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Asien

Aus dem Raketenlabor an die Staatsspitze

Indien hat am Montag (15.07.) ein neues Staatsoberhaupt gewählt. Nachfolger für den scheidenden Präsidenten Kocheril Raman Narayanan dürfte der "Vater der indischen Atombombe", der 71-jährige Abdul Kalam, werden.

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A.P.J. Abdul Kalam

Das Amt ist zwar nur mit zeremoniellen Vollmachten ausgestattet. Da aber seit 12 Jahren bei indischen Parlamentswahlen keines der Wahlbündnisse die für die Regierungsbildung erforderliche Stimmenzahl erreichte, käme dem Präsidenten möglicherweise erneut größere Verantwortung zu. Denn es liegt allein in seinem Ermessen, eine Partei mit der Regierungsbildung zu beauftragen. Das Besondere an dem Kandidaten Abdul Kalam: Der 71 Jahre alte Wissenschaftler ist Muslim und gilt als "Vater der indischen Atombombe".

Wissenschaftler, Dichter und Musiker

Einige Details der Lebensgeschichte und ihm nachgesagte Tugenden garantieren dem 71jährigen Abdul Kalam Respekt bis weit in die Tiefe des sozialen Spektrums der indischen Wähler: Als Kind armer tamilischer Eltern ohne Schulbildung ebneten ihm vor allem Selbstdisziplin und Selbstgenügsamkeit den sozialen Aufstieg. Als hochdekorierter Wissenschaftler, Dichter, Virtuose des seltenen Saiteninstruments Rudraveena, Vegetarier und Junggeselle ohne große private materielle Ansprüche vermittelt er den Eindruck, dass er auf Augenhöhe mit allen sozialen Schichten des Volkes kommunizieren kann.

Zeichen der Versöhnung

Die Entscheidung der regierenden Indischen Volkspartei BJP und ihrer Koalitionspartner, Abdul Kalam in das Rennen zu schicken, beruht aber auf anderen, ebenso nüchternen wie erfolgversprechenden Berechnungen: Abdul Kalam ist Muslim. Angesichts landesweiter Kritik an der verhängnisvollen, passiven Haltung der BJP gegenüber den jüngsten pogrom-artigen Ausschreitungen gegen die muslimische Bevölkerung im Bundesstaat Gujarat soll die Kandidatur Kalams offensichtlich ein Zeichen der Versöhnung setzen. Sein Einzug in den Rashtrapati Bhavan, in den Präsidentenpalast, soll damit Loyalität der muslimischen Minderheit gegen über dem mehrheitlich von Hindus verwaltetem Staat Indien symbolisieren.

Gründer der Raketengesellschaft

Als Wissenschaftler beschäftigt sich Abdul Kalam mit einem hochsensiblen Gebiet - mit der Nuklear- und Raketentechnologie. Als Indiens Staatspolitik noch von den Idealen Mahatma Gandhis und Nehrus geprägt waren, gründete Kalam die Indische Raketengesellschaft. Seither tragen alle Raketenprojekte im militärischen und zivilen Bereich seine Handschrift. Er konstruierte die erste Rakete, die einen indischen Satelliten in die Umlaufbahn brachte. Und in den 80er Jahren entwickelte er die Mittelstreckenraketen Agni und Prithvi. Er gilt zugleich als "Vater der indischen Atombombe", deren umstrittene Tests 1998 internationales Unbehagen hervorriefen.

Stärke gegenüber dem Nachbarn

Allerdings: Abdul Kalam ist kein Technokrat, der im Labor nur die Geheimnisse der Physik enträtselt. Er ist sich der politischen Konsequenzen seiner Forschung bewusst. Er ist überzeugt davon, dass die atomare Abschreckung einen großen Krieg und auch eine nukleare Auseinandersetzung verhindert. Mit dieser Überzeugung, die auch Stärke gegenüber dem Nachbarn Pakistan demonstriert, steht er im Einklang mit der Politik des Regierungsbündnisses der Indischen Volkspartei BJP.

Vertreter des "political correctness"

Der BJP gelang es, mit diesem Vertreter der "politischen Korrektheit" das Oppositionsbündnis der Kongress-Partei nicht nur zu Kapitulation zu zwingen, sondern auch auf ihre Seite zu ziehen. Deshalb ist der mutige Versuch der dritten politischen Kraft in Indien, der Linken, als einzige Gegenkandidatin die 87jährige Kommunistin und ehemalige Freiheitskämpferin Lakshmi Sehgal in die Arena schicken, eher symbolisch gemeint. Angesichts des gegenwärtigen politischen Umfeldes, der massiven Konfrontation mit Pakistan und der hitzigen Streits um Kaschmir sind die politischen Spielräume in Indien begrenzt. So haben Wahlaussagen, die sich auf nukleare Mäßigung richten, zur Zeit wenig Aussicht auf Erfolg.

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