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Bildung

Aus den Schubladen

Straffe Kursprogramme und Kreditpunkte: Für die Lust an der Wissenschaft bleibt an den Hochschulen wenig Platz. Aber an der Freien Universität zu Berlin haben sich Studierende jetzt ein Forum dafür geschaffen.

Der Hörsaal 2 der Freien Universität Berlin ist fast schon beängstigend groß. Steil ansteigend fügt sich Sitzreihe hinter Sitzreihe. 300 Zuhörer passen hier rein. Ein Ort, an dem normalerweise die Koryphäen der Universität Vorträge halten. Heute steht Marion Acker unten am Pult, 25-jährige Master-Studentin der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft.

Das ist schon ziemlich aufregend", sagt Marion Acker und schiebt ihr Redemanuskript zurecht. Gleich wird sie einen Vortrag über den amerikanischen Konzept- und Wortkünstler Lawrence Weiner halten, mit dem sie sich in einem Seminar beschäftigt hat. "Ich freue mich, Weiner anderen Literaturwissenschaftlern zu präsentieren. Der ist sonst ja eher unter Kunstgeschichtlern bekannt."

Stiefmütterlich behandelte Forschungsleistung

Marion Acker blickt über die Ränge. Gut 30 Zuhörer sind an diesem Dienstagabend gekommen, um zu sehen, was andere Studierende inhaltlich umtreibt. Sie wirken verloren in dem Riesensaal, sind aber alle freiwillig hier. Denn sie wollen einen Vortrag aus der Vorlesungsreihe "Aus den Schubladen" hören. Schubladen – beziehungsweise vergessene Dateiordner – sind normalerweise die Endlagerstätten für unzählige, mühevoll in Bibliotheken und an heimischen Schreibtischen geschaffene Haus-, Bachelor- und Masterarbeiten.

Etwa 30 Zuhörer sitzen auf den Hörsaalplätzen an der FU Belrin. (Foto: Heiner Kiesel)

Die Zuhörer lassen sich gerne auf die Forschungsthemen ihrer Kommilitonen ein

Dass diese studentische Forschungsarbeit an deutschen Hochschulen so stiefmütterlich behandelt wird, hat Robin Carstairs und Carolin Schmidt geärgert. "Das ist doch irgendwie traurig", meint Carstairs, "weil wir doch ständig diese Rhetorik hören, wir seien echte Forscher. Und trotzdem haben wir nie ein richtiges Publikum." Deshalb haben sich Carstairs und Schmidt spontan entschlossen, eine studentische Vorlesungsreihe auf die Beine zu stellen.

Kaleidoskop der Forschung

Die Uni war aufgeschlossen. Bisher gab es an der FU Berlin nur einige studentische Printmagazine, in denen Studierende ihre Arbeiten gelegentlich veröffentlichen. Und natürlich wird immer wieder das Internet als Abladeplattform genutzt. Doch vom studentischen Alltag war das den Initiatoren zu weit entfernt. Ihr Fachbereich, die Alumnivereinigung der FU und ein privater Sponsor haben Geld für Plakate, Flyer und einen Videoclip bereit gestellt. Etwa 1.500 Euro sind damals schnell zusammen gekommen. "Das war so einfach, dass wir uns gefragt haben, warum da nicht schon früher jemand drauf gekommen ist", wundert sich Carstairs rückblickend.

Die Initiatioren Carolin Schmidt (links) und Robin Carstairs vor dem Plakat der Vorlesungsreihe Aus den Schubladen (Foto: Heiner Kiesel)

Carolin Schmidt (links) und Robin Carstairs haben die Vorlesungsreihe initiiert

Und dann ging es darum, ein ansprechendes Programm für die Dienstagabende im Hörsaal 2 auf die Beine zu stellen. Von den Dozenten bekamen Carolin Schmidt und Robin Carstairs die ersten Hinweise auf interessante Arbeiten. Irgendwann hat sich die Aktion dann so herumgesprochen, dass sich Studierende direkt an die beiden Initiatoren gewendet haben. "Es gibt viel mehr angebotene Vorträge als wir unterbringen konnten", sagt Carolin Schmidt. Deshalb erweiterten sie die Reihe auf zwei Präsentationen pro Termin.

Lust auf persönlichen Austausch

Die Bandbreite der Vortragsthemen ist so groß wie das Forschungsinteresse der FU-Studenten: "Weißsein als unmarkierte Norm in den Herr der Ringe-Filmen", "Die Praxis der Adoption ins Kleists Novellen", "Karl Kraus und die neue Sachlichkeit". Sie verheißen ansprechende und unkonventionelle Zugänge zu Literatur und Film.

Man könnte vermuten, dass die Studenten an deutschen Hochschulen abwinken, wenn sie angesichts vollgepackter Vorlesungswochen zu freiwilligen Veranstaltungen eingeladen werden. Noch dazu am Abend. Doch das Gegenteil ist der Fall: Die Studierenden der FU scheinen auf so etwas gewartet zu haben – trotz straffem Kursprogramm und der Jagd nach Leistungspunkten. Die Leute hätten richtig Lust, sich auszutauschen, stellen Carstairs und Schmidt fest. Es passt aber auch zur Freien Universität, wo sich selbstbewusste Studierende schon häufiger gegen festgefahrene und einengende Strukturen gewehrt haben. Und noch einen Effekt hat die Vorlesungsreihe: Sie wirkt wie eine Gegenbewegung zur Verlagerung des persönlichen und wissenschaftlichen Diskurses ins Internet.

Uni 1.0

Auch an der Berliner Humboldt-Universität gibt es seit dem letzten Semester so eine selbstorganisierte Vorlesungsreihe. Das ist fast schon altmodisch, sich mit richtigen Menschen zu treffen, um Vorträge zu halten und darüber zu diskutieren. So eine Art Uni 1.0. Für Abschlussarbeiten und Doktoranden gab es das zwar schon immer an deutschen Hochschulen, aber eine Plattform für die wissenschaftliche Beschäftigung der "normalen" Studierenden war bisher nicht da.

Inzwischen ist Marion Acker mitten in ihrer Präsentation. Anfangs waren ihre Hände noch ziemlich unruhig und ihre Stimme etwas atemlos, als sie über Lawrence Weiner und seine Sprachskulpturen spricht. Ihr Thema bleibt, auch in der Umarbeitung in einen Vortrag, nicht einfach. Aber ihre Zuhörer folgen ihr konzentriert, einige machen sich Notizen. Eine halbe Stunde dauert Vortrag, danach wird ernsthaft und engagiert diskutiert – ganz ohne Dozenten. Bei den Zuhörern spürt man die Lust und Neugier, sich auf das neue Thema einzulassen. Als die Zeit um ist, packt Marion Acker ihre Papiere zusammen, auch ein wenig erleichtert. "Ich freue mich erstmal, dass es vorbei ist", sagt sie. "Aber ich habe das Gefühl, dass ich heute etwas wirklich Sinnvolles geleistet habe.

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