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Kultur

Ausgewählt – die Shortlist des Deutschen Buchpreises

Zum Auftakt der Frankfurter Buchmesse wird der beste deutschsprachige Roman des Jahres ausgezeichnet. Eine unabhängige Jury hat nun die sechs Titel bekanntgegeben, die um den Deutschen Buchpreis konkurrieren.

Die Journalisten, Kritiker und Buchhändler, aus denen sich die Jury des zehnten Deutschen Buchpreises zusammensetzt, haben monatelang gelesen und diskutiert. Insgesamt 167 Titel haben Verlage aus Deutschland, Österreich und der Schweiz bei ihnen eingereicht. 20 schafften es auf die Longlist, die am 13. August bekannt gegeben wurde. Aus dieser engeren Auswahl haben die Juroren nun sechs Titel für die Shortlist ausgewählt, die wir hier in alphabetischer Reihenfolge vorstellen:


Thomas Hettche: "Pfaueninsel"

"Die junge Königin stand einen Moment einfach da und wartete, dass ihre Augen sich an das Halbdunkel des Waldes gewöhnten. Gerade eben noch hatte sie auf der sonnigen Wiese Ball gespielt, jenes englische Spiel mit den hölzernen Hämmerchen, das dem König so sehr gefiel."

Was klingt wie der Anfang eines Märchens, ist der Beginn eines wilden historischen Romans, in dem auch eine tragische Liebesgeschichte und ziemlich viel Zivilisationskritik Platz haben. Kaum haben sich die Augen der schönen preußischen Regentin Luise an das Dämmerlicht gewöhnt, nimmt sie im Unterholz der Pfaueninsel den hässlichen Zwerg Christian wahr. Ein Monster, wie ihr entfährt. Ein Wort wie ein Pfeil, der auch das Leben von Christians Schwester Marie vergiftet und sich beim fabulierfreudigen Thomas Hettche zum Abgesang auf eine Welt auswächst, in der noch Platz war für Abweichung und Unregelmäßigkeit. Trauer weht durch das preußische Arkadien, Trauer weht aus diesem anrührenden Buch.

Thomas Hettche
"Pfaueninsel"

Verlag Kiepenheuer & Witsch


Angelika Klüssendorf: "April"

"Die junge Frau klingelt an der Wohnungstür im Erdgeschoss. Auf dem Schild steht in verschnörkelter Schrift: Frl. Jungnickel. Ein Vogel zwitschert, zwei kurze Triller, dann ist es wieder still."

Sie nennt sich "April', nach dem Song der Band Deep Purple. Mit hundert Ost-Mark in der Tasche und der Zuweisung für das düstere Zimmer beim mürrischen Fräulein Jungnickel hat man die junge Frau ins Erwachsenenleben entlassen - aus den Heimen, in denen sie die letzten Jahre überlebt hat. Trotz all der Schläge, Strafen und Demütigungen. In ihrem verstörenden Buch "Das Mädchen", das vor drei Jahren erschien (und es ebenfalls auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises schaffte), hat Angelika Klüssendorf die Geschichte dieser verletzten Kinderseele mit gewetzten Worten erzählt. "April" ist dessen Fortsetzung, eine Achterbahnfahrt durch ein beschädigtes Leben, beklemmend dicht erzählt und von ähnlicher Sogkraft wie der Vorgänger.

Angelika Klüssendorf
"April"
Verlag Kiepenheuer & Witsch


Gertrud Leutenegger: "Panischer Frühling"

"An jenem Morgen im April, als auf einmal vollkommene Stille im Luftraum über London herrschte, lief ich zum Trafalgar Square. Der Platz lag noch im Schatten, nur hoch oben auf seiner Säule, in unerreichbarer Einsamkeit, stand Lord Nelson schon im Sonnenlicht."

April 2010. Die Aschewolken des Eyjafjallajökull haben den Flugverkehr über weiten Teilen Europas lahmgelegt. Der Himmel sieht anders aus, die Welt ist stiller geworden. Und die Erzählerin in Gertrud Leuteneggers Roman "Panischer Frühling", eine Frau in der zweiten Lebenshälfte, gerät in einen angsterfüllten Ausnahmezustand. Wie elektrisiert irrt sie durch die vibrierende Stadt, auf der panischen Suche nach Geborgenheit. Halt findet sie in der Vergangenheit, in Erinnerungen, die eruptiv an die Oberfläche dringen. Und in den Gesprächen mit Jonathan, dem seltsam vertrauten Zeitungsverkäufer auf der London Bridge. Ein erstaunliches, ein melancholisches, ein packendes Buch - eine elegische Vergewisserung des Lebens!

