1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Ausreise endlich geglückt!

Nach 15 erfolglosen Ausreiseanträgen ist der chinesische Schriftsteller Liao Yiwo erstmalig zu Gast in Berlin. Und damit auch zum ersten Mal im Ausland. In China ist sind seine Romane, Reportagen und Gedichte verboten.

Der chinesische Schriftsteller Liao Yiwu posiert in Berlin hinter dem Haus der Kulturen der Welt. Liao Yiwu nimmt am 10. internationalen Literaturfestival teil. (Foto: dapd)

"Ich fühle mich fast irreal" - Schriftsteller Liao Yiwu

Liao Yiwu steht in einem erdfarbenen, langärmligen Leinenhemd und einer weißen Hose auf der Bühne. In der Hand hält er eine Klangschale. Behutsam bringt er sie zum Klingen, sein Blick ist nach unten gerichtet. Der Theatersaal im Haus der Kulturen ist nahezu ausverkauft. Bis jetzt wurde noch kein Wort gesprochen, die Lesung beginnt mit wortlosen Klängen.

Ausverkaufter Theatersaal im Haus der Kulturen der Welt (Foto: DW / Nadine Wojcik).

Großes Interesse an Liao Yiwus Lesung in Berlin

Es grenzt fast an ein Wunder. 15 Ausreiseanträge hatte Liao Yiwu in den vergangenen Jahren gestellt – jeder wurde bislang abgelehnt. Auch als er 2009 offiziell zur Frankfurter Buchmesse eingeladen war. Aber jetzt hat es endlich geklappt: Anlässlich des diesjährigen internationalen Literaturfestivals in Berlin ist dem chinesischen Schriftsteller zum ersten Mal die Ausreise geglückt. "Für mich ist es wie ein Traum. Ich fühle mich fast irreal", sagt der 52-Jährige auf einer Pressekonferenz in Berlin. Liao Yiwu war noch nie zuvor im Ausland. Bis Ende Oktober kann er dank des Projektes "LiteraturRaum" noch in Berlin bleiben. Der Schriftsteller betont, dass er auf jeden Fall nach China zurückkehren wolle und hoffe, dort "als freier Mensch leben zu können".

Verbotene Literatur

Die Literatur von Liao Yiwu steht in China auf der sogenannten schwarzen Liste. Das war nicht immer so: In den 80er Jahren galt er als einer der bekanntesten jungen Dichter im Land und veröffentlichte regelmäßig in wichtigen Literaturmagazinen. Der gewaltsam niedergeschlagene Volksaufstand auf dem Tiananmen-Platz 1989 war dann die Zäsur für Liao Yiwu. Wegen des Gedichts "Massaker" kam er für vier Jahre ins Gefängnis.

Liao Yiwu spielt während der Lesung eine traditionelle chinesische Flöte (Foto: DW/Nadine). Wojcik

Liao Yiwu auf der Lesung in Berlin. Ein buddhistischer Mönch hat im im Gefängnis das Flötespielen beigebracht.

Die Zeit in Haftwar prägend für Liao Yiwu. Hier traf er auf die - wie er sagt - Menschen von unten. Diese Begegnungen inspirierten ihn zu seinem späteren Interviewband "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser". "Vor meiner Gefängnisstrafe hatte ich keinen Kontakt zu den Menschen von ganz unten. Erst im Gefängnis habe ich sie kennengelernt - und bin einer von ihnen geworden."

"Menschen vom Bodensatz der Gesellschaft"

Für das Buch "Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten" hat Liao Yiwu Toilettenputzer, Prostituierte, ehemalige politische Häftlinge oder Straßenkünstler interviewt. Erschienen ist das Buch bislang in Taiwan, sowie in deutscher und englischer Übersetzung. In China ist der Interviewband verboten, wird aber, wie Liao Yiwu erzählt, unter der Hand doch vereinzelt gelesen.

Chinesischer Schriftsteller Liao Yiwu auf einer Pressekonferenz in Berlin (Foto: DW/Nadine Wojcik).

"Ich bin stur wie ein Esel."

Gelassen und selbstironisch berichtet Liao Yiwu auf einer Pressekonferenz von den jahrelangen Schikanen der chinesischen Behörden. "Was mich von ihnen unterscheidet ist, dass wir einen unterschiedlichen Geschmack haben: Was ich schön finde, finden sie überhaupt nicht schön. Und was die Behörden schön finden, interessiert mich nicht."

Ein Journalist fragt den Schriftsteller, ob er das Gefühl habe, auch in Deutschland unter Beobachtung zu stehen. Liao Yiwu winkt ab. Er sei in erster Linie Schriftsteller, er müsse sich ums Schreiben sorgen und nicht darum, ob er beobachtet werde oder nicht.

Autorin: Nadine Wojcik

Redaktion: Esther Broders

Liao Yiwu: Fräulein Hallo und der Bauernkaiser: Chinas Gesellschaft von unten.

Verlag: S. Fischer

ISBN: 978-3-10-044812-5 Preis (EURO): 22,95

Die Redaktion empfiehlt