1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Deutschland

Auschwitz-Überlebender: "Ich träumte jede Nacht von Essen"

Hunger, Folter, Mord: Der Horror, den Millionen Menschen in deutschen Konzentrationslagern erlebt haben, ist unbeschreiblich. Naomi Conrad traf Überlebende, die 70 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz zurückkehrten.

Als der Bus entlang der grauen und ein wenig heruntergekommenen Bahnstation der polnischen Stadt Auschwitz entlang rumpelt - die verrosteten Eisenbahnschienen sind mit Schnee bepudert - beginnt plötzlich ein alter Mann zu weinen: seine krächzenden, eindringlichen Schluchzer hallen durch den Bus, in dem es still geworden ist. Seine Frau flüstert sanft in sein Ohr, streichelt langsam seinen Arm. Sie umklammert fest seine Arme, als sie beide aus dem Bus aussteigen und sich schleppend und mühsamen einen Weg durch den Schlamm zum Haupteingang des Auschwitz-Museums bahnen. Dort treffen sie auf eine Gruppe von Journalisten und Überlebenden: Männer und Frauen, die trotz der verzweifelten Lage, den Hunger überlebten und unzählige andere Gräuel in Auschwitz und anderen deutschen Konzentrationslagern. Sie sind zurück gekehrt, 70 Jahre nach der Befreiung des Lagers durch die Rote Armee am 27. Januar 1945.

Natan Grossmann kommt an einer Gruppe von lachenden und rempelnden italienischen Schülern am Ticketschalter vorbei. Grossmann - er hat seine Schultern gegen den eiskalten Wind nach vorne gebeugt – erinnert sich an die endlosen Nächte in Birkenau, einem Außenlager von Auschwitz: "Jede Nacht träumte ich, dass meine Mutter Essen für mich kochte, riesige Teller mit köstlichem Essen." Sein Lächeln ist verzerrt: Seine Mutter, sein Vater und sein Bruder wurden alle von den Nazis ermordet. Mit 15 war Grossmann auf sich alleine gestellt, erst im Konzentrationslager und dann auf dem langen Todesmarsch, als die Rote Armee näher kam und die Nazis ihre Gefangenen in Lager auf deutschem Staatsgebiet brachten. Er zuckt mit den Achseln: Einige Nächte sei er aufgewacht und habe gemerkt, dass er nicht vom Essen geträumt habe. "Das machte mich unendlich traurig."

"Das kann wieder passieren"

Als Grossmann den berüchtigten Eingang von Auschwitz erreicht, mit seinem verächtlichen Schriftzug "Arbeit macht frei", der in großen schwarzen Buchstaben über dem Tor prangt, wird er abrupt von einem der Organisatoren beiseite gerufen, der eine Gruppe von Überlebenden unter dem Tor aufstellt – vor eine Reihe von Kameraleuten und Fotografen.

Neben dem Stacheldrahtzaun, an eine Baracke gelehnt schaut Jeffrey Tuchman zu, ein fröhlicher Dokumentarfilmer mittleren Alters. "Wenn die Medien damals da gewesen wären", sagt er, "hätte vielleicht jemand das Töten gestoppt." Er zuckt mit den Achseln. Er berichtet, dass sein Vater Marcel nie einer von diesen "Profi-Überlebenden" sein wollte, der in Schulen und Kirchen über die Schrecken des Holocaust spricht. Aber dann, als sein Vater gemerkt habe, dass die Generation von Überlebenden ausstirbt und keiner mehr übrig bliebe, der die Geschichte angesichts einer wachsenden Zahl von Holocaust-Leugnern erzählt, da habe er seine Meinung geändert, erzählt Tuchman.

