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Wissen & Umwelt

Aus für weiteres Atomkraftwerk in Deutschland

Vier Jahre nach dem deutschen Atomausstieg ist ein weiteres Kraftwerk abgeschaltet worden. Dafür produzieren Erneuerbare Energien mehr Strom. Eine große Herausforderung bleibt der ungelöste Umgang mit dem Strahlenmüll.

Nach der Atomkatastrophe in Fukushima hatte die Deutsche Regierung im Juni 2011 mit Zustimmung aller Parteien den Atomausstieg beschlossen. Acht der 17 Atomkraftwerke (AKW) wurden sofort abgeschaltet, vier Jahre später geht jetzt das Kraftwerk Grafenrheinfeld nach 34 Betriebsjahren planmäßig vom Netz. Die letzten acht deutschen Atomkraftwerke sollen 2018, 2020 und 2022 nach und nach abgeschaltet werden.

Erneuerbare Energien ersetzen Atomstrom

Der deutsche Atomausstieg lief in den ersten vier Jahren erfolgreicher als von vielen gedacht. "Wir haben nach wie vor die höchste Versorgungssicherheit in Europa, exportieren mehr Strom als zuvor ins Ausland und haben sehr niedrige Großhandelspreise am Strommarkt", zeigt sich Staatssekretär Rainer Baake im DW-Interview zufrieden über die ersten Jahre im

DW-Interview.

Baake managt in der Bundesregierung federführend den Energieumbau.

Die Strommengen, die durch die Abschaltung von acht Atomkraftwerken entfielen, wurden durch den dynamischen Zubau von Wind-, Solar- und Biomassekraftwerken schnell ersetzt. Der Anteil von Atomstrom an der deutschen Stromversorgung lag vor dem Atomausstieg bei 23 Prozent und sank um sieben Prozentpunkte auf 16 Prozent. Im Gegenzug legten die Erneuerbaren Energien innerhalb der vier Jahre um elf Prozentpunkte zu und liefern inzwischen 28 Prozent des deutschen Stroms.

Deutschland will weniger Kohle für Klimaschutz

Während Erneuerbare Energien den Atomstrom problemlos ersetzen, ist der hohe Anteil von Kohlestrom ein Problem. Die Produktion von Strom aus Kohle wurde durch stark gefallene Preise für CO2-Verschmutzungszertifikate im europäischen Emissionshandel sehr rentabel. Klimaschädliche Braunkohle- und Steinkohlekraftwerke produzieren deshalb viel Strom, klimafreundliche Gaskraftwerke stehen dagegen häufiger still.

Bis 2020 will Deutschland im Vergleich zu 1990 den CO2-Ausstoß um 40 Prozent senken, ohne Korrekturen im Stromsektor wird jedoch das gesetzte Regierungsziel schwer erreichbar sein. "Hier müssen wir zusätzliche Anstrengungen unternehmen", so Baake. Die Regierung will deshalb die Kohlevertromung senken und auch den Preis für die CO2-Zertifikate im europäischen Emissionshandel anheben.

Harter Kampf hinter den Kulissen

Braunkohlekraftwerk und Windkraftanlage

Neue Energieerzeuger machen Konzernen Konkurrenz

Der Atomausstieg und Umstieg auf Erneuerbare Energien ist zugleich aber auch ein harter Verteilungskampf. Die vier deutschen Stromkonzerne verdienten über Jahrzehnte mit dem Verkauf von Atom-, Gas- und Kohlestrom Milliarden Euro, es war ein sicheres und gutes Geschäft.

Mit der Abschaltung von Atomkraftwerken, der Reduzierung von Kohlestrom und dem Ausbau von Erneuerbaren Energien haben die alten Energieversorger ein Problem: Mit ihren konventionellen Kraftwerken verdienen sie immer weniger Geld. Die Regierung sieht die Zukunft im Umstieg auf Erneuerbaren Energien, und diese Anlagen sind meist dezentral. Bisher investierten hier vor allem Bürger, Bauern und neue Unternehmer. Für die Konzerne ist dieser Trend bedrohlich, es gibt zunehmend Konkurrenz.

Professor Claudia Kemfert vom deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kennt die Zusammenhänge und beschreibt diese in ihrem Buch 'Kampf um Strom'. Ziel der alten Energieunternehmen sei es deshalb die "Energiewende zu diskreditieren". So würden zum Beispiel die Ökoenergien als Preistreiber stigmatisiert. "Das stimmt nicht. Wir haben sehr niedrige Börsenpreise beim Strom, würden diese Preise an die Verbraucher weitergereicht, könnte der Strompreis stabil bleiben", so Kemfert.

Atomkraftwerk Grafenrheinfeld

Umweltschützer fordern schnelleren Atomausstieg. Sie wollen weniger Atommüll für nachfolgende Generationen.

Nebenkosten von Atomkraft unterschätzt

Mit dem Ende der Atomkraft kommt für Deutschland eine große Herausforderung hinzu. Die alten Kernkraftwerke müssen zurückgebaut werden und der Atommüll für eine Million Jahre sicher eingelagert.

Für Stilllegung, Rückbau und Atommüll haben die Energiekonzerne nach eigenen Angaben rund 36 Milliarden Euro zurückgelegt. Nach einer Studie für das Wirtschaftministeriums (BMWI) wurden bisher für Stilllegung und Rückbau 22 Milliarden eingeplant und für die Entsorgung von Atommüll 17 Milliarden Euro.

Die realen Kosten könnten jedoch wesentlich höher sein und auf 50 bis 70 Milliarden Euro ansteigen,

warnt Michael Müller, Vorsitzender der Endlager-Such-Kommission.

Auf den deutschen Staat und Steuerzahler kommen deshalb "erhebliche finanzielle Risiken zu", so Müller.

Herausforderung für nachfolgende Generationen

Die Redaktion empfiehlt

Heftig wird über die Folgekosten der Atomkraft in Deutschland diskutiert. Die Atomkonzerne wollen sich von den unkalkulierbaren Risiken des Rückbaus und Atommülls trennen und diese auf eine staatlich kontrollierte Stiftung überführen. Umweltgruppen und Politiker lehnen den Vorschlag ab und wollen den Staat und Steuerzahler nicht mit Zusatzkosten belasten. Die Energiekonzerne hätten sich vier Jahrzehnte mit der Kernenergie eine goldene Nase verdient. "Jetzt, wo es darum geht, Verantwortung zu übernehmen, stehlen sie sich durch die Hintertür davon", kritisiert Jürgen Resch von der Deutschen Umwelthilfe.

Ein aktuelles Papier der Kommission für die Endlagersuche macht deutlich, welch große Herausforderungen mit dem Ende der Atomkraft erst noch beginnen. Die Experten prognostizieren darin, dass die Einlagerung des hochradioaktiven Mülls in Deutschland in ein noch nicht gefundenes Endlager 30 bis 80 Jahre dauert und dieser Prozess erst zwischen 2075 und 2130 enden wird. Mit der endgültigen Schließung eines Endlagerbergwerks für deutschen Atommüll rechnen die Experten erst "zwischen 2095 und 2170 - oder später".