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Brexit

Aus der Traum für Europa-Studenten

Edward Dean ist Student des "College of Europe" im belgischen Brügge. Seine Eltern haben für den Austritt aus der EU gestimmt. Das änderte die Zukunftspläne ihres Sohnes schlagartig. Maria Christoph berichtet aus Brügge.

Eine Europaflagge flattert über dem Eingang des "College of Europe", einem unscheinbaren Gebäude am Ufer des Dijver-Kanals im Zentrum Brügges. In den mittelalterlichen Gassen klappern Pferdehufe über das Kopfsteinpflaster, die Kameras der Touristen klicken vor alten Gemäuern. Im Inneren der Universität diskutieren die zukünftigen Diplomaten Europas über den Kurs des Kontinents.

Jedes Jahr produziert die Universität rund 500 neue Talente, mit denen sie die Büros der großen europäischen Institutionen in Brüssel besetzt.

Mit dem Brexit-Referendum platzte für einige britische Studenten des Colleges ein Traum - auch für Edward Dean, 24. Ein Master-Abschluss in Europäischem Recht schien für ihn der Garant für eine steile Karriere in der EU-Kommission. Dean arbeitet nun an einem Plan B.

23. Juni 2016, Tag des Brexit, er erinnert sich noch genau an diesen Tag. Der 24-Jährige flog von Brüssel nach London, über der Stadt hingen dicke Regenwolken, es schüttete. Acht Wochen später sollte Deans Studium an der Kaderschmiede für EU-Funktionäre beginnen. Deswegen begann er vor zwei Jahren Französisch zu lernen. Deswegen schulte er vom Politikwissenschaftler zum Juristen um.

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Britische Universitäten befürchten Brexit-Auswirkungen

Leben in einem Mikrokosmos

Im Hof des Colleges weht ein kühler Wind, ein paar Studenten singen zu Scott McKenzies "San Francisco", ein Magnolienbaum streckt seine Äste über Tische und Stühle. Dean liebt diesen Ort und die Stadt Brügge, auch wenn sie im Winter bedrückend wirken könne, und es ihm manchmal so vorkomme, als lebe er in einem europäischen Mikrokosmos, weit weg von der politischen Realität.

"Hier läuft alles extrem demokratisch ab", sagt Dean. "Man stimmt über einfach alles ab, selbst darüber, ob im Sommer die Heizung in der Kantine angestellt werden darf." Das könne anstrengend werden, findet der Jurastudent;

Dean ist kein Träumer. Er ist Pragmatiker. Er wählt konservativ, politisch ordnet er sich eher rechts der Mitte ein, vor ein paar Jahren ist er der Tory Partei beigetreten. Der Brite betrachtet den Einfluss der EU auf sein Heimatland kritisch, doch sieht auch die großen Vorzüge. Nicht viele der Studenten würden das Konzept der EU so sehr hinterfragen wie er, sagt Dean. Doch das sei wahrscheinlich einer der Gründe, warum er im Bewerbungsgespräch überzeugte: Die EU muss sich mit Kritikern beschäftigen, aktuell mehr denn je. 

Der Generationskonflikt

Deans Eltern, Radiologen aus dem Südwesten Großbritanniens, haben beim Brexit-Votum für den Austritt aus der Union gestimmt. Sie wussten, dass dies die Zukunftspläne ihres Sohnes gefährdet.

Die Generation seiner Eltern nehme den jungen Briten viele Möglichkeiten, sagt der 24-jährige. Sprechen wolle er mit ihnen darüber nicht, es sei ohnehin zu spät und die Briten seien zu stolz für eine Kehrtwende.

Dean liebt das Reisen. Für ihn bedeute die EU vor allem Freizügigkeit. "Das Problem ist, dass wir Briten nie genug gereist sind", sagt er. Die EU habe das vor allem durch ihre länderübergreifenden Programme gefördert. Mehr Jugendliche machten sich mittlerweile auf den Weg, um in andere Länder zu studieren, zu arbeiten, zu leben.

Edward Dean, 24, Jura-Student „College of Europe“ (DW/M. Christoph)

Edward Dean, konservativ, pragmatisch – und sauer

Harter Brexit für Studenten

Falls Theresa May die vorgezogenen Wahlen am 8. Juni gewinnt, wird es womöglich einen noch härteren Brexit geben als ohnehin erwartet. Die Studenten werden das vor allem durch Kürzungen staatlicher Fördergelder spüren, auch in Brügge. Die Kosten für das zehnmonatige Programm belaufen sich auf 24.000 Euro. 70 Prozent der Studenten profitieren von Stipendien ihrer nationalen Regierungen; diese wiederum hoffen, so in die Zukunft ihres Landes zu investieren. Das gilt für die Briten dann nicht mehr.

"In den Gesprächen mit britischen Bewerbern war dieses Jahr deutlich zu spüren, wie sehr viele es bedauern, dass der Brexits für sie eine Karriere in den EU-Institutionen ausschließt", sagt David Phinnemore, 49. Der Professor der "Queen's University Belfast" lehrt europäische Politik am Campus in Brügge. "Ich rate den Studenten, sich nach anderen Optionen mit Europabezug umzuschauen: im öffentlichen Dienst in Großbritannien oder in Interessenverbänden, Lobbys, Kanzleien in der Brüsseler Umgebung", sagt er.

Mit Dean studieren derzeit 11 Briten in Brügge. "Die meisten wollen nicht zurück nach England", sagt er. Anders als ein Großteil seiner Landsleute hätten die Studenten am College ein sehr positives Bild von der EU und ihren Institutionen; manche wünschten sich eine noch tiefere europäische Integration, mit mehr Einfluss aus Brüssel.

Europäische Werte

Christopher Powers (privat)

Christopher Powers bangt um seine Doktorarbeit

So auch Christopher Powers, 24. Er hält ebenfalls einen Abschluss am "College of Europe". Mittlerweile ist der Brite Frontmann des "Young European Movement", einer Bewegung der jungen Föderalisten in Großbritannien. Laut Powers bedeute ein harter Brexit auch für Großbritanniens Elite-Universitäten große Verluste. Powers arbeitet derzeit in Cambridge, seine Doktorarbeit soll von der Geschichte der Britischen Jugend und der EU-Integration handeln. Noch fehlt ihm die Finanzierung dafür. Vor allem europäische Partnerinstitute der Universität würden mit großer Zurückhaltung reagieren, wenn es um die finanziellen Unterstützung von Projekten wie diesem geht, sagt Powers. Findet er keinen Finanzier, wird er Großbritannien womöglich verlassen.

Für Edward Dean geht es Ende des Jahres nach Brüssel. Dort wartet eine Stelle bei einer renommierten Anwaltskanzlei auf ihn. Dean hat sich auf Wettbewerbsrecht spezialisiert, um seine Job-Perspektiven zu erhöhen. "Das Schlimmste, das passieren kann?" fragt er, "Dass sie mich 2019, nach den Austritts-Verhandlungen, rausschmeißen". Doch auch für diese Zeit habe Dean bereits einen Plan: Er will Politiker werden, um Großbritannien künftig in die richtige Richtung zu lenken, die europäischen Werte hat er dabei im Hinterkopf.

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