Auschwitz-Gedenkstätte: ″Reise ins Ungewisse″ für Kollegah & Farid Bang | Kultur | DW | 07.06.2018
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Gedenkkultur

Auschwitz-Gedenkstätte: "Reise ins Ungewisse" für Kollegah & Farid Bang

Die Rapper Kollegah und Farid Bang sind der Einladung des Internationalen Auschwitz Komitees gefolgt und haben die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau besucht. Auch die DW war kurz zuvor an dem historischen Ort.

Die Gewitterfront ist weiter gezogen, nur wenige dunkle Wolken lassen sich am Himmel über Oświęcim sehen. Brütende Mittagshitze hängt im Garten der Jugendbegegnungsstätte, nur das gleichförmig sprudelnde Brunnenwasser verschafft Kühlung. Christoph Heubner, als stellvertretender Vorsitzender des Internationalen Auschwitz Komitees in den letzten Wochen stark in die Öffentlichkeit gerückt, sieht gelassen aus, als er die DW-Reporterin vor wenigen Tagen in der Gedenkstätte begrüßt.

Das Medienecho auf seine spontane Einladung der beiden umstrittenen Rapper Kollegah und Farid Bang hat ihn nicht überrascht. Die Frage war lange: Wann kommen die beiden nach Auschwitz bzw. Oświęcim, wie die südpolnische Stadt heute wieder heißt. Die Nationalsozialisten hatten den Namen nach dem Überfall auf Polen 1939 eingedeutscht.

Musiker Kollegah und Farid Bang (Imago/xcitepress)

Der Rundgang über das Gelände des ehemaligen Vernichtungslagers sollte privat bleiben - ohne Medienrummel

Am Donnerstag (07.06.2018) hat nun der geplante Besuch der Gedenkstätte stattgefunden. Bei einer Führung durch das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz  konnten sich die beiden Musiker eine persönlichen Eindruck davon verschaffen, was sich konkret hinter dem abstrakten Begriff "Holocaust" verbirgt. Heubner sagte danach der Nachrichtenagentur dpa: "Für die Auschwitz-Überlebenden ist der Besuch eine Genugtuung." Und er sei eine Geste an die jungen Fans der prominenten Deutschrapper.

Konfrontation mit europäischer Geschichte

Die Reise nach Polen würde für Kollegah und Farid Bang nicht einfach sein, das war schon im Vorfeld klar. Und eine Absage kam kaum mehr in Frage, sie hätte wieder neue negative Schlagzeilen zur Folge gehabt. Klar war, dass sie aus dem Besuch keinesfalls einen medienwirksamen Auftritt machen wollten, betonte Heubner im DW-Gespräch. "Ich habe von den bisherigen Gesprächen das Gefühl, dass sie diese Reise auch mit einem kleinen Gefühl der Angst antreten."

Rapper Kollegah und Farid Bang in KZ-Gedenkstätte Auschwitz (picture-alliance/dpa/Iak/B. Oertwig)

Christoph Heubner vom Auschwitz Komitee mit Kollegah (li) und Farid Bang im früheren "Stammlager Auschwitz"

Das Programm für den Besuchstag stand schon fest: Die beiden Rapper sollten eine private Führung durch die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau bekommen. Allein die Begegnung mit dem authentischen Ort, an dem Menschen aus vielen Ländern Europas von den Nationalsozialisten systematisch ermordet und in Krematorien verbrannt worden sind, werde ihre Wirkung haben, so Heubner.

"Es sind viele internationale Besucher dort, Menschen aus der ganzen Welt", merkt er im DW-Interview an. Beeindruckend sei "allein schon zu sehen, dass dieser Ort mitnichten ein stiller Ort ist am Rande einer vergessenen historischen Welt". Vielmehr sei es "ein Ort, zu dem sehr, sehr viele Menschen kommen, weil sie etwas erfahren wollen über die Geschichte."  

Rapper Kollegah und Farid Bang in KZ-Gedenkstätte Auschwitz (picture-alliance/dpa/Iak/B. Oertwig)

Rundgang: Kollegah und Farid Bang stehen vor den Ruinen des von der SS gesprengten Krematoriums Nr. 5

Oświęcim: Ort des Austausches

Der Garten füllt sich mit Gruppen von Jugendlichen. Viele diskutieren leise, trinken Cola, andere hocken nachdenklich am Rand der Sitzgruppen. Berufsschüler aus Polen und Deutschland sind nach Oświęcim gekommen - junge Auszubildende, unter anderem vom VW-Konzern in Wolfsburg und Salzgitter. Im Austausch mit ihren polnischen Kollegen beschäftigen sie sich in der Jugendbegegnungsstätte intensiv mit der Vergangenheit, die beide Länder bis heute umtreibt. 

Für 14 Tage sind die jungen Deutschen in Polen. Zeit auch zum Erkunden der aufstrebenden Stadt Oświęcim, die sich gerade - trotz ihrer belasteten Geschichte - zu einem lebendigen Ort mit vielen jungen Leuten entwickelt. Die Zahl der Fahrschul-Autos, die durch die Straßen schleichen, ist auffällig hoch. Allein am historischen Marktplatz gibt es drei Eisdielen und mehrere Pizzerien. Lockere Straßencafés beleben den Platz, der von 1939 bis 1945 "Adolf-Hitler-Platz" hieß.

