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Fokus Osteuropa

Ausländische Studenten in Russland haben immer mehr Angst

In Russland wächst der Rassismus: Wirtschaftliche Not, Perspektivlosigkeit und der Verlust von Werten geben ihm Nahrung. Opfer sind neben Menschen aus dem Kaukasus und Zentralasien auch Studenten aus Afrika und Asien.

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Skinheads in Moskau

Wenn Spartak Moskau Fußball spielt, bleibt Abdoulaye Parry in seinem Wohnheim. Der Student aus Guinea hat Angst, nach den Spielen auf Hooligans zu treffen. Angst vor Rache an ihm, wenn ein Schwarzer für die gegnerische Mannschaft ein Tor geschossen. Und auch sonst reduziert Abdoulaye seine Ausflüge in Moskau auf ein Minimum: "Wenn wir uns außerhalb des Campus aufhalten, fühlen wir uns bedroht. Wir rechnen jeden Moment damit, verprügelt oder angegriffen zu werden."

Gute Bildung für wenig Geld

Rund 30.000 ausländische Studenten studieren nach Angaben des russischen Statistikamtes in Russland. Vor allem Asiaten und Afrikaner suchen hier gute Bildung für wenig Geld: 600 Euro nimmt die renommierte Kasaner Staatsuniversität pro Studienjahr. Und selbst die berühmteste Uni Russlands, die Moskauer Lomonossow-Universität, verlangt im Schnitt nur 2700 Euro - ein Bruchteil dessen, was die Studenten an vergleichbaren Universitäten in Großbritannien oder den USA zahlen müssten. Und auch das tägliche Leben ist in Russland billiger. Schon zu sozialistischen Zeiten kamen die Studenten aus den sozialistischen Bruderstaaten. So zum Beispiel aus Vietnam oder Guinea. Für Studenten aus Guinea übernimmt der russische Staat sogar die Studiengebühren - bis heute.

Ein Vorteil für Abdoulaye Parry. Schon sein Vater hat in der Sowjetunion studiert. Jetzt studiert er selbst Internationale Beziehungen an der Moskauer Universität der Völkerfreundschaft. Zwei Jahre hat Abdoulaye noch vor sich: "Dann möchte ich zurück nach Hause, weil ich hier unter Bedingungen lebe, die mir wenig Freude machen zu bleiben. Ich mache hier mein Diplom und kehre zurück nach Guinea."

Hohes Maß an Fremdenfeindlichkeit

Vor allem in den russischen Metropolen Moskau und St. Petersburg sowie in Provinzstädten mit hohem Ausländeranteil haben die Studenten mit Fremdenfeindlichkeit zu kämpfen. In Petersburg haben Mitte Oktober Rechtsradikale einen Studenten aus Vietnam erstochen. Im südrussischen Woronesch demonstrierten Hunderte ausländische Studenten nach dem Mord an dem 24-jährigen Amar Lima aus Guinea-Bissau tagelang gegen die Behörden. Sie hätten sie vor Skinheads nicht ausreichend geschützt, so der Vorwurf der Studenten.

Auf dem Land dagegen sind Afrikaner noch ein Kuriosum; dort werden sie eher bestaunt und photographiert. 60 Prozent der Russen teilen fremdenfeindliche Ansichten, so das Ergebnis von Umfragen. Dabei hatte die Sowjetunion die Völkerfreundschaft fast zur Staatsdoktrin erhoben. Doch das ist 15 Jahre her, so Swetlana Ganuschkina vom Moskauer Büro für Menschenrechte. Seitdem gibt es das neue Russland mit all seinen wirtschaftlichen und sozialen Problemen: "Die Jugend hat ihr Wertesystem verloren, ohne ein neues zu finden. Die allgemeine Ratlosigkeit schürt Aggressionen, die ein Ventil brauchen. Zu ihrem Objekt werden Fremde, das heißt Menschen mit eindeutig nicht-russischem Aussehen."

Die Polizei schaut weg

Ganz oben auf der Hass-Skala stehen Kaukasier, Menschen aus den zentralasiatischen Republiken sowie Afrikaner und Asiaten. Westeuropäern gegenüber sind die Russen dagegen fast übertrieben freundlich und zuvorkommend. Fremdenfeindlichkeit, gepaart mit mangelnder Zivilcourage vieler, das gibt es eben auch in Russland, genau wie anderswo. Allerdings schauen hier auch die weg, die für die öffentliche Ordnung zuständig sind, die Polizisten zum Beispiel. Für Swetlana Ganuschkina sind sie neben den Jugendlichen, die zweite Risikogruppe, die anfällig ist für rechtsradikales Gedankengut. Über 300 Übergriffe aus rassistischen Motiven hat das Moskauer Büro für Menschenrechte im vergangenen Jahr registriert. Vermutlich sind es mehr - denn wenn Polizisten mit den rechten Schlägern sympathisieren - wird vieles vertuscht. Swetlana Ganuschkina: "Wenn sie jemanden verprügelt haben, werden sie aufs Polizeirevier gebracht und da sagt man ihnen dann: "Das habt ihr gut gemacht, Jungs. Wir dürfen nicht mitprügeln, aber bestrafen werden wir euch auch nicht".

Harmloses Rowdytum?

Nur fünf Mal haben Richter im vergangenen Jahr Urteile wegen Straftaten aus ethnischem Hass gefällt. Meist werden Schläger nur wegen "harmlosen Rowdytums" verurteilt. Auf 50.000 Skinheads schätzen Experten die rechtsextremistische Szene Russlands. Doch Staat und Gesellschaft handeln kaum gegen die Fremdenfeindlichkeit. Dafür müsse der Staat dies erst einmal wollen, so Swetlana Ganuschkina: "Ich kann nur vermuten, dass so Protest kanalisiert werden soll. Damit die Jugend sich einigermaßen ruhig gegenüber der Staatsmacht verhält, wird so ihr Unmut gelenkt."

Zwei Gesichter der Gesellschaft

Für Abdoulaye Parry aus Guinea bedeutet das, er kann den Campus meist nur in einer Gruppe verlassen. Trotzdem hat er auch die sprichwörtliche russische Herzlichkeit kennen gelernt. Inzwischen sind die meisten seiner Freunde Russen - mit ihnen hat er das anfängliche Misstrauen längst überwunden: "Ich habe zwei Gesichter der russischen Gesellschaft gesehen. Sehen sie, an der Universität helfen uns die Mädchen aus unserer Klasse. Die Jungs erklären uns bestimmte Dinge noch mal langsam. Das sind sehr nette Menschen. Wir bitten Sie um Hilfe, und sie helfen uns. Die sind wirklich sehr nett."

Erik Albrecht
DW-RADIO, 17.3. 2005, Fokus Ost-Südost