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Kultur

Ausschreitungen in Italien nach Tod eines Lazio-Fans

Entsetzen in Italien: Schon zum zweiten Mal in diesem Jahr wirft ein tödlicher Zwischenfall seinen Schatten auf den Fußball im Land des Weltmeisters. Nach dem Tod eines Fans kam es zu Ausschreitungen gegen die Polizei.

Gabriele Sandri wurde auf einem Rastplatz erschossen, Quelle: AP

Gabriele Sandri wurde auf einem Rastplatz erschossen

Polizisten und Atalanta-Fans stehen sich in Bergamo gegenüber, Quelle: AP

Polizisten und Atalanta-Fans stehen sich in Bergamo gegenüber

Der gewaltsame Tod eines Fans hat den italienischen Fußball am Sonntag (11.11.2007) an den Rand des Abgrunds getrieben. Nachdem ein 26 Jahre alter Anhänger von Lazio Rom auf dem Weg zum Auswärtsspiel seines Clubs bei Inter Mailand auf einem Autobahnrastplatz von einem Polizisten erschossen worden war, kam es vor vielen Spielen zu schweren Ausschreitungen und Angriffen auf die Ordnungskräfte. Mehrere Polizisten wurden verletzt. Der italienische Fußballverband sagte das Spitzenspiel von Meister Inter gegen Lazio ab.

"Tragischer Fehler"

Der Lazio-Fan Gabriele Sandri wurde am Sonntag auf einer Autobahnraststätte in der Nähe von Arezzo erschossen. Ein Verkehrspolizist hatte den Schuss mit seiner Dienstwaffe abgegeben und Sandri in dessen Auto getroffen. Dies berichtete der Rechtsanwalt der Familie des Opfers, Luigi Conti. Die vom Polizisten abgefeuerte Kugel war offenbar durch die Heckscheibe in Sandris Auto eingedrungen und hatte den Fan getroffen, so Conti. Das Fahrzeug, ein Renault Megane, wurde für weitere Ermittlungen beschlagnahmt. "Es war ein tragischer Fehler. Unser Polizist hat eingegriffen, um Gewalttätigkeiten zwischen kleinen Gruppen von Ultras auf der Autobahnraststätte zu verhindern", sagte der Präfekt von Arezzo, Vincenzo Giacobbe.

Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer unter den Tifosi aller Clubs. Vor dem San Siro-Stadion in Mailand skandierten Lazio-Fans vor den Polizeisperren: "Mörder, Mörder". Nachdem sich die Inter-Fans mit den Lazio-Anhängern verbrüderten, drohte die Lage zu eskalieren. Rund 400 Fans zogen durch die Straßen und bewarfen eine Polizeidienststelle mit Steinen.

Wütende Fans

Spurensuche im Wagen des Toten, Quelle: AP

Spurensuche im Wagen des Toten

Überschattet wurde der Spieltag zudem von schweren Krawallen in Bergamo. Das Duell zwischen Atalanta und Champions-League-Sieger AC Mailand wurde am Sonntagnachmittag abgebrochen, nachdem Hooligans versucht hatten, eine Glasbarriere niederzureißen. Schon vor Spielbeginn war es zu Ausschreitungen gekommen. Eine Gruppe von Atalanta-Ultras bewarf vor dem Stadion einen Polizei-Jeep mit Steinen, Milan-Hooligans griffen außerdem die Polizisten mit Stöcken und Steinen an. Zwei Beamte wurden verletzt, die Sicherheitskräfte setzten Tränengas ein.

Die übrigen Partien wurden unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen mit zehnminütiger Verspätung angepfiffen, Spieler und Schiedsrichter liefen mit Trauerflor auf. Ministerpräsident Romano Prodi äußerte sich "höchst besorgt" über die tragischen Ereignisse.

Fackelzug für Sandri

Am Sonntagnachmittag fand in Rom ein Fackelzug zum Gedenken an Sandri statt. Vor dem Giuseppe-Meazza-Stadion in Mailand kam es zu Demonstrationen von Ultras gegen die Polizei. Die Demonstranten verlangten die Demission von Innenminister Giuliano Amato.

Auch auf den Internetseiten der Fan-Clubs entlud sich die Wut in Hass-Tiraden gegen die Polizei. "Für den Polizisten habt ihr die Liga gestoppt, aber ein Fan ist euch nichts wert", riefen aufgebrachte Fans in Mailand und forderten die Absage aller Partien des 12. Spieltags. Bei schweren Fan-Ausschreitungen war am 2. Februar ein Polizist in Catania von Randalierern erschlagen worden. Auch zahlreiche Politiker in Rom vertraten die Forderung. "Es ist unverständlich, dass der Fußball weiter rollt", klagte Grünen- Fraktionschef Angelo Bonelli. "Es war richtig, die übrigen Partien anzupfeifen", verteidigte dagegen FIFC-Präsident Giancarlo Abete die höchst umstrittene Entscheidung.

Nach dem Tod des Polizisten hatte die Regierung die Gesetze gegen Gewalt rund um den Fußball drastisch verschärft, das Problem jedoch nicht in den Griff bekommen. Justizminister Clemente Mastella forderte deshalb am Sonntag "noch härtere Maßnahmen" gegen gewaltbereite Fuballfans.

Erst vor kurzem war in Italien eine Studie veröffentlicht worden, wonach die Anzahl von Verletzten durch Krawalle in der Nähe von Fußball-Stadien im Vergleich zur vergangenen Saison um 80 Prozent zurückgegangen seien. Allerdings sei das Gewaltpotenzial ungebrochen und die wirklichen Ursachen nur schwer zu bekämpfen, hieß es in der Studie. (stu)

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