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Alltagsdeutsch – Podcast

Aus der Schule geplaudert

Eine Schule besucht man vergleichsweise nur einen kurzen Zeitraum seines Lebens. Dennoch ist diese Zeit sehr prägend für die Entwicklung des jeweiligen Menschen. Wie sieht das Leben von Schülern in Deutschland aus?

Sprecher:

Sprichwörter und Redensarten gehören zur Grundausstattung der Umgangssprache. Viele erinnern an kulturelle und gesellschaftliche Gepflogenheiten, die längst nicht mehr die unseren sind. Nehmen wir zum Beispiel die gängige Wendung aus der Schule plaudern. Sie will sagen, dass jemand Informationen preisgibt, die nicht unbedingt für die Öffentlichkeit bestimmt sind. Der Ursprung der Redensart liegt im tiefen Mittelalter. Als es noch zahlreiche Schulen gab, die ihren Lehrstoff wie ein Staatsgeheimnis behandelten. Heute dagegen steht die Schule und alles, was mit ihr zusammenhängt, im Mittelpunkt der öffentlichen Auseinandersetzung. Wir plaudern demnach nicht aus der Schule, wenn wir jetzt mit zwei Fachleuten aus der Schule plaudern.

Sprecherin:

Unsere Experten heißen Gero Peters und Phillip Basler. Beide stammen aus Nordrhein-Westfalen. Phillip hat gerade die Reifeprüfung gemacht und damit die Schule ein für alle Male hinter sich. Gero ist soeben in die Oberstufe aufgestiegen. Das heißt, es fehlen ihm noch zwei Jahre bis zur Reifeprüfung. Statt dieses offiziellen und langen Worts, verwendet man übrigens meist das kürzere Abitur. Die Schüler machen es noch kürzer und sagen einfach Abi. So auch Gero, wenn er die Lebenszeit überschlägt, die ihm seine Ausbildung schon gekostet hat und noch kostet.

Gero Peters:

"Ja, also nach meinem Abi werde ich sage und schreibe dreizehn Jahre auf der Schule verbracht haben. Werde mir aber dann danach wahrscheinlich trotzdem noch etliche Jahre von Studium antun."

Sprecher:

Sich etwas antun bedeutet streng genommen sich selber absichtlich ein Leid zufügen. Von einem Selbstmörder beispielsweise kann man sagen "Er hat sich etwas angetan". Im Alltagsdeutsch freilich muss man sich nicht gleich umbringen, um sich etwas anzutun. Da genügt schon ein langwieriges Studium, eine beschwerliche Reise, eine lästige Einladung, kurzum alles, auf das man zwar lustlos, aber freiwillig und ungezwungen eingeht. Sage und schreibe ist auch eine jener Redensarten, deren Wurzeln tief in die Vergangenheit zurückreichen. Sie stammt aus der alten Rechtssprache und kam dort namentlich beim Abschluss von Kaufverträgen vor. Erst wenn der Kaufpreis laut verkündet, gesagt und von einem Schreibkundigen niedergelegt, geschrieben worden war, galt der Vertrag als rechtskräftig. Nun kam es schon damals nicht selten vor, dass der Käufer sich später betrogen, übers Ohr gehauen, fühlte. Dann beklagte er sich beispielweise: " Für diesen Gaul habe ich sage und schreibe hundert Taler bezahlt". Die Formel hat jetzt einen ironisch entrüsteten Unterton und macht klar, der Käufer wollte für seine hundert Taler ein Pferd und hat eine Mähre bekommen.

Sprecherin:

Etwas von dieser Entrüstung haftet dem Sage und Schreibe auch heute noch an, klingt auch in Geros Bemerkung über die dreizehn Schuljahre durch. Allen Schulpflichtigen gemeinsam ist die Grundschule, die sich in die Klassen oder Jahrgangsstufen eins bis vier gliedert. Nach der Grundschule ist zu entscheiden, ob der Schüler in die Hauptschule übergeht oder zu einer weiterführenden Schule wechselt. Die Hauptschule endet mit dem neunten Schuljahr. Die weiterführende Schule in der Regel mit dem Dreizehnten. Die alte Volksschule existiert nicht mehr und auch die einstige Höhere Schule hat sachlich wie sprachlich ausgedient. Und wie steht es mit dem Ausdruck Penne für Gymnasium, Phillip?

Phillip Basler:

"Solche Wörter wie Penne oder so, die sind veraltet, das sagt eigentlich keiner mehr."

Sprecherin:

Wie sieht denn heute der Arbeitstag eines Schülers aus, Gero?

Gero Peters:

"Am normalen Schultag geht der Schultag um zehn nach acht los. Das heißt also, ich hab’ zehn Minuten Schulweg, steh’ ich so um sieben Uhr auf. Dann hat man sechs bis sieben Stunden Schule, so bis halb zwei, und dann kommen natürlich noch so ein bis zwei Stunden Hausaufgaben dazu."

