1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Aktuell Deutschland

Aus für Berliner Tacheles

Die populäre Kunstruine ist nun weitgehend geräumt. Zwar kam der Gerichtsvollzieher in Polizeibegleitung, die vom Insolvenzverwalter durchgesetzte Auflösung der Kultureinrichtung verlief jedoch friedlich.

Lange hatten sie gekämpft, letztlich vergeblich: Am Ende "weichen wir der Gewalt", sagte die Sprecherin der Nutzergemeinschaft der Künstler, Linda Cerna. Schon seit geraumer Zeit fuhrwerkten die Bagger um das Tacheles herum, aber die verbliebenen 40 bis 60 Künstler arbeiteten solange es eben möglich war in ihrer Kunstruine weiter.

Die wurde nun geräumt und versiegelt, die Schlüsselübergabe verlief friedlich, wie die Künstler zuvor zugesagt hatten. So hatte Martin Reiter, Sprecher und alteingesessener Hausbesetzer, schon vor Wochen klargestellt: "Man muss wissen, wann es vorbei ist. Wir sind darauf vorbereitet, dass das Haus geräumt wird."

Jetzt ist es vorbei, die HSH Nordbank hatte die Räumung zuvor gerichtlich durchgesetzt. Sie ist der Insolvenzverwalter des ehemaligen Besitzers, der Fundus-Gruppe. Die Bank wird das "Filetstück" in Berlin-Mitte nun an einen neuen Investor verkaufen - nur eben ohne Tacheles-Künstler. Reiter spricht von "Kunstraub unter Polizeischutz."

Künster protestieren vor Eingang des Tacheles (Foto: Susanne Lenz-Gleißner)

Die Proteste halfen nicht

Luxuswohnungen und kulturelles Recycling

Vorausgegangen war der Räumung ein jahrelanger Rechtsstreit. Nachdem 1998 die Fundus-Gruppe das gesamte Gelände inklusive des Tacheles gekauft hatte, bekamen die Künstler einen 10-jährigen Mietvertrag für das denkmalgeschützte Haus. Als dieser 2008 auslief, verhinderte die Finanzkrise den Bau von Luxuswohnungen. Mittlerweile ist das insgesamt 25.000 Quadratmeter große Areal im Zentrum Berlins jedoch sehr begehrt.

Berlins Kulturstaatssekretär André Schmitz machte zumindest deutlich, dass für das 1.200 Quadratmeter große Grundstrück des Tacheles eine kulturelle Nachnutzung im Grundbuch festgeschrieben sei. Ob diese dann noch in dem Sinne der alten Künstler ist, ist fraglich. Schließlich wollen sie keine "Verbürgerlichung" des Tacheles. Dies wäre der Fall, sollte dort beispielsweise ein Kulturcafé mit wöchentlichen Lesungen entstehen. "Das Tacheles ist kein Logo, ist kein Turnschuh, ist kein Plattenlabel", erklärt Reiter.

Symbol des neuen Berlin

Nach der deutschen Wiedervereinigung wurde das Gebäude von Künstlern besetzt und vor dem Abriss bewahrt. Seitdem ist es ein Fixpunkt für Touristen in der Stadt sowie für die internationale Kulturszene, wie die Künstler nicht müde werden zu betonen. Es schien die Zeit des Aufbruchs der 1990er-Jahre in Berlin zu symbolisieren.

Vor einigen Wochen sagte Berlins Regierungssprecher Torsten Wöhlert: "Das Tacheles stand für die im freudigen Sinne spannendste und bedeutendste Zeit Berlins im 20. Jahrhundert, nämlich für die Zeit des Mauerfalls und danach - als die Stadt sich öffnete, sowohl nach innen durch Freiräume, die es vorher nicht gab, als auch nach außen." Konsequent verwendete der Sprecher die Vergangenheitsform. Diese Zeit mit ihren Freiräumen scheint unwiderruflich vorbei zu sein.

pt/se (dpa, afp)