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Wirtschaft

Aus für Megafusion EADS und BAE

Nun ist es offiziell: Die Rüstungskonzerne EADS und BAE haben die Gespräche über einen Zusammenschluss abgebrochen. Die Pläne würden nicht weiterverfolgt, teilten beide mit.

Ein Schiff steht hinter dem Schriftzug von BAE Systems in Henderson, WA (undatiertes Handout). Der britische Rüstungskonzern BAE Systems hat Fusionsgespräche mit dem größten europäischen Luft- und Raumfahrtkonzern EADS bestätigt. Sollte es zu einer Fusion kommen, würde EADS den US-amerikanischen Rivalen Boeing beim Umsatz nicht nur überholen, sondern sogar deutlich abhängen. Foto: BAE Systems

BAE Systems EADS Fusionsgespräche

Seit Jahrzehnten gefallen sich führende Politiker in Deutschland und Frankreich, den Flugzeugbauer Airbus als Beispiel für eine erfolgreiche europäische Kooperation zu feiern. Nach dieser Logik ist das Scheitern der Fusion der Airbus-Mutter EADS mit dem britischen Rüstungskonzern BAE Systems nun aber ein Beleg dafür, wie weit Europa von einem vertrauensvollen Miteinander entfernt ist. "Wir haben Europa ein hervorragendes Angebot gemacht", warb noch vor wenigen Tagen ein EADS-Sprecher für das Projekt. Die Regierungen in Paris, Berlin und London aber konnten sich nicht einigen. Am Ende bleiben nur Verlierer.

Den ökonomischen Nutzen der Fusion bezweifelte von Anfang an kaum einer, auch die Skeptiker in Deutschland nicht. Wirtschaftsminister Philipp Rösler gestand offen ein, bei allem Für und Wider habe das Projekt industriepolitisch "durchaus Charme". Vor allem Rüstungsaufträge sind auch aufgrund der Sparzwänge vieler Regierungen immer schwieriger zu ergattern. Insofern kann Größe da nur helfen. Mit der Fusion wäre der weltgrößte Luftfahrt- und Rüstungskonzern entstanden. Für EADS-Chef Tom Enders lag der Reiz einer Hochzeit mit BAE Systems aber vor allem auch darin, dass die Briten einen starken Auftritt auf dem weltgrößten Rüstungsmarkt USA haben. Die verwundbarste Flanke von EADS wäre also abgesichert gewesen.

Es geht um politischen Einfluss

Es geht aber um weit mehr als um wirtschaftliche Zahlen. Ohne die vielfältigen auch finanziellen Mitwirkungen der Regierungen in Paris, Berlin und Madrid gebe es das hoch komplexe Gebilde EADS kaum. Insofern geht es auch um politischen Einfluss auf Tausende Arbeitsplätze in den beteiligten Ländern, auf Technologien und Innovationen, die weit über die Unternehmen selbst hinaus auf die nationalen Wirtschaften ausstrahlen. Und es geht um politisches Prestige.

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EADS-BEA: Megafusion geplatzt

Eigentlich müsste Enders dieses politische Minenfeld zur Genüge kennen. Der Major der Reserve arbeitete vor Jahrzehnten im Planungsstab des Verteidigungsministeriums und begleitete die Gründung der EADS im Jahr 2000 hautnah. Dennoch hat er die politische Dimension des Deals offenbar unterschätzt. Jedenfalls scheint sich der 53-Jährige nicht ausreichend der politischen Unterstützung aus Paris und Berlin versichert. Gleiches gilt offenbar für seinen Fusionspartner Ian King von BAE Systems. Obwohl - aus Firmenkreisen hört man: "Sie denken doch nicht, dass wir marschiert wären, wenn wir nicht ermutigende Signale aus der Politik erhalten hätten?"

Dass die drei Regierungen in Berlin, Paris und London sich aber in ein derartiges Gezerre verstricken würden, hätten die Konzernlenker wohl nicht erwartet. "Da regiert unheimlich viel Misstrauen", beschrieb ein Kenner der Verhandlungen das Hauptproblem. Die roten Linien, die die Regierenden für sich formulierten, passen einfach nicht zueinander. Die Deutschen etwa verfechten die Position einer deutsch-französischen Balance. Und die heißt: "Wenn die Franzosen im neuen Unternehmen neun Prozent Aktienanteil haben, wollen wir auch neun. Wenn die Franzosen höher gehen, gehen wir auch höher." So jedenfalls heißt es hinter vorgehaltener Hand.

Inakzeptable Forderungen

Die Franzosen wiederum gingen von Anfang an mit der Position in die Gespräche, dass sie an den 15 Prozent, die sie jetzt schon an EADS halten, festhalten wollen - das wären neun Prozent im neuen Konzern. Mehr noch: Sie wollten sich auch die Tür offenhalten, gegebenenfalls weitere 7,5 Prozent vom französischen Großaktionär Lagardere zuzukaufen - und kämen damit im Fusionsunternehmen auf 13,5 Prozent.

Das aber wäre für die Briten inakzeptabel. Sie sind nach Angaben aus Verhandlungskreisen gerade noch bereit, eine deutsch-französische Parität mit jeweils neunprozentigen Aktienpaketen hinzunehmen - also zusammen 18 Prozent. Mehr jedoch wollen sie auf keinen Fall zulassen, schon gar nicht eine Sperrminorität, mit dem das neue Unternehmen als staatsbeeinflusstes Unternehmen am Markt gelten würde. Dann, so argumentierten sie, könne der neue Branchenriese die schöne Position auf dem US-Markt wegen Bedenken der dortigen Regierung letztlich weitgehend abschreiben.

Gewinner Boeing und Lockheed

Deutschland mit seinem liberalen Koalitionspartner wäre andererseits auch bereit gewesen, wie es in Regierungskreisen hieß, keinerlei Staatsanteile im neuen Unternehmen zuzulassen. Sollten die angebotenen "Goldenen Aktien" für die Regierungen ausreichende Schutzfunktion haben, wäre ein Anteil nicht nötig, hieß es. In dieser Position trafen sie sich mit den Briten. Doch hier wiederum gab es bei Frankreich keine Bereitschaft einzulenken. Ihren Staatsanteil erklärten sie sakrosankt.

Hinter diesem Ringen um Staatsbeteiligungen steht vieles: Es geht um Einfluss auf Entscheidungen, die den Technologiefluss in die Länder betreffen, auf Arbeits- und Produktionspakete für nationale Standorte, auf Strategien. Deutschland etwa agierte immer mit der Angst im Nacken, dass es letztlich in einem französisch-britischen Konzern mit den beiden Hauptsitzen London und Toulouse zur reinen verlängerten Werkbank mit weniger Technologiegehalt verkümmern könnte. Allein Zusicherungen der Partner vertraute man nicht.

An diesem Interessengewirr scheiterte die Fusion. Die ersten Leidtragenden könnten die Beschäftigten der EADS-Rüstungssparte sein, denen Einschnitte wegen nachlassender Aufträge drohen. Die Gewinner sind wohl Boeing und Lockheed Martin, die großen US-Konkurrenten von EADS.

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