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Literatur

Ausgewählt: Zehn Buchtipps für den Herbst

Die Frankfurter Buchmesse beginnt! Jochen Kürten und Sabine Peschel haben sich abseits der Bestsellerlisten durch die Flut an Neuerscheinungen gelesen. Erstes Fazit: Lesenswert sind nicht nur Romane.

Thomas Lang: Immer nach Hause

Keinen geringeren als den deutschen Literaturnobelpreisträger Hermann Hesse hat sich der Autor Thomas Lang als Hauptfigur für seinen Roman "Immer nach Hause" ausgesucht. Kann das gut gehen? Ein Schriftsteller, über den schon so unendlich viel geschrieben wurde, und dem die Literaturwelt heute sehr kritisch gegenübersteht? Es geht gut, das vorweg. Lang beschränkt sich bei seinem Doku-Roman auf die Jahre 1904 bis 1912, es ist die Zeit Hesses erster Ehe mit der neun Jahre älteren Mia Bernoulli. Die beiden gründen einen Hausstand am Bodensee, Mia bekommt drei Kinder. Hesse ist nach seinen Romanen "Peter Camenzind" und "Unterm Rad" schon ein bekannter, wenn auch noch nicht berühmter Autor. Und er ist ein Autor in der Krise. Die Ehe ist voller Zwänge, die Vaterschaft überfordert den sensiblen Schriftsteller. Er flüchtet, in die Kur, in die Abgeschiedenheit des Monte Verità. So ist "Immer nach Hause" ein Künstler- und ein Eheroman, ein Buch über Weltflucht und Schreibkrisen eines Individualisten.

Thomas Lang: "Immer nach Hause". Roman, München (Piper Verlag) August 2016, 384 Seiten

 

Wilhelm Genazino: Außer uns spricht niemand über uns

Ein verschrobener Einzelgänger ist auch der (fiktive) Held in Wilhelm Genazinos neuem Roman "Außer uns spricht niemand über uns". Die Romane des Büchner-Preisträgers von 2004 erscheinen nicht mehr auf den Long- und Shortlisten des Deutschen Buchpreises. Genazino ist bereits ein moderner Klassiker. Manche meinen, der 1943 in Mannheim geborene Autor schreibe inzwischen immer wieder das gleiche Buch. Da mag tatsächlich etwas dran sein. Da gleicht Genazino seinem Geistesverwandten Woody Allen. Der dreht auch Jahr für Jahr den gleichen Film. Der Leser trifft also auch in "Außer uns spricht niemand über uns" auf einen Protagonisten, der sich mit einer unglücklichen Frau herumschlagen muss, der viel über Sexualität nachsinnt, der an den Anforderungen der profanen Welt verzweifelt und der immer knapp bei Kasse ist. Wenn einer wie Genazino das so witzig und virtuos erzählt, wenn er Sätze zu Papier bringt, die den Leser mit wunderbarer Lakonie und Abgründigkeit verblüffen, dann bleibt das ein großes Lesevergnügen. Auch bei der soundsovielten Wiederholung!

Wilhelm Genazino: "Außer uns spricht niemand über uns". Roman, Berlin (Carl Hanser Verlag) Juli 2016, 160 Seiten


J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens

Ein Lesevergnügen ist auch das literarische Debüt des Amerikaners J. Ryan Stradal. Man könnte auch sagen: Beim Lesen des Romans läuft einem das Wasser im Munde zusammen. Denn es geht ums Kochen. Und ums Essen. Ums Genießen. Stradals Hauptcharakter Eva Thorvald hat so etwas wie den perfekten Geschmackssinn. Was sie von ihren Eltern mit auf den Weg bekommen hat. Wobei Eva noch nicht einmal bei den leiblichen Eltern aufwächst. Wie Stradal die einzelnen Zutaten erst im Finale zu einem großen Ganzen zusammenfließen lässt, das ähnelt einem ausgeklügelten Speiseplan mit zum Teil scharf gewürzten, aber fast immer gut abgeschmeckten Gerichten. Stradal streut auch Rezepte in seinen Text ein. Man kann sie nachkochen. Schön auch, dass der junge Amerikaner am Ende, wenn man als Leser denkt, jetzt laufe alles auf ein süßliches Hollywood-Happy-End hinaus, auf ein überzuckertes Dessert verzichtet.

