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Sport

Aus dem nacholympischen Loch

Viele Athleten nutzen das nacholympische Jahr, um ihre berufliche Karriere voranzutreiben. Andere erklären ihren Rücktritt. Nach dem Highlight London fallen auch viele in ein Loch.

Vier Jahre lang haben sich die Athleten auf die Olympischen und Paralympischen Spiele in London vorbereitet. Nun sind die Spiele vorbei, der Rausch ist abgeebbt, die Medaillen verstaut und die Enttäuschung verdaut. Was machen die Athleten in den nächsten vier Jahren bis zu den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro? Die Olympiasiegerin von Peking, Lena Schöneborn, machte ein Praktikum und schreibt in Kooperation mit einem deutschen Konzern ihre Masterarbeit.

In London war die Moderne Fünfkämpferin ins Mittelmaß zurückgefallen. Lust auf Sport hatte die 26-jährige Studentin danach erst mal nicht. Nun will sie vor allem Arbeitserfahrung sammeln: "Es ist doch immer sehr schwer, den Leistungssport mit der Arbeitswelt, dem Büroalltag zu kombinieren. Das ist eine sehr gute Erfahrung für mich." Das Prädikat "Olympiasiegerin" kann bei der Jobsuche schon hilfreich sein, glaubt sie, denn damit würden auch immer gewisse Charaktereigenschaften verbunden. "Dass man in der Lage ist, sich bei einem Projekt – egal ob im Sport oder in der Arbeitswelt – zu konzentrieren, Prioritäten zu setzen, diszipliniert durchzuarbeiten. Ich denke, das ist ein Zertifikat dafür, das einem in der Arbeitswelt sicher hilft."

Enttäuschte Fünfkämpferin Lena Schöneborn bei den Spielen in London. Foto: dpa

Für Lena Schöneborn liefen die Spiele in London nicht nach Plan

Morgens paddeln, danach ins Büro

Ähnlich wie Schöneborn ging es auch Max Hoff. Der Bronzemedaillengewinner absolvierte ebenfalls ein Praktikum bei einem der Sponsoren, die ihn auf dem Weg nach London unterstützt hatten. Vor dem Büro ging es für den Kanuten jeden Morgen erst einmal für eine Trainingseinheit auf den See, abends noch in den Kraftraum. Viel Freizeit bleibe da nicht mehr übrig, sagt Hoff. Doch das Bewusstsein für die Zeit nach dem Sport habe sich in den letzten Jahren bei den Athleten geändert. "Von den Verbänden bekommt man nicht immer die allergrößte Unterstützung, dass man beruflich weiterkommt." Im nacholympischen Jahr sollen sich die Olympioniken eigentlich auf ihre Ausbildung konzentrieren. "Aber mit so einem Jahr, wo man den Winter zu Hause ist, aber im Frühjahr schon wieder unterwegs ist zu Wettkämpfen, Trainingslagern, Weltcups oder Weltmeisterschaften, kommt man auch nicht so richtig voran."

Das Studium der Molekularbiologie hat der 30-Jährige bereits erfolgreich absolviert, nun will er auch sein Studium der Betriebswirtschaftslehre vollenden. Später ziehe es ihn in Richtung Biotechnologie, Chemieindustrie, sagt Hoff. Er ist sich bewusst, dass er allein vom Kanufahren langfristig nicht leben kann. Doch noch liegt sein Fokus auf dem Sport. "Mir macht es auch einfach Spaß. Deswegen wäre es blöd, mich jetzt dazu zu zwingen, aufzuhören, nur weil es die Gesellschaft von einem erwartet. Sicherlich wäre es für mich beruflich hier und da ein bisschen sinnvoller, aber so ist das Leben, man macht nicht immer sinnvolle Sachen." Hoff sagt das im vollen Bewusstsein, dass er erst mit Mitte 30 ins Berufsleben starten wird und andere ihm dann teilweise zehn Jahre voraus sind.

Kanute Max Hoff bei den Spielen in London. Foto: AP/dapd

Nach den Spielen ist für Max Hoff vor den Spielen

Der tiefe Fall nach dem Rausch

Schöneborn und Hoff wollen in Rio noch einmal angreifen, andere haben dagegen nach London ihren Rücktritt erklärt, wie zum Beispiel Turner Philipp Boy oder der Judoka und Peking-Olympiasieger Ole Bischof.

London bot auch für die Paralympischen Teilnehmer eine sehr emotionale und eindrucksvolle Zeit. Hier bekamen die Sportler mit Behinderung die bisher höchste Aufmerksamkeit und Anerkennung, bestätigt auch der 100-Meter-Goldmedaillengewinner Heinrich Popow. Und gerade deshalb sei die Rückkehr nicht leicht gewesen, bekennt der Leichtathlet. "Ich bin zu Hause angekommen, habe meine Tür aufgemacht und da war nichts." Das sei die Rechnung, die man für die harte Vorbereitungszeit zahlen müsse. "Man ist jetzt gerade von einem Riesenhype komplett auf die Erde eingeschlagen. Und jetzt kommt der Alltag – das tut weh."

Wäsche waschen, einkaufen gehen, kochen – das sei der Alltag. Nicht die zwei Wochen der Olympischen oder Paralympischen Spiele. Popow steht auch mit den internationalen Kollegen in regem Kontakt und beobachtet viele typische Verhaltensweisen nach den Großereignissen: "Der eine feiert und trinkt jeden Tag Alkohol. Man versucht die Sachen nachzuholen. Party, Feiern – all das, was man vorher verpasst hat."

Popow mit Goldmedaille bei der Siegerehrung in London. Foto: Neuspree Media

Heinrich Popow gewann in London Gold und Bronze

"Keiner baut dich wieder ab"

Es sei ein schmaler Grat zwischen dem Schönen um den Sport herum und dem mentalen Absinken in ein Loch, wo man sich nicht wieder herausziehen kann. Der 29-Jährige kann deshalb gut nachvollziehen, wenn Sportler in solchen Momenten an Rücktritt denken. "Alle bauen dich vorher auf das Highlight hin auf, aber keiner baut dich wieder ab. Ich bin der Meinung, dass Sportpsychologen während der Wettkämpfe wichtig sind. Aber sie sind noch wichtiger nach den Wettkämpfen."

Der einseitig amputierte Sprinter will ebenfalls in Rio noch einmal angreifen und seinen Sport noch professioneller betreiben. Er sucht deshalb in diesen Wochen ein Gespräch mit seinem Arbeitgeber, wo er als Systemadministrator halbtags arbeitet. Bisher klappt die Balance zwischen Arbeit und Sport ganz gut, sein Arbeitgeber unterstützt ihn. Doch nun will Popow die Priorität auf den Sport legen. Und er hofft, dass der Behindertensport dieses Mal auch in der Pause zwischen den Spielen weiter im Fokus steht. Schließlich steht im nächsten Jahr die WM an.

Wie Schöneborn und Hoff ist Popow mittlerweile wieder in den Trainingsalltag zurückgekehrt. Vier Jahre lang werden sie sich alle wieder vorbereiten auf die nächsten Spiele. Für Popow werden es definitiv die letzten sein. "Ich bin froh, wenn jetzt Rio kommt. Weil ich mich nach Rio auf jeden Fall beruflich engagieren werde und mir keine Gedanken mehr machen muss, wie ich im Sport weitermache."

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