Sprecherin:

Ein bis zwei Stunden Hausaufgaben, das scheint auf den ersten Blick sehr wenig. Deshalb sei daran erinnert, dass Gero gerade erst die Oberstufe erreicht hat. Jene zweijährige Phase bis zum Abitur, in der den Klassen wesentlich mehr als in den unteren Klassen abverlangt wird. Das bestätigt auch Phillip.

Phillip Basler:

"Ich hab’ eigentlich erst so richtig angefangen zu arbeiten in der Oberstufe. Davor war das ziemlich Lenz. Ich wäre auch fast einmal abgestürzt. Aber mit Hausaufgaben war nicht so viel bis zur Oberstufe."

Sprecher:

Die Jahre vor dem Endspurt zum Abitur findet Phillip in der Rückerinnerung als ziemlichen Lenz. Lenz ist ein altes, heute fast nur ein in Gedichten anzutreffendes Wort für Frühling. Im Lenz erwacht die Natur. Felder und Wälder glänzen im neuen Kleid. Die Vögel singen, die Quellen sprudeln, die Winde wehen und was tut der Mensch? Er gähnt unentschuldigt sich mit der Frühjahrsmüdigkeit. Am liebsten läge er den ganzen Tag auf der faulen Haut und ließe den lieben Gott einen guten Mann sein. Diese beiden Redensarten umschreiben den Zustand des Nichtstuns, des Faulenzens. Zwar hat unser poetischer Lenz sprachgeschichtlich nicht das Geringste mit der Faulenzerei und mit Faulenzern zu schaffen. Aber das Alltagsdeutsch kümmert sich nicht weiter um solche historischen Kleinigkeiten, denkt an die Annehmlichkeiten des Faulenzens und spricht mit Phillip vom schönen Lenz, den man gehabt oder sich gemacht hat.

Sprecherin:

Schülern, die sich gern einen Lenz oder gar einen faulen Lenz machen, kann es natürlich passieren, dass sie sitzen bleiben, will sagen eine, vielleicht sogar zwei Klassen wiederholen müssen. So etwas ist unangenehm und wird – wie vieles andere Unangenehme auch – gern mit verharmlosenden oder bildhaften Wendungen umschrieben. So wäre Phillip beinahe einmal abgestürzt, hätte sich also plötzlich in einer Klasse tiefer wiedergefunden. Gibt es weitere Ausdrücke für so einen Absturz, Gero?

Gero Peters:

"Hängen bleiben, kleben bleiben, eine Ehrenrunde drehen."

Sprecherin:

Phillip ist nur deswegen an einer solchen Ehrenrunde vorbeigekommen, weil er die schlechten Noten, die er in einer bestimmten Fächerkombination hatte, durch gute und bessere Zensuren in anderen Fächern ausgleichen konnte. Wie beurteilt er heute überhaupt die Schulfächer?

Gero Peters:

"Im Endeffekt denk ich zwiespältig, weil solche Fächer wie Deutsch oder Fremdsprachen, die hab’ ich eigentlich immer sehr gemocht, weil die, durch Lehrer auch bedingt, den Horizont sehr erweitert haben. Aber dann gab’s zum Beispiel die naturwissenschaftlichen Fächer und vor allem das berühmte Fach Mathe, wo ich mich immer wieder gefragt habe, warum ich mir das eigentlich antue."

Sprecher:

Zu diesem Beitrag Phillips gäbe in grammatikalischer Hinsicht eine Menge zu sagen. Wir beschränken uns jedoch auf den Hinweis, dass unter dem berühmten Fach Mathe natürlich die Mathematik zu verstehen ist. Berühmt nennt Phillip das Fach nur, weil er es nicht mag. Dieser Trick heißt Ironie. Ohne Ironie hätte Phillip wohl eher von dem blöden Fach Mathe gesprochen.

Sprecherin:

Phillip beurteilt seine ehemaligen Schulfächer zwiespältig, weil der sprachliche Unterricht seiner Veranlagung mehr entgegenkam als der mathematisch-naturwissenschaftliche. Nun ist die Schule kein Sportverein, in dem jeder die Disziplin betreiben kann, die ihm am meisten liegt, doch hat sich in den siebziger Jahren die Auffassung durchgesetzt, dass man den älteren Schülern eine Mitwirkung bei der Auswahl ihrer Fächer und der Gestaltung ihres Stundenplans zugestehen müsse. Oder haben wir vielleicht noch etwas vergessen, Gero?

