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Afrika

Aus dem Gefängnis auf den Präsidentenstuhl

Die Ankündigung der ägyptischen Muslimbrüder, einen eigenen Präsidentschaftskandidaten aufzustellen, kam überraschend. Kandidat Chairat al-Schater gilt als pragmatisch - in welche Richtung würde er Ägypten führen?

Fast die Hälfte aller Ägypter haben den Muslimbrüdern bei den Parlamentswahlen ihre Stimme gegeben. Doch für welches Programm sie damit votierten, bleibt weiterhin unklar. Noch haben die Muslimbrüder nicht gezeigt, wie sie das Land ideologisch ausrichten und welche Konsequenzen dies für die politische, gesellschaftliche und kulturelle Zukunft Ägyptens haben wird.

Umso verblüffender war die Ankündigung der Muslimbrüder, einen eigenen Kandidaten für die Präsidentschaftswahlen aufzustellen. Zuvor hatten sie nämlich erklärt, eben dies nicht tun zu wollen. Der Kandidaten selbst ist jedoch vielen bekannt: Chairat al-Schater, alias "Al muhandis" - "der Ingenieur". So möchte er seit seinem Studium der Ingenieurswissenschaften und der anschließenden Dozententätigkeit an der Universität von Al-Mansoura im Mündungsgebiet des Nils in Norden des Landes gerne genannt werden.

Erfolgreicher Geschäftsmann

Khairat al-Shater lässt sich von Anhängern feiern (Foto: picture-alliance/dpa)

Nichts ist schöner als Erfolg: Chairat al-Shater lässt sich von Anhängern feiern

Im Alter von 62 Jahren gehört Al-Schater Experten zufolge zur "jüngeren" Generation der Muslimbrüder - jener Generation also, die sich weniger durch religiösen Extremismus im Stil Hassan al Bannas, des Gründers der Muslimbrüder auszeichnet, als vielmehr durch ein hohes Maß an Pragmatismus: Der "Ingenieur" gilt als einer der reichsten Männer Ägyptens.

Den Grundstein seines Vermögens legte er zunächst in den frühen 1990er Jahren, mit dem Aufbau einer Firma für Computersysteme. Das florierende Unternehmen erweiterte er in der Folgezeit und engagierte sich auch in anderen Sektoren. Er handelte mit Möbeln, Traktoren, PKW, Chemieprodukten und war auch im Beratungssektor tätig. Den Gewinn aus diesen Unternehmen nutzt er, seine Position innerhalb der Muslimbrüderschaft durch ein Netz persönlicher Beziehungen und Verflechtungen konsequent auszubauen. So beschäftigte er in seinem Unternehmen zahlreiche Mitglieder der Muslimbrüder. Auch seine Töchter verheiratete er mit Mitgliedern der Bewegung.

Jahre hinter Gittern

Es gibt aber noch eine weitere Seite des Chairat al-Schater: die des politischen Aktivisten. Diese trug ihm mehr als elf Jahre Gefängnis ein. Das erste Mal wurde er 1967, während der Herrschaft Abd el-Nassers, verhaftet. In jene Zeit fiel auch sein Wandel vom engagierten Sozialisten zum Islamisten. Weitere Gefängnisaufenthalte folgten während der Regierungszeit Hosni Mubaraks. Zuletzt wurde er im Jahr 2006 unter dem Vorwurf der Geldwäsche zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt, im Jahr 2011 vom Militär aber begnadigt.

Fraglich ist, inwiefern diese Erfahrungen mit politischer Willkür Al-Schaters politisches Weltbild geprägt haben. Ob er unter ihrem Eindruck die Werte von Demokratie und Liberalismus wirklich schätzen gelernt hat? Dina Fakoussa, Leiterin des "EU-Middle East Forum" der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik, ist skeptisch. Es sei durchaus denkbar, dass sich eine Person mit derart langer Haftzeit dafür einsetzt, dort praktizierte Menschenrechtsverletzungen wie etwa die Folter abzuschaffen. Allerdings: "Das heißt nicht, dass die Muslimbrüder auf anderen Gebieten ähnlich verfahren würden. Das heißt, was Frauenrechte anbelangt oder Rechte von Minderheiten, ist ihre Agenda eher fraglich", meint Fakoussa. "Zumindest kann man derzeit noch nicht einschätzen, was für eine Politik sie da betreiben werden."

