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Asien

Ausgezeichnete "Ärztin der Armen"

Die afghanische Ärztin Sima Samar bekommt den Alternativen Nobelpreis 2012. Die schwedische Preiskommission würdigte damit ihren jahrzehntelangen Kampf für Bildung, Gleichberechtigung und Menschenrechte in Afghanistan.

Sima Samar (Foto:AP/dapd)

Sima Samar

Als die afghanische Ärztin Sima Samar erfuhr, dass ihr der Alternative Nobelpreis 2012 verliehen wird, reagierte sie erst einmal mit aller Bescheidenheit: "Ich muss sagen, dass ich eigentlich nichts Außergewöhnliches geleistet habe. Aber die Umgebung, in der ich arbeite, ist schon sehr schwierig", erklärte die Preisträgerin im DW-Interview.

Genau dieser Umstand hatte wohl auch die schwedische Kommission zu ihrer Entscheidung bewogen. Ausgezeichnet wurde Sima Samar nämlich insbesondere für ihr jahrelanges Engagement, "das sie ständiger Lebensgefahr aussetzt", sowie für ihren "Mut und ihre Entschlossenheit (...) in einer der instabilsten Regionen der Welt". Mit ihrer Wahl kam die Alternative Nobelpreiskommission ihren "regulären" Kollegen in Oslo zuvor. Denn Sima Samar gehört auch zum Favoritenkreis beim Friedensnobelpreis, dessen Preisträger zwei Wochen später in Norwegens Hauptstadt bekannt gegeben werden.

Bescheiden, geradlinig und unbequem

Afghanische Frauen in Burkas (Foto:ap)

Gleichberechtigung in Afghanistan existiert oft nur auf dem Papier

In Afghanistan ist die 55-jährige Samar als "Ärztin der Armen" bekannt, als Frau, die sich zeit ihres Lebens für die Ausbildung von Menschen am Rand der Gesellschaft, für die Gleichberechtigung von Frauen und für universale Menschenrechte eingesetzt hat.

Dabei hatte Sima Samar es von Beginn an nicht leicht. Denn die Ärztin gehört der in Afghanistan häufig unterdrückten schiitischen Minderheit der Hasara an. Dennoch schaffte Sima Samar Anfang der 1980er Jahre den Abschluss ihres Medizinstudiums an der Universität von Kabul, musste aber nach der sowjetischen Invasion ins Nachbarland Pakistan fliehen. Ihr Ehemann war zuvor verschleppt worden und ist seitdem nie wieder aufgetaucht.

Insgesamt 17 Jahre verbrachte Sima Samar im Exil in Pakistan. Als junge Ärztin arbeitete sie lange Zeit in einem afghanischen Flüchtlingslager. In der pakistanischen Grenzstadt Quetta errichtete sie 1987 das erste Krankenhaus für afghanische Frauen und Kinder. Zwei Jahre später gründete sie die Schuhada-Organisation, die mittlerweile mehr als hundert Schulen sowie 15 Krankenhäuser und Ambulanzen beiderseits der Grenze betreibt.

Auch nach der Machtübernahme durch die Taliban setzte die Ärztin sich weiter für die medizinische Versorgung und die schulische Erziehung von Frauen und Kindern ein. Nach dem Einmarsch der US-Truppen 2001 kehrte sie nach Afghanistan zurück und wurde Ministerin für Frauenangelegenheiten in der afghanischen Übergangsregierung. 2002 trat sie jedoch zurück und übernahm stattdessen den Vorsitz der unabhängigen Menschenrechtskommission von Afghanistan. Mit ihrer Arbeit dort geriet sie wegen unbequemer Aussagen und Berichte immer wieder mit der Regierung von Präsident Hamid Karsai in Konflikt. Und das ist auch gut so, erklärt Sima Samar: "Alleine die Einrichtung einer Menschenrechtskommission in einem Krisenstaat wie Afghanistan ist schon eine große Errungenschaft", ist sie im DW-Interview überzeugt. "Durch uns wissen viele Afghanen erst, dass sie überhaupt Grundrechte besitzen."

"Dieser Preis ist ein Signal"

Afghanische Schulkinder (Foto: DW/Soroush Kazemi)

Bildung ist für Sima Samar entscheidend für die Entwicklung Afghanistans

Auch deswegen halten Experten wie Thomas Ruttig vom Afghanistan Analysts Network die Auszeichnung Samars für "hochverdient". Schließlich arbeite ihre Menschenrechtskommission in einer "zunehmend unfreundlichen Umgebung", so Ruttig. Die Regierung unter Hamid Karsai habe etwa Veröffentlichungen der Kommission zum Thema Kriegsverbrechen durch frühere Mudschaheddin verhindert. Auch sei die Unterstützung der Kommission durch westliche Staaten in den vergangenen Jahren immer weiter zurückgegangen. "Insofern ist der Preis auch ein politisches Signal, Afghanistan angesichts des westlichen Truppenrückzugs nicht zu vergessen", so Ruttig. Viele Probleme des Landes seien noch immer nicht gelöst.

Das sieht auch Sima Samar selbst so. Trotz ihres jahrzehntelangen Engagements ist etwa die Lage der Frauen in Afghanistan nach wie vor schwierig. Zwar ist die Gleichberechtigung mittlerweile in der afghanischen Verfassung verankert, bei der Umsetzung gebe es jedoch nach wie vor massive Probleme. Und auch die Situation der Menschenrechte bleibe kritisch. Am wichtigsten in Afghanistan sei jedoch der Ausbau des Bildungssektors. Schulen und Ausbildung, so die frischgebackene Preisträgerin, seien der "Schlüssel zu einer gedeihenden Gesellschaft mit weniger Armut und Respekt vor den Menschenrechten". Doch trotz aller noch immer bestehenden Probleme im Land bleibt Sima Samars Optimismus ungebrochen. Das Land sei schon mehrfach durch schwierige Situationen gegangen, "und wir haben überlebt", sagt sie. "Wir werden auch diese überleben."

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