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Afrika

Ausländerhass hat Südafrika nie verlassen

Tausende Menschen haben in Johannesburg gegen die Welle fremdenfeindlicher Gewalt protestiert. Die Zivilgesellschaft muss helfen, den Tribalismus zu überwinden, meint die südafrikanische Journalistin Naomi Mackay.

Er habe sich mit dem Bürgermeister von Johannesburg, Parks Tau, getroffen und könne versprechen, dass die Normalität innerhalb einer Woche wieder zurückkehren werde. Dies erklärte kürzlich Pravin Gordhan, südafrikanischer Minister für kooperative Regierungsführung und traditionelle Angelegenheiten.

Ich verstehe, dass es wichtig ist, den Menschen gut zuzureden - den Menschen, deren Leben durch die Gewalt zerstört worden sind. Dass man sich um sie kümmern werde, dass sie in Sicherheit seien. Trotzdem hängen mir die Ereignisse der vergangenen Wochen noch nach, deshalb ist die "Rückkehr zur Normalität" nicht das, was ich erwarte - mit allem Respekt gegenüber Minister Gordhan.

Nach der wochenlangen Berichterstattung über die Ausschreitungen, dem Zählen von Toten und Verletzten, wendet sich unser Newsroom allmählich wieder anderen Geschichten zu, die bald die Medien dominieren werden. Ausländerhass wird von den Titelseiten verschwinden und aus dem Blickfeld geraten.

Fremdenfeindlichkeit ist tief in der Gesellschaft verankert

Aber die traurige Wahrheit ist, dass der arme Teil der Bevölkerung, der in informellen Siedlungen und Townships lebt, wieder einmal die Hauptlast der Gewalt tragen musste. Südafrikaner wie ich, die in den Vororten wohnen, sind abgeschirmt von den Qualen der Armen, von der Gewalt, die sie erdulden.

Das Fehlen von politischer Führerschaft, insbesondere in den Townships, hat uns in diese Situation gebracht. Fremdenfeindlichkeit ist tief in der Gesellschaft verankert, genau wie Tribalismus und Rassismus. Was wir jetzt brauchen, ist eine starke politische Führung.

Entmenschlichung als erster Schritt

Die Regierung, die ich gewählt habe, hat uns im Stich gelassen. Ich finde es beschämend, dass die Regierung drei Wochen lang gebraucht hat, den Zulu-König Goodwill Zwelithini zur Rechenschaft zu ziehen. Aber was noch beschämender ist, ist die Verteidigung, die losgetreten wurde, um Zwelithinis Ruf wieder herzustellen.

Einer meiner Kollegen kommt aus Simbabwe und spricht und versteht Zulu. Er übersetzt einen Teil von Zwelithinis Rede so: "Wir haben Läuse auf unseren Köpfen. Wir müssen sie loswerden und in die Sonne legen, damit sie sterben. Die Ausländer müssen ihre Sachen packen und gehen."

Südafrika Naomi Mackay Assistant Editor Tageszeitung The New Age

Naomi Mackay ist Redakteurin bei der südafrikanischen Zeitung "The New Age"

Die Nazis, die Apartheidsregierung und unzählige andere Regime haben die Personen, die ihnen als Zielscheibe dienten, entmenschlicht, bevor sie einige der schlimmsten Gräueltaten in der Menschheitsgeschichte begingen. Und von uns erwartet man, dass wir zu Zwelithini stehen und seine Entschuldigungen akzeptieren.

Vielleicht, weil wir Angst vor einem König mit unermesslicher Macht haben? "Hätte ich in diesem Land einen Krieg ausgerufen, dann würde dieses Land jetzt in Schutt und Asche liegen", hat er noch in dieser Woche gesagt. Und das von einem König, der dem Politik-Analysten Max du Preez zufolge nur den Zuspruch von 20 Prozent der Südafrikaner genießt!

Tribalismus schlägt immer stärkere Wurzeln

Ich komme aus der Provinz Ostkap und als Aktivistin zu Apartheidszeiten war Tribalismus ein absolutes "No-Go". Wir verstanden die Rolle, die die Oberhäupter in den Bantustans spielten (als Bantustan wurden in Südafrika geographisch definierte Gebiete der Schwarzen bezeichnet, Anm.d.Red.), als reaktionär und als gegenrevolutionär, denn viele von ihnen steckten mit dem Apartheid-Staat unter einer Decke.

Mir fällt es schwer, zu akzeptieren, dass die traditionellen Oberhäupter in einer Demokratie einen Status erlangt haben, der weit über die Rolle hinausgeht, die sie in der heutigen Zeit spielen sollten: die von Vermittlern und Beratern - nicht von Stammeshäuptlingen. Post-Apartheid-Tribalismus schlägt immer stärkere Wurzeln. Er ist auch die Ursache meiner Wut, die ich angesichts der fremdenfeindlichen Angriffe heutzutage und nach 1994 empfinde.

Viele Südafrikaner verstehen nicht, welchen Nutzen Einwanderer für dieses Land haben. Sogar einige meiner Kollegen haben mich in den vergangenen Wochen schockiert. Sie sagten, dass Ausländer in ihre Heimat zurückkehren sollten, damit Südafrikaner die Möglichkeit haben, ihre Probleme alleine zu lösen. Und dann leugnen sie, dass aus diesen Äußerungen Ausländerfeindlichkeit spricht.

Die Gemeinsamkeiten betonen

In Wahrheit hat der Ausländerhass Südafrika nie verlassen. Ohne einen politischen Aktionsplan wird er immer wieder sporadisch ärmere Gemeinschaften heimsuchen. Es ist an der Zeit, sich aufzurichten und zuzuhören, und dann angemessen auf die Klagen der Menschen zu reagieren, die keine Arbeit haben, keine Zukunft, keine angemessene Unterbringung. Deren Kinder Opfer von Drogen und Prostitution geworden sind, die den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen. Rücksichtsloses Vorgehen wird von den Menschen gebilligt, die die Schuld für ihre Armut bei Ausländern sehen, die ihnen angeblich ihre Jobs wegnehmen.

Zivilgesellschaftliche Organisationen waren das Rückgrat der Befreiungsbewegung im Kampf gegen die Apartheid. Sie sind noch immer die effektivste Möglichkeit, Menschen im Kampf gegen Ausländerfeindlichkeit und andere Vorurteile zusammen zu bringen - wenn nur unsere politischen Führer auf allen Ebenen für sie eine Lanze brächen.

Bis dahin müssen wir darauf bauen, dass Bürgerorganisationen den Kampf vorantreiben. Die Botschaft dabei sollte sein: Jeder, der in diesem Land lebt, hat das Recht, in Frieden und Sicherheit zu leben. Wir wären besser dran, wenn wir unsere Gemeinsamkeiten als Menschen, die im gleichen Land leben, bewerben. Stattdessen klammern wir uns an ethnischen Unterschieden fest. Dies wird uns nicht dabei helfen, die Einheit zu schaffen, die wir gerade so dringend benötigen.

Deswegen können wir nicht einfach zurück zur Normalität - sonst misslingt uns die Revolution ein weiteres Mal.

Naomi Mackay arbeitet für die südafrikanische Zeitung "The New Age".

Dieser Artikel spiegelt ihre persönliche Meinung wider und damit nicht zwangsläufig die ihres Arbeitgebers.