Polen kulptur der Künstlerin Agata Agatowska in Oswiecim (DW/H. Mund)

"Skulpturen aus der Zukunft": Arbeit der Bildhauerin Agata Agatowska auf dem Markplatz von Oświęcim

Vor über 30 Jahren hat Christoph Heubner die Begegnungsstätte in Oświęcim als Ort des Austausches mitbegründet. Der "Arbeit mit dem historischen Stoff", den Jugendliche meist nur aus dem Geschichtsunterricht kennen, gebe die Führung durch das KZ-Gelände nochmal eine andere, ganz persönliche Dimension. Einen halben Tag lang arbeiten die Jugendlichen aus Deutschland und Polen auch ganz praktisch mit und helfen bei der Restaurierung und Erhaltung von Fundstücken in der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau.

Gerade mal 3,5 Kilometer entfernt, die Straße runter, liegt das ehemalige Konzentrations- und Vernichtungslager der Nationalsozialisten. Busse fahren dorthin, viele Besucher laufen lieber zu Fuß. LKWs, Motorräder, der ganz normale Berufsverkehr donnert Tag für Tag an dem Gelände vorbei. Straßenschilder weisen dezent den Weg zum "Museum Auschwitz".

Klare Grenzen für Provokationen im Rap

Der Echo-Eklat um Kollegah und Farid Bang und ihre Texte beschäftigt auch die Azubis. Niklas Henk und Dogay Kilic, beide Auszubildende beim Autobauer VW und erklärtermaßen große Fans von Deutschrap, sind aus Salzgitter für eine Bildungsfreizeit in der Jugendbegegnungsstätte angereist. Gerade ist die Einführungsveranstaltung zu Ende und beide hängen für ein paar Minuten im Garten ab.

Autokonzern VW Auszubildende (DW/H. Mund)

Niklas Henk und Dogay Kilic, Auszubildende beim Autokonzern VW, und Fans von Deutschrap

Die umstrittenen Textzeilen im Song von Kollegah und Farid Bang haben sie erst nach dem Echo-Skandal aus den Medien mitbekommen, erzählt Dogay Kilic im DW-Interview. Er kann die Aufregung verstehen: "Gar keine Frage", dass damit eine Grenze überschritten wurde, sagt er. "Ich bin auch nicht dafür, dass man sagt, das ist nur eine 'Zeile'. Es wurde einfach ein Thema angesprochen, wo man so einen Vergleich nicht hätte ziehen dürfen."

Kalkulierte Provokation gehöre zum Geschäft der Szene, da sind sich Dogay und Niklas einig. Inzwischen gebe es auch Deutschrapper, die gegen den Rechtsruck und die Sprüche der AfD texten und neue Songs machen, berichtet Niklas Henk. "Das könnte jetzt ein ähnlicher Event sein, der manchen Leuten auch einen Denkanstoß gibt. Dass eben in Zukunft antisemitische Lines nicht mehr toleriert - oder vielleicht härter untereinander beurteilt werden."

Konfrontation mit privaten Lebensgeschichten

Ihr erster Besuch des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz liegt noch vor ihnen. Beiden sieht man ihre gemischten Gefühle bei der Interviewfrage danach an. Der Konzernleitung der VW AG sei wichtig, erklärt Christoph Heubner später, dass ihre Nachwuchskräfte im Betrieb und die jungen Manager wissen, was dieses Wort "Auschwitz" in Wirklichkeit heißt - auch, um aus der Geschichte zu lernen.

Autokonzern VW Museumbesuch (DW/H. Mund)

Ticket für eine Führung durch das Museum und die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau

Er habe im direkten Austausch und durch den Einblick in die Gedankenwelt der jungen Leute auch Anregungen für die eigene Gedenkarbeit bekommen, so Heubner. Viele der pädagogischen Konzepte aus den 1970/80er Jahren würden die Social Media-Welt der Jugendlichen heutzutage nicht mehr erreichen. Doch bei privaten Familiengeschichten oder Erzählungen von Deportierten aus ihrer Heimatregion würden sie sofort zuhören, berichtet er.

Geste für die jungen Fans

Im Moment sei die Frage, ob es Kollegah und Farid Bang mit ihrem Besuch im ehemaligen KZ Auschwitz gelänge, ihre Glaubwürdigkeit bei den Fans wiederherzustellen. "Ich kann das schwer interpretieren, was die beiden selber denken. Aber ich denke schon, dass diese Reise für sie eine Reise ins Ungewisse sein wird, weil sie sich über den Ausgang und die Konfrontation nicht sicher sind", sagte Heubner vor dem Besuch der Rapper.

Christoph Heubner hält einen Moment inne, sucht die richtigen Worte. "Auschwitz ist immer wie ein Blick in den Spiegel. Ich sehe immer auch mich: Ich bin auch ein Mensch. Hier haben Menschen Menschen gequält. Warum jüdische Menschen? Warum wurden Polen hier eingekerkert? Warum wurden Sinti und Roma getötet? Wer waren die Täter?"

In diesem Moment versteht man, warum er mit seiner Art, das Thema Auschwitz in die heutige Zeit zu transportieren, gerade junge Leute erreicht, die sich selbst häufig Sinnfragen stellen. "Was heißt das heute - für mich persönlich und meine Haltung? Diesen Fragen werden sich auch Kollegah und Farid Bang stellen müssen", fügt Heubner hinzu. Und lässt die Worte stehen.

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