Gertrud Leutenegger
"Panischer Frühling"
Suhrkamp Verlag


Thomas Melle: "3000 Euro"

"Da ist ein Mensch drin, auch wenn es nicht so scheint. Unter den Flicken und Fetzen bewegt sich nichts. Die Passanten gehen an dem Haufen vorbei, als wäre er nicht da."

Anton schläft. Und er hält den Schlaf gerne fest. Denn der ist alles, was er noch hat. Manchmal steht Anton bei Denise an der Kasse, tauscht Pfandbons gegen billige Tiefkühlpizzen ein. Anton war mal Jurastudent. Aber nun hat er Schulden, 3000 Euro. Deswegen steht er vor Gericht. Denise hat sich 3000 Euro dazu verdient, als Darstellerin in einem Porno. Seitdem leidet sie unter den Blicken der Männer. Jeder könnte sie wiedererkennen. Wütend erzählt Thomas Melle von zweien, die herausgefallen sind aus der bürgerlichen Ordnung. Und die nicht mehr reinkommen, weil man solchen wie ihnen nichts zutraut. Ein Happy End gibt es nicht, der Leser muss sich ganz alleine aus diesen Abgründen unserer Konsumwelt herauswinden.

Thomas Melle
"3000 Euro"
Verlag Rowohlt Berlin


Lutz Seiler: "Kruso"

"Seit er aufgebrochen war, befand sich Ed in einem Zustand übertriebener Wachsamkeit, der es ihm verboten hatte, im Zug zu schlafen."

Lutz Seiler, mehrfach ausgezeichneter Lyriker, hat seinen ersten Roman geschrieben - "Kruso", eine vielstimmige Parabel auf den Untergang der DDR, ein Hohelied auf die Literatur und ein Plädoyer für die kritische Auseinandersetzung mit dem Freiheitsbegriff. Eine Art umgekehrte Robinsonade, angesiedelt auf der entlegenen Ostsee-Insel Hiddensee, im Gasthof " Zum Klausner", wo Geld keine Rolle spielt, obwohl bis zum Umfallen gearbeitet wird. Eine Sprachzauberei, die um die ungewöhnliche Freundschaft zweier verwundeter Seelen – Ed und Kruso – kreiselt, ebenso realistisch wie phantastisch und mythengetränkt. Was für ein Erstling!

Lutz Seiler
"Kruso"
Suhrkamp Verlag


Heinrich Steinfest: "Der Allesforscher"

"Der Beginn eines jeden Buchs leidet unter einem großen Manko: Es fehlt die Musik. Wie gut hat es da der Film, dessen Vorspann getragen wird von einer klanglichen Ouvertüre, die verspricht, was nachher erfüllt wird oder nicht, aber in jedem Fall den Zuseher augenblicklich in den Bann zieht".

Heinrich Steinfest trotzt dem Manko souverän. Er schreibt, dass einem die Ohren klingen, und lässt die Geschichte seines Ich-Erzählers mit einem Paukenschlag beginnen: Sixten Braun wird auf einer Geschäftsreise in Taiwan nämlich fast von den Innereien eines explodierenden Wals erschlagen. Zum Glück überlebt er aber, weshalb man ihm bald darauf einen rätselhaften Jungen namens Simon als vermeintlichen Spross unterschieben kann. Womit eine wunderbare Vater-Sohn-Beziehung ihren Lauf nimmt und Heinrich Steinfest einen Plot hat, um den herum er mit aller Phantasie fabulieren kann. Warum sein Roman "Der Allesforscher" heißt? Weil Simon so etwas wie das Konzentrat aller Kinder ist. Und Kinder in ihrer grenzenlosen Neugier nun mal über einen ausgeprägten Forscherdrang verfügen.

Heinrich Steinfest
Der Allesforscher
Piper Verlag


Deutschland Deutscher Buchpreis 2014 Die Jury Gruppenfoto

Die Jury des Deutschen Buchpreises 2014