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Sport

Aus der Maschine wird ein Mensch

Gestürzt, geschlagen, gedemütigt: Lance Armstrong hat bisher unbekannte Schwächen gezeigt und die Tour bereits auf der ersten schweren Bergetappe verloren. Er war nicht das einzige Opfer einer turbulenten ersten Woche.

Lance Armstrong (Foto: AP)

"Die Tour ist vorbei", sagt Lance Armstrong

Es war ein bisher unbekannter Akt im großen Schauspiel Tour de France. Die Bühne: die Savoyer Alpen. Der Protagonist: Lance Armstrong, seines Zeichen natürlicher Herrscher über das alpine Hochgebirge. Was dem Schauspiel bisher fehlte: Drama. Denn alles hatte man vom siebenfachen Toursieger schon gesehen: erdrückende Dominanz, Leichtigkeit, verbissenen Siegeswillen und sogar gespielte Schwäche wie bei seinem großen Coup in Alpe d'Huez 2001. Aber echte Schwäche war für den Texaner ein Fremdwort. Bis zum Sonntag.

Lance Armstrong (Foto: AP)

Ob es am Alter liegt? Armstrong ist inzwischen 38

Als sich Lance Armstrong mit schwerem Tritt und zerfetztem Trikot zur Skistation Morzine-Avoriaz hinaufgequält hatte, war sein Traum vom achten Sieg bei der Tour de France bereits auf der ersten schweren Bergetappe geplatzt. Dort, wo der US-Amerikaner früher oft bereits für klare Verhältnisse sorgte, erlebte er seine schlimmste Niederlage seiner 19-Jährigen Karriere und trudelte 11:45 Minuten hinter Etappensieger Andy Schleck über den Zielstrich. Noch nie erlebte Armstrong einen solchen Einbruch. "Das war ein schwarzer Tag. Ich konnte am vorletzten Berg nicht mithalten. Das hat sehr weh getan", sagte der von zwei Stürzen gezeichnete Armstrong. Von einer Aufgabe wollte er dennoch nichts wissen: "Die Tour ist vorbei, aber ich bleibe."

Andy Schleck mit erstem Fingerzeig

Während der inzwischen in die Jahre gekommene, langjährige Patron auf seiner Abschiedstour durch Frankreich nun nur noch als prominenter Statist agiert, gehört die Bühne nun endgültig einer jüngeren Generation. Der Luxemburger Andy Schleck setzte mit seinem Sieg vor Olympiasieger Samuel Sanchez im Skiort Morzine-Avoriaz ein dickes Ausrufezeichen – auch weil Top-Favorit Alberto Contador aus Spanien seinem finalen Antritt nicht folgen konnte und zehn Sekunden auf Schleck verlor. In Gelb startet aber ein anderer in die zweite Tourwoche: der Australier Cadel Evans, der in der Vergangenheit oft durch Pech, Stürze oder Defekte um bessere Platzierungen gebracht worden war. Er ist ein ernsthafter Anwärter auf den Gesamtsieg. Still und akribisch hatte sich der Weltmeister in der Abgeschiedenheit der Berge auf die Tour vorbereitet, das Handy für mehrere Wochen ausgestellt, um nun in Topform zu sein.

Thor Hushovd auf dem Kopfsteinpflaster der Tour de France

Kopfsteinpflaster-Spezialisten unter sich: Thor Hushovd war am Ende schneller als Fabian Cancellara

Gute Form allein reichte nicht in dieser ersten Tourwoche, die ungewöhnlich ruppig für die Fahrer verlief. Es gehörte schon eine gehörige Portion Glück dazu, um das Sturzfestival der ersten Tage unbeschadet zu überstehen. Es gab kaum einen Fahrer, der nicht unfreiwilligen Kontakt mit dem Asphalt hatte. Spiegelglatte Straßen in den verregneten belgischen Ardennen hatten auf der zweiten Etappe fast das gesamte Peloton zu Boden gehen lassen. Fabian Cancellara organisierte im Gelben Trikot daraufhin eine Bummelfahrt, über die nicht jeder im Fahrerfeld glücklich war.

Stürze in der "Hölle des Nordens"

Nur einen Tag später sprengte eben jener Cancellara auf den gefürchteten Pflastersteinen Nordfrankreichs das Feld. Die Pavés in der "Hölle des Nordens" waren für manche ein zu gefährliches Pflaster: Mitfavorit Fränk Schleck stürzte, brach sich das Schlüsselbein und schied aus. Lance Armstrong und Alberto Contador waren zu einem ungewöhnlich frühen Zeitpunkt des Rennens isoliert. Routinier Jens Voigt schnaubte im Ziel vor Wut über die "Dummheit" der Organisatoren, die das Spektakel Kopfsteinpflaster unbedingt im Programm haben wollten.

Mark Cavendish gewinnt die 6. Etappe der Tour 2010 (Foto: AP)

Doppelschlag mit Anlaufschwierigkeiten: Mark Cavendish sprintete der Konkurrenz davon

Drei Fahrer drückten dieser ersten Woche außerdem ihren Stempel auf: Der Franzose Sylvain Chavanel fuhr unter dem Jubel der Gastgeber zu zwei Etappensiegen und jeweils auch noch ins Gelbe Trikot, dass er allerdings beide Male am Tag darauf wieder abgeben musste. Der Italiener Alessandro Petacchi dominierte die ersten beiden Sprintankünfte, ehe das britische Enfant terrible Mark Cavendish doch noch seine Form fand und ebenfalls nach zwei Sprintsiegen jubeln durfte.

Die deutschen Hoffnungen auf das Gesamtklassement verglühten in der Sommerhitze der Alpen: Tony Martin, im Vorjahr noch Beinahe-Sieger auf dem Mont Ventoux, brach nach seinem starken zweiten Platz im Prolog von Rotterdam auf der ersten Bergetappe im französischen Jura völlig ein und kassierte 19 Minuten Rückstand. Auch den hoffnungsvollen Milram-Kandidaten Linus Gerdemann und Christian Knees ging es nicht viel besser. Beide kassierten in Morzine-Avoriaz viel Rückstand und kommen nur noch für Tageserfolge in Frage. Bester Deutscher ist Armstrong-Helfer Andreas Klöden vom Team Radioshack als 21. der Gesamtwertung. Auch er muss die Bühne also jüngeren Fahrern überlassen.

Autor: Joscha Weber

Redaktion: Stefan Nestler

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