Gero Peters:

"Ja, jetzt gibt es ja keinen Klassenverband mehr, weil es nur noch halt in Kurse aufgeteilt ist in der Oberstufe. Und da ist es halt ganz unterschiedlich. Ich hab halt einige Kurse, wo ich mehr oder weniger nur Deppen drin sitzen hab’ und dann hab’ ich auch andere, wo ich mit sehr vielen, auch meiner guten Freunde, zusammen bin."

Sprecher:

Gero, in Nordrhein-Westfalen geboren, aufgewachsen und schulisch gebildet, verwendet hier in vier Sätzen fünf Sprachfiguren, die noch vor dreißig Jahren, fast ausschließlich, südlich der Mainlinie zu Hause waren. Dazu gehört das modische Flickwort halt, das nebenbei bemerkt nichts mit dem Zeitwort halten zu tun hat. In seiner bedeutungslosen, aber springlebendigen Beweglichkeit ist es eher mit dem englischen just verwandt. Dazu gehört die auf dem Vormarsch befindliche, wenn auch stilistisch barbarische Verwendung des Bindeworts wo nach dem Muster: Zu den Flüssen, wo in die Donau münden gehört auch die Isar, wo durch München fließt. Dazu gehören schließlich die Deppen, mit denen Gero in einigen Kursen der Oberstufe zusammen ist. Als Deppen bezeichnet der selbstbewusste Bayer jene nach seiner Einschätzung gar nicht so selten anzutreffenden Mitmenschen, für die er auch noch das eigenartige Eigenschaftswort damisch bereithält. Damisch heißt auf Berlinerisch doof, auf Hochdeutsch in etwa dämlich und umgangssprachlich unterbelichtet.

Sprecherin:

Übrigens Kameradschaft gehört zu vielen Lebensäußerungen einer Schule. Etwa zur Vorbereitung des an vielen deutschen Schulen inzwischen schon traditionellen Abitur-Happenings, wie es Phillip gerade erst erlebt hat.

Phillip Basler:

"Unsere Jahrgangsstufe hat sich erstmal nicht so richtig einigen können was. Aber dann hat einer unserer Mitschüler die glorreiche Idee, dass wir aus unserer Schule einen Bauernhof machen, und dieser Schüler wohnt auf dem Land und hat dann alles besorgt. Sprich: er hat einen ganzen Wagen voll mit Heu besorgt, den wir dann am Mittwochabend vor diesem Jux, haben wir den in der ganzen Schule verteilt. Dazu wurden am Morgen, wo wir diesen Jux gemacht haben, wurden verschiedene Kleintiere gebracht. Es gab also zwei Ziegen, es gab mehrere Hennen und die Schule sah wirklich unter aller Sau aus. Aber der Effekt war eigentlich ganz gut, also die Kids haben sich natürlich gefreut und die Lehrer waren eigentlich auch angenehm überrascht, hat zwar sehr gestaubt, das ganze Heu, aber es war was Anderes, weil sonst wurde eigentlich nur so mehr oder weniger wurden nur die Lehrer missbraucht zu irgendwelchen Scherzen. Aber wir haben eigentlich eine richtige Gaudi draus gemacht."

Sprecher:

Wie sah die Schule aus? Unter aller Sau, sagt Phillip. Das klingt ziemlich drastisch. Soll es wohl auch sein, aber die Redensart, die sich so drastisch und radikal anhört, rührt keineswegs aus dem Schweinestall, sondern von einem geselligen Wettbewerb her. Wenn die Schützenvereine des 17. Jahrhunderts zu ihrem jährlichen Preisschießen antraten, gab es neben drei Hauptpreisen als Trostpreis auch ein weibliches Ferkel, ein Säule, zu gewinnen. Wer nicht einmal diesen Trostpreis gewann, musste sich bescheinigen lassen, er habe unter aller Sau geschossen. Später wurde die Redewendung auf all das übertragen, was man für unter aller Kritik, oder einfach für unordentlich hielt.

Fragen zum Text

Gero Peters beurteilt die Schulfächer als zwiespältig, weil …

1. er auch Schulfächer hatte, die nicht seiner Veranlagung entsprachen.

2. die Schule nicht alle Schulfächer anbieten konnte.

3. das Schulfach Mathematik sehr berühmt ist.

Die Redewendung Unter aller Sau stammt …

1. aus dem Viehstall.

2. von einer Bauernregel.

3. von einem geselligen Wettbewerb.

In Deutschland gibt es … nicht mehr.

1. das Gymnasium

2. die Hauptschule

3. die Volksschule

Arbeitsauftrag

Vergleichen Sie das Schulsystem in Deutschland mit dem Schulsystem Ihres Heimatlandes. Diskutieren Sie in Ihrer Gruppe die Vor- und die Nachteile eines jeden Systems.

Autor: Franz-Josef Michels

Redaktion: Beatrice Warken

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