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Aus dem kurzen Leben eines Brötchens

Es ist viel mehr als die Summe seiner Krümel. Mancher mag es mit Sesam, ein anderer mit Mohn. Außen knusprig und innen luftig – so sieht es frisch aus dem Ofen einfach zum Anbeißen aus! Und gerade das bedeutet sein Ende.

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Aus dem kurzen Leben eines Brötchens

„Darf es sonst noch etwas sein?“, sind die letzten Worte, die ich vernehme, bevor ich mit beherztem Schwung in eine braune Papiertüte gesteckt werde. Durch den Sichtstreifen mit nadelgroßen Löchern kann ich gerade noch einen letzten Blick auf meine Kameraden in der Auslage werfen. „Nein danke, das war's.“ Ja, das war es wohl dann tatsächlich mit dem halbwegs krümelfreien Leben unter meinesgleichen. Mehr kann ich nicht verstehen, da ich bereits unsanft in einer Tasche neben Mineralwasserflasche, Banane und Zeitung lande.

Vom Teigling zum ausgewachsenen Kerl

Teiglinge in einer Backstube

Die Geburtsstunde in der Backstube

Wie bin ich hier nur gelandet? Ich begann meine Reise als blasser, weicher Teigling weit hinten in der Backstube. Erst nach der Feuertaufe im schönen, warmen Backofen bei 250 Grad Celsius wurde ich dann zum richtigen Brötchen. Während meiner Zeit in der Produktion habe ich viele neue Bekanntschaften gemacht und dabei festgestellt: Einfach nur noch eine zarte, leicht braune Farbe zu haben, reicht nicht mehr.

So entscheiden sich Kollegen aus der herzhaften Abteilung für ein Kleid aus Mohn, Sesam oder aus verschiedenen Kernen – wie Sonnenblumen- oder Kürbiskernen. Unter den Laugenbrötchen herrscht wohl die Auffassung, dass man mit Käse besonders attraktiv sei. Nicht zu vergessen die Fitnessbrötchen. Sie versprechen, dass man sich das Fitnesscenter sparen kann, wenn man herzhaft in sie hineinbeißt – allein schon durch Zutaten wie Karotte und Leinsamen.

Mit verschiedenen Decknamen unterwegs

Krümel eines Brötchens

Die krümelige Hinterlassenschaft der Vorgänger

Nun ja, sei's drum. Auch ich habe – als Backware – getarnt meinen Platz im Backwarengeschäft. Nicht jeder Verkäufer ist gut zu uns. Oft landen wir in einem Korb mit vielen bröseligen Hinterlassenschaften unserer Vorgänger – glücklicherweise nur für kurze Zeit. Man kann es ja auch positiv sehen: Zumindest landet man sanft auf einem Boden von Krümeln, die von der Brötchenkruste abgefallen sind. Also: Take it easy.

Und man kann sich die Wartezeit im angenehmen Krümelbett auch vertreiben. So erzählte beispielsweise ein vielgereistes Brötchen, es kenne unter dem Decknamen Schrippe ein Brötchen in Berlin, außerdem habe es im süddeutschen und österreichischen Raum die Bekanntschaft von Weck, Wecke und Weckerl gemacht. In der Schweiz sei es einem Weggli begegnet und in Hamburg gar einem gewissen Rundstück! Nach dieser Erzählung wundere ich mich nicht mehr, dass die Kaiserbrötchen neben uns darauf bestehen, sie aufgrund ihrer österreichischen Herkunft nun Kaisersemmel zu nennen.

Ein schmerzhaftes Erwachen

Auf einem Brettchen liegen ein Messer, Butter und zwei Brötchenhälften.

Nach dem Schmerz und kurz vor der Verschönerung ...

Unerwartet werde ich unsanft aus dem Korb mit dem angenehm weichen Krümelboden herausgeholt und auf ein Brett gelegt. Plötzlich kommt ein riesiges Messer auf mich zu – und ritsch, ratsch, werde ich grob in zwei Hälften zerlegt. Ich hab noch nicht mal Zeit, meinen Schmerz zu verarbeiten. Plötzlich spüre ich etwas Kaltes auf mir: Butter.

Aber damit nicht genug. Ich werde noch mit weiteren Dingen beladen: Wurst, Käse, einem Blatt Salat, Zwiebeln und einer stinkenden Knoblauchsauce. Allerdings gibt es auch dieses Mal wieder einen Vorteil: Ich bin kein einfaches Brötchen mehr, ich bin ordentlich aufgehübscht worden und sehe jetzt zum Anbeißen aus!

Die anderen müssen kleine Brötchen backen!

Symbolbild: ein junges, frisch verheiratetes Brautpaar

Gesprächsthema: die frischgebackene Schwiegertochter

Unter den neidischen Blicken der unbelegten Brötchen finde ich meinen neuen Platz: in der Theke neben anderen belegten Brötchen und einigen belegten Broten mit Decknamen wie Stulle, Schnitte oder Bemme. Alle die, die sich mit ihrer Abdeckung aus Mohn, Sesam, Sonnenblumen – oder was weiß ich noch – vorher gebrüstet haben, müssen nun ganz kleine Brötchen backen! Geschieht ihnen recht, diesen Angebern!

Interessiert beobachte ich von meinem neuen Aussichtsplatz ein älteres Pärchen, das sich über die frischgebackene Ehefrau des Sohnes unterhält. Geschichte hat die wohl studiert – eine brotlose Kunst! Damit lässt sich nach Aussage der beiden auch kein Blumentopf gewinnen. Womit wohl mein neuer Besitzer seine Brötchen verdient?

Das Ende eines Brötchenlebens

Eine Antwort auf diese Frage werde ich nicht mehr bekommen. Heftig werde ich aus meiner Papierbehausung gezogen. Ein herzhafter Biss meines Käufers, ein letzter Gedanke schießt mir durch den Kopf: an die Wiedergeburt – vielleicht als Schrippe, Weggli oder sogar als Kaisersemmel? Oder in der Luxusausführung mit Matjes, als Hot Dog oder mit Nürnberger Bratwürstchen? Denkt an mich, wenn ihr demnächst in eines dieser Brötchen beißt.


Arbeitsauftrag
Das war die kurze Lebensgeschichte eines Brötchens. Wechselt nun selbst die Perspektive und schreibt eine eigene Geschichte aus der Perspektive eines Alltagsgegenstandes.

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