J. Ryan Stradal: "Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens". Roman mit sieben Rezepten, aus dem Amerikanischen von Anna-Nina Kroll, Zürich (Diogenes Verlag) August 2016, 432 Seiten

 

Ottessa Moshfegh: McGlue

Alles andere als zuckrig ist auch das Erzähldebüt der jungen Amerikanerin Ottessa Moshfegh, "McGlue". Die in den USA geborene Autorin mit iranisch-kroatischen Wurzeln knüpft mit ihrer Novelle an große Vorbilder an: Hermann Melville und Edgar Allan Poe standen Pate. Moshfeghs Protagonist McGlue ist ein heruntergekommener Seemann, schwer alkoholisiert und im Delirium, vor sich hin faselnd, verstört und orientierungslos. Ein Mord wird ihm vorgeworfen. Doch warum soll McGlue ausgerechnet seinen Freund und Förderer Johnson ums Leben gebracht haben? Der Leser erfährt all das vor allem aus dem Munde des Seemanns selbst. Das Buch ist ein wilder, fast durchgängiger Monolog mit Sätzen wie diesen: "Die Farbe kriecht vom Fenster durch die Augäpfel in meinen Bauch und rührt und schlägt etwas auf, das nichts als ein wässriges Tränenreservoir sein sollte. Salem macht einen klebrigen Brei aus meiner Trübsal." Ein furios geschriebenes Stück Literatur.

Ottessa Moshfegh: "McGlue". Roman, aus dem Englischen von Anke Caroline Burger, München (Liebeskind Verlag) August 2016, 142 Seiten

 

Louise de Vilmorin: Der Brief im Taxi

In eine ganz andere Welt entführt uns die französische Schriftstellerin Louise de Vilmorin, deren Roman aus dem Jahre 1958 uns der Dörlemann-Verlag als Wiederentdeckung präsentiert. "Der Brief im Taxi" ist einer jener kleinen, funkelnden literarischen Kabinettstückchen, die man in jenen Jahren öfters lesen konnte und die dann von der literarischen Moderne hinweggefegt wurden. Heute liest man sie wieder mit Vergnügen. De Vilmorin erzählt von einem verhängnisvollen Brief, der während einer Taxifahrt verloren geht und eine Kette unvorhergesehener Ereignisse auslöst. Ein sehr charmanter Kurzroman, der eine vergessene Epoche französischer Geschichte wieder in Erinnerung ruft. Louise de Vilmorin, Verlobte von Antoine de Saint-Exupéry und zeitweilige Geliebte Jean Cocteaus, war eine Meisterin derartiger literarischer Schmuckstückchen, ihren bekanntesten Roman "Madame de…" verfilmte Max Ophüls 1953.

Louise de Vilmorin: "Der Brief im Taxi". Roman, aus dem Französischen von Patricia Klobusiczky, Zürich (Dörlemann Verlag) August 2016, 208 Seiten

 

Mathias Enard: Kompass

Wir bleiben in Frankreich, aber der Blick geht in die Ferne. "Ex Oriente Lux", das Licht kommt aus dem Osten – Enards Roman liest sich wie eine literarische Diskussion des lateinischen Spruchs, der die jahrhundertelange Passion des Westens für die orientalische Kultur ausdrückt. "Der Orient der Lichter, der Osten, die Richtung, in die der Kompass weist" ist für den Musikwissenschaftler Franz Ritter in Wien nach dem Schock einer alarmierenden medizinischen Diagnose Gegenstand seiner Beschwörung. In einer schlaflosen Nacht ruft er Dutzende Autoren der europäischen und der Weltliteratur als Zeugen auf, von Homers Odyssee über Omar Kayyams Rubaiyat bis zu Fernando Pessoa, zitiert sie in immer neuen Umdeutungen. Aleppo, Palmyra, Teheran und die Strudelhofstiege geraten nebeneinander, verbinden sich in ihrer Bedeutung. Ritters ferne Liebe, die bekannte Orientalistin Sarah, darf am Ende vom "Geschenk der Vielfalt" schreiben und davon, dass die Welt Vermischung brauche. Ein Pathos, das der Text zwar gleich wieder in Frage stellt, das sich aber trotzdem wie ein Fazit liest. Für sein monumentales Werk erhielt Enard in Frankreich 2015 den Prix Goncourt.

