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Deutschland

Ausländer forschen gern in Deutschland

Jeder zehnte aller 800.000 Forscher in Deutschland ist Ausländer, Tendenz steigend. Die Bundesrepublik hat als Wissenschaftsstandort offenbar eine große Anziehungskraft. Doch noch läuft nicht alles rund.

Der Wissenschaftsstandort Deutschland steht vor einer Herausforderung: Im Jahr 2030 werden in Deutschland schätzungsweise 2,1 Millionen Menschen in den Bereichen Forschung und Entwicklung arbeiten. Zwei Drittel dieser Jobs werden an Hochschulabsolventen vergeben. Diese Zahlen hat das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) in einer aktuellen Studie veröffentlicht.

Angesichts der Prognosen zur Bevölkerungsentwickelung ist klar, dass Deutschland dringend noch mehr ausländische Wissenschaftler benötigen wird, um diese große Zahl an Stellen zu besetzen.

Von Deutschland überzeugt

Die meisten der ausländischen Wissenschaftler, die bereits hier tätig sind, zeigen sich zufrieden mit Deutschland als Arbeits- und Lebensort. Nicht zuletzt durch die Exzellenzinitiative von Bund und Ländern haben viele deutsche Universitäten in ihr Angebot investieren können und sind dadurch für Forscher aus anderen Ländern attraktiver geworden. Auch weltweit hoch angesehene Forschungseinrichtungen locken internationale Spitzenwissenschaftler ins Land, zum Beispiel die Max-Planck-Institute und die Helmholtz-Gesellschaften, aber auch große Konzerne mit ihren Forschungseinrichtungen.

Georg Scholl, Leiter Referat Presse, Kommunikation und Marketing der Alexander-von-Humboldt-Stiftung (Foto: AHS)

Georg Scholl: "Die Willkommens-Kultur ist besser geworden"

Eine gute Ausstattung der Hochschulen ist jedoch nur ein Aspekt, der zum Wohlbefinden beiträgt, sagt Georg Scholl, Pressesprecher der Alexander-von-Humboldt-Stiftung: "Wir befragen alle Stipendiaten, wie sie sogenannte weiche Faktoren erlebt haben wie Kinderbetreuung, Bürokratie oder Englischkenntnisse in der Bevölkerung. Und dort sind 91 Prozent so zufrieden, dass sie sagen, sie kommen gerne wieder." Kritik habe es vor allem an der schwerfälligen Bürokratie und der nahezu aussichtslosen Wohnungssuche in Universitätsstädten gegeben.

Mittlerweile haben zahlreiche Universitäten auf die Kritik reagiert und versuchen, die "Willkommens-Kultur" zu verbessern. Dafür haben sie - eine Idee der Humboldt-Stiftung aufnehmend - spezielle Anlaufstellen für ausländische Akademiker eingerichtet. An diesen "Welcome Points" erhalten die forschenden Gäste Hilfe bei allen organisatorischen Fragen, die sie sonst unnötig lange von ihrem wissenschaftlichen Alltag abhalten würden.

Naturwissenschaftler und Ingenieure

Von den rund 800.000 Wissenschaftlern in Deutschland sind mehr als 80 Prozent Angehörige der sogenannten ISCO-2-Berufsgruppe. Darunter versteht man vor allem Naturwissenschaftler und Ingenieure. Auch bei den ausländischen Forschern sind mit rund 11 Prozent überdurchschnittlich viele Mathematiker und Informatiker vertreten. Dieses Ergebnis ist für Andreas H. Block, Autor der BAMF-Studie "Ausländische Wissenschaftler in Deutschland", ein gutes Zeichen: "Vor dem Hintergrund des oft beklagten Fachkräftemangels ist das natürlich ein Ergebnis, das auch die Wirtschaft freuen dürfte, dass wir qualifiziertes Personal in Engpassbereichen nach Deutschland holen."

Makrobiologie-Studentin im Max-Planck-Institut für Molekulare Pflanzenphysiologie (Foto: Bernd Settnik, picture-alliance/dpa)

Die meisten ausländischen Forscher gehen zurück in ihre Heimatländer

Mehr als die Hälfte der ausländischen Wissenschaftler stammt laut der Studie aus EU-Ländern. Für sie gilt die Arbeitnehmerfreizügigkeit innerhalb der Europäischen Union. Doch auch für Forscher aus Nicht-EU-Ländern wie China, Indien und den USA ist die Bundesrepublik ein attraktives Ziel. Die rechtlichen Rahmenbedingungen seien einer OECD-Studie zufolge im weltweiten Vergleich sehr gut, so BAMF-Experte Block. Außerdem seien gerade für Wissenschaftler, die nach Deutschland kommen wollen, in letzter Zeit diverse Erleichterungen eingeführt worden: "Die Arbeitsmarktprüfung wird sukzessive zurückgefahren, die Gehaltsgrenzen werden in Mangelberufen angepasst und mit Einführung der Blauen Karte hat man ja auch noch einen Titel, der für Forscher prinzipiell auch interessant ist."

Blaue Karte EU (elektronischer Aufenthaltstitel) in Deutschland (Quelle: Bundesgesetzblatt 2012, I S. 1230)

Die Blaue Karte der EU wird von internationalen Forschern bislang nur selten genutzt

Seine Studie empfiehlt, es müsse beobachtet werden, ob sich die von der EU in Anlehnung an die in den USA übliche Green Card eingeführte Blaue Karte (Blue Card), mit der Bürgern von Drittstaaten der Aufenthalt in der EU ermöglicht wird, positiv auf die Entwicklung auswirkt. Darüber hinaus sei im Aufenthaltsgesetz zusätzlich zu den Bestimmungen für Qualifizierte und Hochqualifizierte mit dem Paragraf 20 eine eigene Bestimmung für die Gruppe der Forscher eingeführt worden. Die werde zwar noch nicht von vielen genutzt, weil die meisten Forscher ihre Aufenthaltsgenehmigung über andere Kriterien erhalten, doch grundsätzlich sei es eine für Wissenschaftler gute Option, sagt Block.

Brain circulation

Die Zuwanderung ausländischer Wissenschaftler nach Deutschland hat für die Herkunftsländer eine Kehrseite: Wenn Spitzenkräfte weggehen, kann nach Ansicht mancher Experten ein sogenannter "Braindrain" einsetzen. Das bedeutet, dass hochqualifizierte Experten fehlen, die sonst in die Sozialsysteme in ihren Heimatländern einzahlen würden. Andreas H. Block lässt dieses Argument jedoch nicht gelten. Die meisten Forscher würden nach einem Auslandsaufenthalt in ihr Land zurückkehren. Das bestätigt Georg Scholl von der Humboldt-Stiftung. Dort spreche man statt von "Braindrain" von "Brain circulation": Die meisten unserer Stipendiaten gehen ja nach dem Forschungsaufenthalt in ihr Heimatland und kommen im Laufe der Zeit immer wieder nach Deutschland zurück, laden ihrerseits Deutsche zu sich ins Ausland ein. Also wir bauen auf ein Netzwerk und weniger auf einen Standort."

Deshalb sollten die jeweiligen Staaten dafür sorgen, dass die Bedingungen für die Rückkehrer so attraktiv wie möglich sind, meint Andreas H. Block. "Als Herkunftsland hat man die Chance, dass dann diejenigen, die wieder zurückkehren gegebenenfalls sogar die wirtschaftliche Entwicklung noch besser und weiter vorantreiben als wenn jemand im Herkunftsland geblieben wäre."

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