Ein paar Schritte weiter, auf der anderen Seite des Zauns, wird sein Vater von vier Journalisten und einem Kameramann umringt. Warum, fragt eine junge Journalistin, sei er in Auschwitz und wie fühle sich das an? Marcel Tuchman, der das Todeslager überlebt hat, weil ein deutscher Ingenieur den damals 21-Jährigen als Zwangsarbeiter in die Fabrik von Siemens schickte, wählt seine Worte mit Bedacht: "Der Holocaust geschah nicht über Nacht", sagt er. "Es gab bereits Hinweise. Also, die wichtige Botschaft ist, das kann wieder passieren." "Und", fügt er hinzu, "ich komme, um all die zu ehren, deren Stimmen für immer in den Gaskammern von Auschwitz und seiner Außenlager zum Schweigen gebracht wurden", schätzungsweise mehr als eine Million Menschen.

Infografik Konzentrationslager 1933-1945 Deutsch

"Die jungen Leute wissen nicht genug darüber"

Ein anderer Journalist mischt sich ein: "Aber, wie fühlt es sich an, wieder zurück zu sein?" Tuchmanns Lächeln ist schief: "Nun, ich kann Ihnen sagen, es ist nicht gerade ein Erholungsurlaub“. Aber, fügt er hinzu, er habe nicht überlebt, um in Selbstmitleid zu schwelgen, sondern um das Beste aus dem Leben zu machen. Er unterrichte Medizin, erzählt er und: "Ich lehre meine Studenten, menschlich zu sein." Er lächelt.

Zu seiner Linken umringt eine andere Gruppe von Journalisten Samuel Beller, der in der Stadt Auschwitz geboren und wenig später hinter den Toren von Auschwitz eingesperrt wurde. "Ich habe jahrelang unbeschreibliche Qualen überlebt", sagt er ins nächste Mikrofon. Seine Stimme ist heiser und zornig. "Das ist eine schmerzhafte Geschichte. Sie sollte tausendfach erzählt werden." Seine Stimme bricht ab, aber er redet weiter: "Die jungen Leute von heute wissen einfach nicht genug darüber."

Hinter ihm gehen Touristen langsam über die schneebedeckten Wege um die Gebäude herum und machen Fotos von den Galgen, wo dutzende Insassen gehängt wurden, von dem hölzernen Wachhaus und von dem Stacheldrahtzaun. In der Baracke 5 haben die italienischen Jugendlichen vor einer Glasscheibe Halt gemacht: Dahinter liegt ein riesiger Haufen menschlicher Haare, einige Haare sind noch geflochten - Haare, die von den Köpfen der Kinder, Frauen und Männer nach ihrer Ankunft im Lager abrasiert wurden. Viele von ihnen wurden sofort danach in die Gaskammern geschickt, zum Sterben. Ein sehr großer, bis zur Decke reichender Stapel von verrosteten Blechdosen, in denen das Gift Zyklon B aufbewahrt wurde, ist hinter einer weiteren Glasscheibe ausgestellt. Ein Mann mittleren Alters macht ein Foto mit seinem Handy, dann starrt er es an, ohne sich zu bewegen und ignoriert die anderen Besucher, die nach vorne drängen, um auch etwas sehen zu können.

Draußen geht ein alter polnischer Mann, der über seinem dicken Mantel die dünne, blau-weiß gestreifte Sträflingskleidung trägt, langsam die Hauptstraße herunter, ein deutsches Kamerateam folgt ihm. Marcel Tuchman kehrt den Baracken den Rücken zu und bewegt sich langsam Richtung Tor. Als er dort angekommen ist, dreht er sich zu seinem Sohn um und flüstert: "Ich möchte das Lager nie wieder besuchen". Sein Sohn nickt: "Ist in Ordnung Vater, das musst du auch nicht." Seine Stimme ist ruhig und tröstend.

Als der Bus die Überlebenden und ihre Familien zurück in ihre Hotels nach Krakau bringt, sind die meisten von ihnen schweigsam, sie starren nach draußen auf die schneebedeckten Felder und Dörfer. Dann beginnt eine Überlebende, eine lebhafte Frau, die ganz hinten im Bus sitzt, eine Unterhaltung mit ihrem jungen Sitznachbarn, Wortfetzen dringen durch den Bus. "Vielleicht", sagt die Überlebende mit warmherziger Stimme, "solltest du Online-Partnerbörsen nutzen. Weißt du, viele junge Leute finden ihre Partner auf diese Weise".