Apartment-Blocks in Almaty, im Hintergrund die Kungey-Ala-Too Berge Kasachstans (Foto: picture alliance/Gavin Hellier/Robert Harding)

Die Stadt Almaty in Kasachstan: Von hier aus ging Edme Mehlhaff nach Deutschland

"Das Potenzial ist schlicht nicht mehr da“, meint Volker Oltmer, Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück. Schließlich seien von den deutschen Minderheiten, die auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion leben, schon 4,5 Millionen nach Deutschland gekommen. Zudem sei die Einreise, auch wenn es Gesetzesänderungen zugunsten der Spätaussiedler gab, auch nicht einfach: "Auch wenn an Stellschrauben im Gesetzeswerk minimal gedreht wird, ist es noch immer sehr stark auf Kontrolle gerichtet“, so Oltmer. Das musste auch Roman Mehlhaff erfahren.

In Deutschland angekommen

Nachdem die Antwort vom Bundesverwaltungsamt auf sich warten ließ, beschloss er, mit einem Besuchervisum einzureisen. Im Dezember 2007 erreichte er Deutschland mit seiner Familie. Auf der Behörde erfuhr Mehlhaff, dass über seinen Antrag noch nicht entschieden sei, im Februar 2008 wurde er abgelehnt. Die Familie zog erfolglos vor Gericht. Er und seine Familie wurden in Deutschland geduldet, eine Aufenthaltserlaubnis erhielten sie aber nicht. Trotzdem bauten sie sich hier ein Leben auf: Oxana hatte eine Stelle als Putzfrau, er arbeitete wieder als Pastor für die Freie Evangelische Kirche und die Kinder besuchten die Schule.

Volker Oltmer, Professor am Professor am Institut für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien an der Universität Osnabrück (Foto: Universität Osnabrück)

Volker Oltmer forscht an der Universität Osnabrück zu Migration in Deutschland

Viele Aussiedler hätten sich gut in Deutschland integriert, sagt Oltmer. In den 90er und frühen 2000er Jahren habe es Schwierigkeiten mit Arbeitslosigkeit und mangelnden Bildungschancen gegeben. Auch gab es Vorurteile: Gewalt und Drogen wurden oft im Zusammenhang mit Aussiedlern thematisiert. "Mittlerweile haben sich viele Probleme erledigt oder minimiert. In den 90er Jahren waren die Dimensionen so erheblich, man hätte damals nie erwartet, dass eine solche Normalisierung eintreffen würde", erklärt Oltmer.

Zurück nach Almaty

Fünf Jahre lebten die Mehlhaffs in Deutschland. Dann wurde die Duldung nicht mehr verlängert. Um einer drohenden Abschiebung zu entgehen, kehrten sie im August 2012 nach Almaty zurück. Dass auch andere Aussiedler - allerdings freiwillig - Deutschland wieder verlassen haben, weiß Volker Tegeler. Er ist Geschäftsführer der Arbeiterwohlfahrt in Bremerhaven, dem Träger des Projekts Heimatgarten.

Volker Tegeler - Geschäftsführer AWO Bremerhaven (Foto: AWO Bremerhaven)

Betreute ein Projekt für Rückkehrer: Volker Tegeler von der Arbeiterwohlfahrt Bremerhaven

Im Rahmen des Projekts gab es in Karlsruhe seit 2007 als einzige offizielle Stelle in Deutschland eine Beratung für rückkehrwillige Aussiedler. Dieses Jahr wurde das Büro geschlossen, denn die Finanzierung durch das Land Baden Württemberg ist ausgelaufen. Nach hohem Interesse zu Beginn des Projekts sei das Interesse an der Beratung aber auch gesunken, so Tegeler. Insgesamt hat die Stelle rund 460 Aussiedler beraten, verlassen haben Deutschland schließlich knapp 170.

Wer kehrt zurück?

Übersicht des Grenzdurchgangslagers Friedland (Foto: dpa)

Hier kamen viele Aussiedler an: das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen

Von Anfang an sei das Thema vom Staat tabuisiert worden. "Von der Bundesregierung hieß es immer: Die gibt es nicht“, erzählt Tegeler. Dass es eine solche Rückwanderung sehr wohl gab, bestätigt Jochen Oltmer: "Entweder werden die Chancen, die man sich ausgerechnet hatte, nicht erfüllt, oder aber man war erfolgreich und möchte im Alter zurück.“ Manche nutzen ihm zufolge auch ihre Transnationalität, um erfolgreich zwischen den Ländern zu wirtschaften.

Roman Mehlhaff will jedoch wieder nach Deutschland zurück. Als die Familie ausreiste, meinte ihr Rechtsanwalt: "Nach drei Monaten ist das geklärt". Das ist jetzt ein Jahr her, ein geplanter Gerichtstermin wurde abgesagt, einen neuen gibt es noch nicht. Seitdem "schweben sie in der Luft", sagt Edme Mehlhaff. Sie wird weiter ihre Dokumente hüten müssen.

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