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Sport & Gesellschaft

Aus Heidi wurde Andreas

Mit dem Zusammenbruch der DDR kollabierte auch das dortige Sportsystem. Und es wurde klar, welche Rolle Doping im "Wunderland des Sports“ gespielt hatte. Unter den gesundheitlichen Folgen leiden manche bis heute.

Dopingopfer Andreas Krieger 
dpa/lbn (Digitale Fotografie)

Dopingopfer Andreas Krieger

"Die Wende war auch eine Art Rettung für mich“, beschreibt Andreas Krieger heute rückblickend seine Situation. Krieger heißt zu diesem Zeitpunkt noch Heidi mit Vornamen, ist eine Frau und DDR-Spitzenleichtathletin. Von ihren Trainern wird sie jahrelang unwissentlich mit hohen Dosen Anabolika gemästet und gewinnt 1986 den EM-Titel im Kugelstoßen. Die Nebenwirkungen lassen sie zum Mann werden. Sie spürt das, bringt diese körperlichen Veränderungen aber nicht mit den Pillen in Verbindung. "Ich dachte, das käme vom harten Training", sagt Krieger. "Außerdem hatte ich in der Trainingsgruppe jeden Tage mit Leuten zu tun, denen es genauso ging."

Zentral und straff organisiert – Doping als Staatsplan

Die DDR-Kugelstoßerin Heidi Krieger

Vorher kannte man Andreas Krieger als Kugelstoßerin Heidi

Genauer gesagt sind es rund zehntausend Sportler, denen es genauso geht. Erste Experimente mit Doping gibt es in der DDR bereits Anfang der 60er Jahre. 1974 verabschiedet die SED-Führung dann Staatsplan 14.25: das staatlich verordnete Dopingprogramm. "Betroffen waren alle Athleten, die bei internationalen Wettkämpfen an den Start gingen", erläutert die Leipziger Autorin Grit Hartmann. "Das waren auch Junioren-Wettkämpfe, deshalb betraf es auch Minderjährige." Hartmann, die ein Buch über den Spitzensport in der DDR geschrieben hat, ist heute noch entsetzt über die Rücksichtslosigkeit der SED-Führung. Um durch den Spitzensport das politische Prestige des sozialistischen Staates zu mehren, seien alle Mittel recht gewesen, so Hartmann: "Nirgendwo hat der Missbrauch von Kindern und Jugendlichen in derart großem Maße stattgefunden wie in der DDR."

Unterschiedliche Aufarbeitung nach der Wende

Natürlich wurde auch im Westen gedopt – aber nach der Wende wird das Thema fast ausschließlich mit der DDR in Verbindung gebracht. Im Westen besteht kein Interesse, die eigenen Verdachtsfälle aufzuarbeiten. Im Osten aber tauchen Unterlagen auf, die das ganze Ausmaß des DDR-Dopingprogramms beweisen: Dosierungspläne, Einnahmeanweisungen und Laborwerte prominenter DDR-Athleten. Anfangs sind viele Ost-Sportler geschockt, halten die Diskussion für negative Propaganda. Auch Heidi Krieger reagiert ablehnend: "Ich habe das erst mal ganz weit von mir weg geschoben.“

Ursachen und Schuldige werden gesucht

Andreas Krieger 
(AP Photo/Jockel Finck)

Andreas Krieger geht es heute als Mann wieder gut

Nach und nach aber wird einigen ehemaligen Spitzenathleten klar, welche Ursache ihre gesundheitlichen Probleme haben. Bei Krieger passiert das 1998. "Da habe ich eine Antwort gesucht auf die Frage, ob ich selbst daran schuld bin oder einige Leute nachgeholfen haben“, erzählt Krieger. Durch den Kontakt mit dem Molekularbiologen und Anti-Doping-Forscher Werner Franke wird einiges klarer. "Es gibt Teenager, die sind geschlechtlich noch nicht festgelegt. Wenn man dann Hormone gibt kann das wie ein Katalysator wirken", erklärt Krieger und ist überzeugt, "so wird es bei mir passiert sein. Da wurde für mich auch ein Bild rund."

Kampf dem Doping

Krieger fühlt sich schon lange nicht mehr als Frau und entscheidet sich für eine Geschlechtsumwandlung. Als Andreas Krieger bekommt er sein Leben wieder in den Griff. Heute schildert er erleichtert diese Entwicklung: "Was ich nach der Wende und dieser Operation erlebt habe, war einfach nur positiv.“ Als staatlich anerkannte Dopingopfer sind Andreas Krieger und seine Frau Ute heute im Dopingopfer-Hilfeverein engagiert. Der Verein unterstützt ehemalige DDR-Leistungssportler, die durch das staatliche verordnete Doping körperliche Langzeitschäden davongetragen haben. Das zweite große Ziel ist der Kampf gegen Doping. Aus erster Hand berichten Krieger und andere ehemalige DDR-Spitzenathleten über die gesundheitlichen Schäden, die die Dopingmittel hinterlassen haben. Für junge Sportler sollte das eine eindringliche Warnung sein.

Autor: Jens Krepela
Redaktion: Wolfgang van Kann

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