1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Asien

Aung San Suu Kyi: "Mut zur Verantwortung"

Seit Jahrzehnten kämpft Aung San Suu Kyi für die Demokratisierung ihrer Heimat. Dass sie die Öffnung des Landes noch erleben würde, war keineswegs sicher. Gegen alle Widerstände blieb sie ihren Überzeugungen stets treu.

Als Aung San Suu Kyi den Friedensnobelpreis 1991 erhielt, hätte sie ihn entgegennehmen können. Das Regime in Birma stellte es seiner prominentesten Gegnerin frei, nach Oslo zu fahren. Dennoch entschied sie sich dagegen. Sie fürchtete, hätte sie ihr Land einmal verlassen, nie wieder zurückkehren zu dürfen.

Die Söhne Aung San Suu Kyis, Alexander und Kim Aris nehmen am 10.12.1991 in Oslo den Friedensnobelpreis stellvertretend für ihre Mutter entgegen (Foto: picture alliance)

Friedensnobelpreis für Aung San Suu Kyi 1991: die Söhne nehmen den Preis entgegen

Das Nobelpreis-Komitee würdigte mit der Auszeichnung die Oppositionspolitikerin Birmas und ihren gewaltlosen Kampf für Demokratie und Menschenrechte sowie ihr herausragendes Beispiel für Zivilcourage. Anstelle von Aung San Suu Kyi nahmen ihr Mann, der Tibetologe Michael Aris, und ihre beiden Söhne den Preis entgegen. Der ältere Sohn Alexander hielt die Dankesrede. In dieser bezog er sich auf eine Rede, die seine Mutter ein Jahr zuvor anlässlich der Verleihung des Sacharow-Preises für die Freiheit des Denkens zum Thema "Befreiung von der Angst" gehalten hatte. Auf bemerkenswerte Weise bringen die Worte die Überzeugungen der Friedensnobelpreisträgerin zum Ausdruck.

Die Befreiung von der Angst

"Es ist nicht die Macht, die korrumpiert, sondern die Angst. Die Angst, die Macht zu verlieren, korrumpiert diejenigen, die die Macht haben. Die Angst vor Machtmissbrauch korrumpiert diejenigen, die beherrscht werden." So lauten die ersten Sätze der Rede. Aung San Suu Kyi, die selbst dem Theravada-Buddhismus anhängt, stellt im Weiteren viele spirituelle Bezüge zum Buddhismus her. Sie weist auf die tiefreichende Verkettung von Angst und Korruption hin. Korruption meint dabei nicht nur Bestechung und Vorteilsnahme, sondern auch den Missbrauch des Vertrauens. Um die Ketten der Angst zu zerreißen und den Menschen ihre Freiheit wiederzugeben, fordert Suu Kyi eine spirituelle Revolution. Das Spirituelle liegt ihr besonders am Herzen. Eine bloß politische Reform werde die Gesellschaft nicht dauerhaft heilen.

Mahatma Gandhi, Aung San Suu Kyi, Nelson Mandela, dem Dalai Lama und Martin Luther King in einer Fotomontage (Foto: DW)

Viele sehen Aung San Suu Kyi in einer Reihe mit Mahatma Gandhi, Nelson Mandela, dem Dalai Lama und Martin Luther King

Der Weg, den Aung San Suu Kyi vorzeichnet, erfordert Mut. Sie verweist auf ihr Vorbild Gandhi und die philosophische Tradition Indiens. Dem Ende der Angst folgt, so ihre Überzeugung, ein erfülltes Leben. "Um ein erfülltes Leben zu führen, muss man den Mut haben, die Verantwortung für die Bedürfnisse anderer zu übernehmen. Man muss diese Verantwortung auf sich nehmen wollen." Nur so könne es gelingen, Korruption und Gewalt zu überwinden, unter der die Menschen in Birma und auf der ganzen Welt leiden.

