1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Ausnahmezustand in Stralsund

Wegen des Bush-Besuchs in Stralsund steht der Wahlkreis von Angela Merkel Kopf: Höchste Sicherheitsvorkehrungen, verschweißte Gullydeckel und geschlossene Cafés führen bei den Bürgern zu Missmut.

default

Höchste Sicherheitsvorkehrungen in der Hansestadt an der Ostseeküste

Seit Tagen schon müssen die Bewohner der mittelalterlichen Altstadt von Stralsund mit diversen Begleiterscheinungen des Bush-Besuchs leben. Am Boden und aus der Luft leuchteten Sicherheitsexperten jeden Winkel aus, Kanaldeckel wurden zugeschweißt, die Bürger wurden instruiert, wie sie sich zu verhalten haben.

Ausgangssperre für die Bewohner

Eine Café-Besitzerin in der Fußgängerzone hält nicht viel von diesem hohen Besuch, denn: "Wir müssen den ganzen Tag zumachen, das ist natürlich schlecht für unser Geschäft." Nicht nur Lokale und Geschäfte sind vom Vorabend des Bush-Besuchs bis eine Stunde nach seinem Abflug aus Stralsund geschlossen.

Auch die Bewohner der Altstadt dürfen so lange ihre Wohnungen nicht verlassen, die Fenster nicht öffnen, sich nicht einmal an ihnen zeigen. Sonst könnten die Scharfschützen auf den Dächern nervös werden. Selbst am Hafen dürfen den ganzen Tag keine Schiffe be- und entladen werden, weil Bush dort einmal vorbeifährt.

Spontane Einladung angenommen

Vorbereitung in Stralsund vor dem Besuch von Georg W. Bush

Tausende von Polizisten sind im Einsatz

Stralsund liegt im Wahlkreis der Bundestags-Abgeordneten Angela Merkel. Als die Bundeskanzlerin im Januar 2006 beim Präsidenten in Washington war, zeigte er sich erfreut über die Nachfolgerin von Gerhard Schröder. Schließlich waren die Beziehungen zwischen Deutschland und den USA infolge der harschen Ablehnung des Irak-Kriegs unter Schröder merklich abgekühlt.

Die neue Bundeskanzlerin Merkel dagegen hatte die Pflege der deutsch-amerikanischen Beziehungen ganz oben auf ihre Agenda gesetzt. Bush nahm es Merkel daher nicht einmal übel, dass auch sie einiges an seiner Politik zu kritisieren hatte: "Eine Institution wie Guantanamo kann und darf auf Dauer nicht existieren, das ist meine Aussage und meine Haltung und meine Meinung. Und die werde ich, so wie ich sie hier sage, auch anderswo sagen."

Angela Merkel bei George Bush in Washington

Merkel und Bush am 4. Mai 2006 in Washington

George Bush fragte im Januar und bei Merkels zweitem Washington-Besuch im Mai interessiert nach ihrer ostdeutschen Herkunft und ihrem Leben unter dem Kommunismus. Und so schlug sie ihm vor, auf dem Weg zum G8-Gipfel in Sankt Petersburg (15.-17.7.) doch bei ihr im Wahlkreis vorbeizuschauen. Dieser Besuch ist freilich mit einigem Aufwand verbunden.

Infrastruktur schnell aufpoliert

Weit über 12.000 Polizisten sichern die vier Orte ab, an denen der Präsident sich während seines Besuchs aufhält: Den Flughafen Rostock-Laage, das Ostsee-Bad Heiligendamm, in dessen Grand Hotel Bush zwei Mal übernachtet, die Stadt Stralsund und das Dorf Trinwillershagen, in dem es am Donnerstag abend (13.7.) ein Barbecue gibt. In Heiligendamm ist schnell noch die Straße vom Hubschrauber-Landeplatz zum Grand Hotel erneuert worden; die Ruinen des alten Seebads hundert Meter weiter wird Bush wohl nicht zu Gesicht bekommen.

Auf 20 Millionen Euro schätzt die Landesregierung von Mecklenburg-Vorpommern die Gesamtkosten des Besuchs. Viele Bürger haltend das für rausgeschmissenes Geld. Offiziell aber sieht die Stadt Stralsund, die wie die ganze Region vom Tourismus lebt, den Besuch positiv. "Man wird Stralsund in Erinnerung haben", sagt Birgit Wacks, die Leiterin der Tourismuszentrale. "Die Medien werden sich in ihren Reiseteilen Stralsund vornehmen. Das lesen dann die Reiseveranstalter und im Endeffekt wird es dazu beitragen, dass Stralsund bekannter wird."

Sehenswert ist Stralsund, das mit seiner Backstein-Gotik zum UNESCO-Welterbe erhoben wurde, allemal. Zumindest, wenn die Straßencafés geöffnet sein dürfen und nicht an jeder Ecke ein muskulöser junger Mann von den Sicherheitsdiensten mit Krawatte und Handy am Ohr steht.

Die Redaktion empfiehlt