Mathias Enard: "Kompass". Roman, aus dem Französischen von Holger Fock und Sabine Müller, Berlin (Carl Hanser Verlag) August 2016, 432 Seiten

 

Saul Friedländer: Wohin die Erinnerung führt. Mein Leben

Saul Friedländer ist einer der bedeutendsten Historiker der Judenvernichtung. Jetzt hat er den zweiten Band seiner Memoiren vorgelegt. Im ersten, dem 1979 auf Deutsch erschienenen "Wenn die Erinnerung kommt", erzählt der als Pavel Friedländer geborene Autor die Geschichte seiner Kindheit und frühen Jugend: die ersten Lebensjahre in Prag, die Kriegszeit in Frankreich, den Aufbruch nach Israel im Juni 1948. Eine Geschichte des Verlusts – und des Strebens nach Normalität. In seinem neuen Buch schreibt der mit zahllosen Preisen ausgezeichnete emeritierte Professor aus Los Angeles und Tel Aviv über sein Leben danach: Ereignisse seit seiner Rückkehr als Student nach Paris 1953, dann die "Lehrjahre", in denen er "auf der Suche nach einer Identität und einer Berufung von Ort zu Ort, von Land zu Land" zog, die Zeit als junger Dozent in Jerusalem, die Begegnung mit Deutschland und der Aufenthalt am Berliner Wissenschaftskolleg 1985/86, und schließlich sein Leben in den USA. Friedländer ist an vielen Vorgängen von großem öffentlichen Interesse beteiligt – die eingebundenen Fotos belegen das. Sie spiegeln auch seine Sichtweise, die das Buch prägt: Immer ist mit den intellektuellen und politischen Debatten Persönliches verknüpft. Neben Anwar Sadat und Menachem Begin, Elie Wiesel und Hans Mommsen finden sich Kinder und Enkelkinder – und Hund Bonnie. Elegant und leicht hat der Friedenspreisträger von 2007 ein großes zeitgeschichtliches Panorama entworfen – immer verknüpft mit der Gefühlswelt eines Holocaust-Überlebenden. Eine hochspannende Autobiografie, ein zeitgeschichtliches Dokument, ein wichtiges Buch.

Saul Friedländer: "Wohin die Erinnerung führt. Mein Leben", nach dem englischen Manuskript übersetzt von Ruth Keen und Erhard Stölting, München (C.H.Beck) September 2016, 329 Seiten. Das englische Original erscheint erst im November.

 