Umgang mit Minderheiten

Kopten trauern um den versorbenen Patriarchen Shanouda, März 2012 (Foto: DW)

Ungewisse Zukunft: Die Kopten, die größte religiöse Minderheit des Landes

Befürchtungen dieser Art versucht Al-Schater auf seiner Homepage zu zerstreuen. Unter der Überschrift "Sie müssen uns nicht fürchten" erklärt er dort, der Erfolg der Muslimbrüder brauche niemanden zu beunruhigen. Denn diese respektierten "die Rechte sämtlicher politischer und religiöser Gruppen". Der Organisation sei bewusst, schreibt Al-Schater, "dass viele der Probleme, an denen dieses Land im letzten Jahrhundert litt, Diktatur und Korruption geschuldet waren." Es sei darum unmöglich, "umfassende politische und wirtschaftliche Reformen durchzuführen, ohne jene Schäden zu beheben, an denen unsere wesentlichen politischen Einrichtungen leiden."

Kann man solchen Bekundungen trauen? Dina Fakoussa ist vorsichtig. Die Position der Organisation im Hinblick auf Minderheiten, beurteilt sie zurückhaltend. "Die Muslimbrüder haben auch Kopten in der Partei. Allerdings ist das noch kein Beweis dafür, dass sie tatsächlich auch deren Rechte wahren werden."

Anders sieht es Stephan Roll, Nahost-Experte bei der "Stiftung Wissenschaft und Politik" (SWP). Die Geschichte der Muslimbrüder in den letzten Jahrzehnten habe gezeigt, dass sie auf graduellen Wandel setzten. "Es sind keine Revolutionäre, die einen radikalen Wandel einfordern, sondern sie haben sich eben mehr zu moderaten Politikern gewandelt." Zwar würde dieser Kurs gerade von den jungen, säkularen Aktivisten scharf kritisiert. Man müsse aber auch bedenken, dass die Muslimbrüder die Mehrheitsverhältnisse in dem Land widerspiegelten: "Ägypten ist ein sehr konservatives Land, ein islamisches Land, und da spiegelt dieser Ansatz der Muslimbrüderschaft doch eher die Mehrheitsbevölkerung und den Wunsch der Mehrheitsbevölkerung wider. Das darf man nicht übersehen."

Motive der Kandidatur

Abstimmung über Verfassungsrat im ägyptischen Parlament, 24. März 2012 (Foto: picture-alliance/dpa)

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Warum aber haben sich die Muslimbrüder überhaupt dazu entschlossen, entgegen vorheriger Ankündigung doch noch einen eigenen Kandidaten aufzustellen? Dina Fakoussa vermutet, sie wollten damit Druck auf den Militärrat ausüben. Wiederholt hätten die Muslimbrüder in der vergangenen Zeit versucht, das Kabinett auszuwechseln. Tatsächlich, räumt sie ein, spiegele die derzeitige Übergangsregierung nicht die Mehrheitsverhältnisse im Parlament wider.

Doch die jüngste Entscheidung für einen eigenen Präsidentschaftskandidaten drücke vor allem das gestiegene Selbstbewusstsein der Organisation aus. "Sie fühlen sich sehr gestärkt, sie haben sehr gut abgeschnitten, sie dominieren das Parlament, sie dominieren die verfassungsgebende Versammlung", sagt Fakoussa. Zwar hätten die Muslimbrüder immer wieder bestritten, machtpolitische Ansprüche zu haben. Glaubhaft aber sei das nicht: "Sie haben versucht, sich als vereinende Kraft darzustellen, die nicht zu stark polarisieren möchte - gerade jetzt in der Transformationsphase. Allerdings ist ihr Verhalten komplett gegensätzlich."

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Stephan Roll sieht das anders. Chairat al-Schater sei ein Kandidat, auf den sich Militär und Muslimbrüderschaft geeinigt hätten, vermutet er. Und zwar, um andere Kandidaten auszuschalten. "Sowohl für die Muslimbrüder als auch das Militär wäre es sehr, sehr schwierig, wenn es einen populären, selbstbewussten und vielleicht auch völlig eigenständigen Präsidenten gäbe, wie Abdel Mouneim Abul-Fatou von den Muslimbrüdern oder Hazim Abu Ismail von den Salafisten."

Ob nun machtvoll durchgesetzt oder per Kompromiss: Chairat al-Schater ist ein Politiker mit erheblicher Gestaltungskraft. Ob und in welchem Maß er die religiösen Vorstellungen seiner Partei in die politische Alltagsarbeit einfließen lassen würde, darüber rätseln die ägyptischen Kommentatoren noch. Sein bisheriger Werdegang lässt allerdings vermuten, dass er auch auf nationaler Ebene jener Maxime folgen dürfte, die er auch im Privaten unübersehbar beherzigte: Pragmatisch zu sein und das ökonomische Wohl nicht dem religiösen Heil zu opfern.

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