Verantwortung und Engagement

Diese Lebensphilosophie verkörpert Aung San Suu Kyi bis heute. Die Pflicht, sich zu engagieren, leitet sie in einem Interview aus ihrer Herkunft ab. "Als Tochter meines Vaters fühlte ich, dass ich die Verpflichtung hatte, mich zu engagieren." Ihr Vater Aung San, der bis heute in Birma verehrt wird, führte Birma in die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft. Er wurde 1947 von politischen Gegnern ermordet. Die Mutter war seit 1947 Parlaments-Abgeordnete und Ministerin in Birma. Sie ging 1960 als erste Botschafterin nach Indien. Die Politik begleitete und prägte demnach Aung San Suu Kyis ganze Kindheit und Jugend. Bereits während ihres Studiums in Oxford war Aung San Suu Kyi politisch aktiv, konnte aber noch nicht ahnen, dass sie einmal zur Ikone des demokratischen Widerstands in Birma werden würde.

Portrait von Aung San, dem Vater von Aung San Suu Kyi (AP Photo)

Der Vater, General Aung San, wird bis heute in Birma verehrt

1988 reiste Suu Kyi, die zu dieser Zeit an einer Hochschule in Indien arbeitete, nach Yangon, um ihre kranke Mutter zu pflegen. Wenig später erlebte Aung San Suu Kyi den Rücktritt des Machthabers General Ne Win, der jahrelang die Militärregierung angeführt hatte. Die Opposition nutzte die sich bietende Gelegenheit und formierte sich zum Widerstand gegen die Junta. Aung San Suu Kyi schloss sich der Bewegung an und stand schon bald an deren Spitze. In ihrer ersten öffentlichen Rede am 26. August 1988 forderte Suu Kyi vor einer halben Million Menschen in Yangon ein demokratisches Mehrparteiensystem für Birma. Doch die Hoffnungen der Opposition wurden bald gewaltsam zerschlagen. Die Militärs gingen brutal gegen ihre Gegner vor. Viele wurden ermordet oder für Jahrzehnte weggesperrt.

Erst 1990 gab es erneut die Chance auf einen Kurswechsel. Bei den ersten allgemeinen Wahlen gewann die von Aung San Suu Kyi geführte Nationale Liga für Demokratie (NLD) 59 Prozent der Stimmen. Die Militärs, die um ihre Macht fürchteten, annullierten das Ergebnis, verhafteten ihre Gegner und stellen Aung San Suu Kyi unter Hausarrest. Für zwanzig Jahre stand das Land unter der Knute des Militärs. Bis 2011 verbrachte Suu Kyi mehr als 15 Jahre ihres Lebens im häuslichen Gefängnis. Die Regierung stellt ihr immer wieder frei, das Land zu verlassen, aber sie weigerte sich stets. Sie wusste, dass sie nur so ihren Einfluss geltend machen konnte.

Die schwerste Prüfung

Mönche aus Birma mit einem großen Schlüssel mit der Nummer 13 als Symbol für 13 Jahre Hausarrest (Foto: dpa)

Jahrelanger Hausarrest: immer wieder, hier nach 13 Jahren, forderten Unterstützer ihre Freilassung

Mit ihrer wiederholten Entscheidung das Land nicht zu verlassen und wie im Fall des Friedensnobelpreises diesen nicht selbst entgegenzunehmen, votierte sie für die Pflicht und gegen ihr persönliches Glück. Sie musste damit rechnen, ihren Mann und ihre beiden Söhne niemals wieder zu sehen.

Weihnachten 1995 kam es dann auch zur letzten Begegnung mit ihrem Mann. Das Regime verweigerte ihm in den Folgejahren die Einreise. Auch als er 1997 an Krebs erkrankte und klar wurde, dass er bald sterben würde, blieb das Regime unnachgiebig. Die Herrscher Birmas hofften, dass ihre schärfste Kritikerin das Land verlassen würde um ihren Mann noch einmal zu sehen. Aber Aung San Suu Kyi blieb auch hier ihren Überzeugungen treu. Unbeirrbar hielt sie an ihren Prinzipien – der Gewaltlosigkeit, der Verantwortung und der spirituellen Revolution – fest, für die es einzig und allein des Mutes bedarf, den sie immer wieder bewiesen hat. Jetzt, wo sich das Land öffnet und sie erstmals Regierungsverantwortung übernommen hat, wird sich zeigen, ob es ihr gelingt, den hohen Ansprüchen auch in der konkreten Politik gerecht zu werden.

Die Redaktion empfiehlt