Ross Thomas: Porkchoppers

"Man kann an der Ostküste einen ziemlich guten Mord für um die sieben- oder achttausend bekommen, falls es um jemanden geht, der viel Staub aufwirbeln wird." Donald Cubbins Tod fällt in diese Kategorie. Von den Leitartiklern wird er als das Hinscheiden eines schillernden Gewerkschaftspolitikers gefeiert. "Porkchopper", das sind im Gewerkschafts-Slang Funktionäre, die wissen, auf welcher Seite das Brot gebuttert ist. Tatsächlich ist der Präsident einer der wichtigsten amerikanischen Gewerkschaften aber "ein Alkoholiker, der weiß, dass er rund zwanzig Minuten am Tag klar denken kann", wie Jochen Stremmel in den Nachbemerkungen zu seiner Neuübersetzung des 1972 im amerikanischen Original erschienenen Politthrillers schreibt. Dass man einen Killer auf ihn angesetzt hat, weiß er allerdings nicht… Ross Thomas, geboren 1926 in Oklahoma, war in den 1950er Jahren AFN-Korrespondent in Bonn und Frankfurt, Wahlkampfberater von Politikern und Gewerkschaftssprecher. In seinen Romanen schöpft er aus seinen Insider-Kenntnissen, um die Hintergründe des amerikanischen Politikbetriebs zu entlarven. Die deutsche Erstübersetzung von 1973 war stark gekürzt, eine Neuübersetzung dringend notwendig. Sie brachte Thomas' knappe, dialogreiche und von Slang durchsetzte Sprache mit ihrem ironischen Grundton so ins Deutsche, dass aus dem Krimi mit dem damaligen Titel "Wahlparole Mord" ein überaus lesenswerter Politthriller wurde.

Ross Thomas: "Porkchoppers", Politthriller. Neuübersetzung aus dem Amerikanischen von Jochen Stremmel, Berlin (Alexander Verlag) September 2016, 309 Seiten

 

Die Reise in den Westen 

Der zaubermächtige Affenkönig Sun Wukong ist in China viel mehr als eine literarische Figur. Er steht für Rebellion, Freiheit und Phantasie. Jedes Kind kennt ihn. Die Geschichten, die er gemeinsam mit dem Eber Bajie und dem Mönch Tripitaka im Roman "Die Reise in den Westen" erlebt, haben in Spielfiguren, Bilderbüchern, Mangas und Trickfilmen, in Computerspielen, der Oper und der Werbung längst ihren Niederschlag gefunden. Dabei ist der Text mit ungewisser Autorschaft aus dem 16. Jahrhundert keinesfalls nur eine einfache Abenteuergeschichte, sondern einer der vier großen Romane der klassischen chinesischen Literatur. Der Reiseroman um die Heimholung der buddhistischen Schriften von Indien nach China hat ein vielschichtiges Weltbild zum Hintergrund, mit komplexen Einflüssen buddhistischer, daoistischer und konfuzianischer Philosophie. Eva Lüdi, die seit 25 Jahren in China lebt, hat den Ming-zeitlichen Roman mit seinen 1320 Seiten zum ersten Mal vollständig übertragen und seine tieferen Bezüge für ein deutschsprachiges Publikum offengelegt. Lesen sollte man das Buch aber nicht aus Ehrfurcht vor dieser unfassbaren Leistung, sondern aus Vergnügen an einem oft komischen Panoptikum der literarischen Mythologie Chinas – und als einen der wichtigsten Romane der Weltliteratur.

"Die Reise in den Westen". Roman, aus dem Chinesischen von Eva Lüdi Kong, Stuttgart (Reclam Verlag), 1320 Seiten. Erscheinungstermin: Mitte Oktober 2016

 

Jane Gardam: Letzte Freunde

Unsere letzte Empfehlung ist eine Erinnerung: unbedingt weiterlesen! Im Sommer haben wir bereits die ersten beiden Bände der "Old Filth"-Trilogie vorgestellt. Darin schreibt Gardam über die miteinander verknüpften Leben des Hongkonger Richters Edward Feathers, seiner Frau Betty und Edwards Rivalen Veneering. Jetzt ist der dritte Teil auf Deutsch erschienen, mit dem die Perspektive Veneerings ergänzt wird. Bei aller Unterhaltsamkeit ist Gardams Trilogie auch ein komplexes Porträt der Nachkriegszeit im britischen Commonwealth mit ihrer großen sozialen Mobilität. Und im letzten Band ebenso wieder ein herrlich ironischer Blick der englischen Autorin auf das bewegte Leben im (post)kolonialen British Empire!

Jane Gardam: "Letzte Freunde". Dritter Roman der "Old Filth"-Trilogie, aus dem Englischen von Isabel Bogdan, Berlin (Carl Hanser Verlag) September 2016, 240 Seiten

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