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Europa

Auslaufmodell Wehrpflicht

Die Bundeswehr soll eine Wehrpflichtarmee bleiben. In anderen europäischen Ländern ist sie hingegen abgeschafft. Doch auch Berufsarmeen kosten ihre Regierungen viel Geld und Geduld, wie die Erfahrungen zeigen.

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Niederländische Soldaten im Auslandseinsatz

Als nur noch ein Drittel der jungen Männer zum Wehrdienst einberufen wurde, hatten die Niederländer endgültig die Nase voll: 1996 beschlossen sie, keine Wehrpflichtigen mehr einzuziehen. Neben der fehlenden Wehrgerechtigkeit hatte die niederländische Armee noch weitere Schwächen: Grundwehrdienstleistende durften nur mit ihrer Zustimmung in Auslandseinsätze geschickt werden und konnten ihre Meldung bis zum Tag der Abreise zurückziehen. Kein Zustand für eine moderne Einsatzarmee, fand die Regierung in Den Haag.

Schwierige Rekrutierung in den Niederlanden

Als sie dann aber nach freiwilligen Soldaten für die neue Berufsarmee suchte, kam die Ernüchterung, erinnert sich der frühere niederländische Generalstabschef Henk van den Bremen: "Es stelle sich heraus, dass die Rekrutierung der Soldaten am Anfang sehr schwierig war."

Bundeswehr in Deutschland

Bundeswehrsoldaten in der General-Hans-Graf von Sponeck-Kaserne in Germersheim

Der vergleichsweise niedrige Sold war ein Grund für die Zurückhaltung der Niederländer, deren Arbeitsmarkt weitgehend intakt ist - und wer setzt da schon als schlecht bezahlter Panzergrenadier sein Leben aufs Spiel? Um die Soldaten angemessen bezahlen zu können, verkleinerte die Regierung die Armee auf unter 50.000 Mann und stellte notgedrungen mehr Geld fürs Personal zur Verfügung.

Teure Berufssoldaten in Frankreich

Die Hoffnung, dass eine Berufsarmee billiger sein würde, mussten sich auch die Franzosen abschminken, die 2001 die letzten Wehrpflichtigen aus den Kasernen entlassen haben. Mit der Professionalisierung stiegen die Ansprüche der Soldaten beim Sold. Der frühere französische Generalstabschef Jacques Lanxade resümiert: "Für uns war die Verfügbarkeit von Soldaten nicht das Hauptproblem, sondern die Kosten einer Berufsarmee. Weil wir die Personalkosten unterschätzt haben, haben wir jetzt große Schwierigkeiten mit unserem Beschaffungsplan (für Waffen und Ausrüstung)."

Obwohl Berufsarmeen in der Regel deutlich kleiner sind, kommen sie den Steuerzahler also teurer zu stehen als Wehrpflichtarmeen. Dafür sind sie international besser einsetzbar, weil auf die Soldaten im Grundwehrdienst bei Auslandseinsätzen keine Rücksicht genommen werden muss. Allerdings braucht eine Berufsarmee auch ein ganz anderes Ausbildungssystem als eine Wehrpflichtarmee.

Berufsausbildung in Großbritannien

Der ehemalige britische Generalstabschef Peter Inge erinnert sich an den Übergang zur Berufsarmee in Großbritannien Anfang der 1960er-Jahre. "Wir haben nicht nur ein ausgefeiltes Rekrutierungssystem aufgebaut, sondern auch ein sehr gutes, aber sehr teures Ausbildungssystem. Wir haben militärische Berufsakademien eingerichtet, wo wir Techniker, Fernmelder und Mechaniker ab dem Alter von 15 Jahren ausgebildet haben. Sie bekamen dort sowohl eine sehr gute Berufsausbildung als auch eine sehr gute militärische Ausbildung."

Die britische Armee, durch den Irak-Krieg und diverse Auslandseinsätze am Rande ihrer Kapazitäten, wird gerade zu einer noch mobileren, flexibleren Truppe umgebaut. Schließlich reicht das Aufgabenspektrum der europäischen Armeen heutzutage von schnellen Interventionen mit Eingreiftruppen über die weltweite humanitäre Hilfe bis hin zu langen friedenserhaltenden Einsätzen - vom Kampf gegen terroristische Bedrohungen ganz zu schweigen.

Gefährliche Entwicklung

Berufssoldaten können solche hoch spezialisierten Aufgaben zwar ungleich besser bewältigen als Wehrpflichtige. Aber es besteht auch die Gefahr, dass eine Berufsarmee sich von der Gesellschaft entfernt, wenn Soldaten nur noch als gut bezahlte Berufskämpfer wahrgenommen werden. "Ich empfinde das so: Die britische Armee wird zwar von der Gesellschaft respektiert, aber sie ist sozusagen zur Nebensache geworden, zu einer Gruppe am Rand. Wenn diese Wahrnehmung stärker werden würde, hielte ich das für sehr gefährlich", sagt der britische Ex-Generalstabschef Inge.

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