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Welt

"Aus Verzweiflung zurück nach Ramadi"

Der deutsche Journalist Uli Gack war auf Reportagereise im Irak unterwegs. In Ramadi hat er mit Menschen gesprochen, die in die praktisch unbewohnbare Stadt zurückgekehrt sind. Sie klammern sich an den Strohhalm Ramadi.

Flüchtlinge aus Ramadi (Mai 2015), Foto: Reuters

Sunnitische Flüchtlinge aus Ramadi harren vor Bagdad aus (Mai 2015)

Deutsche Welle: Herr Gack, wer waren die Menschen, die Sie in Ramadi getroffen haben?

Hans-Ulrich Gack: Es sind sunnitische Stämme, die dort ausgeharrt haben oder die teilweise auch zurückgekehrt sind. Eigentlich aber ist Ramadi menschenleer, die Stadt ist zerstört, es gibt keine Infrastruktur, kein Wasser, kein Strom. Die Stadt ist eigentlich unbewohnbar. Die sunnitischen Stämme wollen aber, dass die Menschen zurückkommen, möglicherweise sogar Mitte April schon.

Woher kamen die Menschen, die jetzt bereits in Ramadi sind?

Es gibt große sunnitische Flüchtlingslager vor den Toren Bagdads. Die Menschen werden daran gehindert, die Stadt zu betreten, weil die schiitischen Machthaber dort befürchten, dass unter den Sunniten viele Schläferzellen sind, die mit dem IS kooperieren. Viele wollen einfach nur zurück, um ein Dach über dem Kopf zu haben. Nachdem, was ich gesehen habe, ist aber ein Überleben in Ramadi kaum möglich.

Woran liegt das?

Die Stadt ist zu 50 Prozent zerstört. Viele Gebäude sind vermint. Sunnitische Stammesführer haben mir erzählt, dass sie in wenigen Tagen mehr als 3000 Sprengkörper in Häusern entschärft haben. Dabei haben sie längst noch nicht alle entdeckt. Viele dieser Sprengfallen sind so teuflisch konstruiert, dass man eigentlich nur das ganze Haus in die Luft sprengen kann. Man kann sie nicht mehr entschärfen. Viele sind mit Zeitzünder ausgestattet oder ferngesteuert.

Was erzählen denn diejenigen, die den Kampf um Ramadi miterlebt haben?

Sie haben uns erzählt, dass sie als menschliches Schutzschild vom IS verwendet wurden. Wenn die irakische Armee angegriffen hat und der IS auf dem Rückzug war, wurden in großer Zahl Menschen zwischen die Kämpfer getrieben, damit die Armee nicht weiter vordringen kann. Viele sind dabei gestorben. Wir haben Leute getroffen, die uns furchtbare Verwundungen gezeigt haben, darunter Kinder. Der IS führt den Konflikt gnadenlos und nimmt keine Rücksicht auf die Zivilbevölkerung.

Wieso bloß kehrt jemand freiwillig in so eine Stadt zurück?

Das ist einfach die Hoffungslosigkeit. Sie wissen nicht wohin. Die Lage ist so brutal schlecht. Viele Menschen gehen auf Hilfskräfte los, weil sie so verzweifelt sind. Das sind ja keine ordentlich angelegten Camps, sondern wilde Lager. Die Leute sind auf ihrer Flucht an bestimmten Punkten angelangt, wie beispielsweise dem Tigris, und werden von der schiitischen Regierung nicht über den Fluss gelassen. Dort ballen sich Camps mit 30.000 oder 40.000 Menschen.

Dazu kommen Konflikte zwischen sunnitischen und schiitischen Irakern. Die Menschen sind zwischen verschiedene Fronten geraten, von keiner Seite werden sie richtig akzeptiert. Den UN ist es in nur sehr beschränktem Maße möglich zu helfen, die Leute wissen einfach nicht wohin und gehen aus Verzweiflung in ihre Städte und Dörfer zurück. Mir haben Leute gesagt, dass alles, was sie in Ramadi vorfinden, besser ist als diese Flüchtlingscamps. Viele klammern sich an die Illusion, dass ihr Haus noch stehen könnte. Sie klammern sich an den Strohhalm Ramadi.

Rechnen Sie damit, dass auch Flüchtlinge aus Deutschland in ihre irakischen Heimatstädte zurückkehren?

Porträt - Hans-Ulrich Gack, Foto: ZDF

Hans-Ulrich Gack leitet das ZDF-Studio Kairo

Ausgeschlossen ist es nicht. Manche kehren Deutschland enttäuscht den Rücken. Wenn sich aber unter den Flüchtlingen in Deutschland herumspricht, wie katastrophal die Situation im Irak ist, dann schreckt das enorm ab und sie werden nicht in nennenswerter Zahl kommen.

Die Zahl der Binnenflüchtlinge aus dem Irak wird dagegen dramatisch ansteigen. Momentan laufen Operationen um die zweitgrößte irakische Stadt Mossul zu befreien, der IS ist auf dem Rückzug. Die UN rechnen allein in der Region Mossul mit bis zu 1,2 Millionen Flüchtlingen, die den Kämpfen entgehen wollen. Das wird Druck auf die Türkei ausüben, wohin die Menschen versuchen zu fliehen, um dann nach Deutschland weiterzukommen. Ich glaube, wir haben mit einer neuen Welle von Flüchtlingen aus dem Irak zu rechnen.

UN-Vertreter haben mir erzählt, sie könnten nicht schlafen, weil sie nicht einschätzen können, was in Mossul passiert. Das wird alles, was bisher an Fluchtbewegungen im Irak gewesen ist, in den Schatten stellen. Ich schätze sogar, es kommen mehr als 1,2 Millionen, denn die Lage in Mossul ist katastrophal. Der Gaspreis ist dort um das zehn- bis zwanzigfache explodiert, die Menschen haben kein Geld mehr. Viele werden vom IS regelrecht ausgeplündert. Wir haben in Mossul mit verzweifelten Menschen gesprochen, und diese werden in Richtung Nordirak, Türkei, vielleicht auch Syrien fliehen.

Hans-Ulrich Gack leitet das Studio des Zweiten Deutschen Fernsehens in Kairo. Er berichtet seit vielen Jahren aus den arabischen Ländern. Seine Reportage über Flüchtlinge im Irak ist in Kürze auch im Fernsehen der Deutschen Welle zu sehen.

Das Gespräch führte Friedel Taube

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