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Bildung

Aus Liebe zu Litauen

Natur, Romantik und eine ungewöhnliche Sprache - Die baltischen Staaten faszinieren auch deutsche Jugendliche. An der Uni in Greifswald können sie Baltistik studieren. Und das schon seit 20 Jahren.

Kurische Nehrung in Litauen (Copyright: DW)

Kurische Nehrung in Litauen

Sandstrände und Seen, Naturschutzgebiete und Hochmoore – Als Andreas Jäkel zum ersten Mal Bilder aus Litauen sah, begeisterte er sich sofort für das osteuropäische Litauen, den südlichsten der drei baltischen Staaten. "Ich bin ein Romantiker und immer auf der Suche nach etwas Ursprünglichem", erzählt der 25-jährige Student. "Nach Litauen wollte ich unbedingt, und wenn ich in ein Land will, dann will ich auch die Sprache lernen."

Baltistik Student Andreas Jäkel steht vorm Hauptgebäude der Uni Greifswald (Foto: Anja Richter)

Begeistert von Litauen: Baltistik- Student Andreas Jäkel

Doch mit ein bisschen Litauisch gab sich Andreas Jäkel nicht zufrieden. Er wollte tiefer in die Sprache und Kultur Litauens und seiner Nachbarn Estland und Lettland einsteigen - und das ist in Deutschland nur in der ostdeutschen Stadt Greifswald möglich. An der dortigen Ernst-Moritz-Arndt-Universität gibt es seit fast zwanzig Jahren das Institut für Baltistik. Andreas Jäkel studiert dort seit 2008. Außerdem belegt er noch das Fach Fennistik.

Studienfach für Globetrotter

Baltistik ist ein kleiner Studiengang und gehört zu den typischen "Orchideenfächern", die auf dem deutschen Arbeitsmarkt nicht sehr gefragt sind. An der Uni Greifswald lernen dauerhaft zwischen 30 und 40 junge Leute Litauisch oder Lettisch. In den besten Zeiten haben sich nur sechs bis acht Studenten für Baltistik im Hauptfach eingeschrieben – seit 2011 sind es nur noch zwei bis drei. Warum überhaupt jemand Baltistik studiere, lasse sich nicht genau bestimmen, meint der Professor des Instituts, Stephan Kessler.

Der Greifswalder Baltistik Prof. Stephan Kessler in seinem Büro (Foto: Jan Meßerschmidt)

Mut zum Orchideenfach: Professor Stephan Kessler

Er beobachtet aber, dass sich in den letzten fünf bis zehn Jahren vor allem junge Leute eingeschrieben haben, die schon Kontakt mit dem Baltikum hatten, etwa durch einen Schüleraustausch, längere Reisen oder Kirchenfreizeiten. "Die meisten sind sich darüber klar, dass sie ein Orchideenfach gewählt haben", so Kessler. Dennoch interessieren sich auch künftige Historiker, Kunstkritiker und Politologen für den kleinen und ungewöhnlichen Studiengang.

Kein Studium mit Jobgarantie

Wer nicht in der Wissenschaft bleibt, hat es auf dem Arbeitsmarkt allerdings schwer. Andreas Jäkel etwa möchte gerne Übersetzer werden. Doch die schlechten Verdienstmöglichkeiten schrecken ihn ab. "Ich kann mir auch vorstellen, die baltischen Sprachen später an Weiterbildungs- und Sprachzentren zu unterrichten", sagt er daher. "Hauptsächlich bin ich froh, wenn ich einen Job finde, der mir gefällt und von dem ich leben kann."

Der Marktplatz der Universitäts- und Hansestadt Greifswald (Foto: Jan Meßerschmidt)

Studienplatz für Romantiker: Marktplatz der Universitätsstadt Greifswald

Für die späteren Jobchancen der Studenten spielt nach Ansicht Kesslers die geschickte Wahl des zweiten Hauptfaches eine wichtige Rolle. Denn den Beruf "Baltist" gibt es nicht. Die sprachlichen, kulturellen und historischen Kenntnisse des Baltikums seien eine Zusatzqualifikation. "In Karrierefragen beraten wir unsere Studierenden gut, so dass sie meist konkrete Vorstellungen davon entwickeln, wie es nach dem Bachelor für sie weiter gehen soll", betont Kessler. Zum Beispiel mit einem Master in einer anderen Sprach- oder Geisteswissenschaft oder der Kombination von Baltistik und Deutsch als Fremdsprache.

"Terra incognita – mitten in Europa"

Baltistik-Studenten sitzen mit ihren Laptops auf der Treppe des historischen Hörsaalgebäudes der Uni Greifswald (Foto: Anja Richter)

Gediegen, aber modern studieren: Baltistik-Studenten in Greifswald

Als größtes Problem für die Studenten und vor allem für die Universitäten sieht Kessler die Bildungspolitik in Deutschland. Seiner Meinung nach werden hauptsächlich Studiengänge gefördert, von denen sich der Staat späteren Nutzen verspricht – Baltistik gehört nicht dazu. "Denn mit den baltischen Staaten verbinden die meisten Deutschen nichts", kritisiert der Professor. "Terra incognita - mitten in Europa!"

Kesslers litauischer Kollege Artūras Judžentis von der Universität Vilnius, der seit April ebenfalls in Greifswald unterrichtet, sieht hier allerdings eine Mitschuld der baltischen Länder. "Politiker und Beamte müssen daran arbeiten, dass junge Leute Interesse an dieser osteuropäischen Region haben", fordert er. In Deutschland machen sie nach seiner Ansicht viel zu wenig Werbung für die litauische Sprache und Kultur.

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