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Kultur

August Sander: das "Antlitz der Zeit"

Hinschauen, nachdenken - August Sander sah bei seinen Portraits immer den Menschen hinter Berufskleidung und sozialem Status. Ob Fabrikbesitzer oder Sekretärin, vor seiner Kamera hatten alle ihre Würde.

Menschen vor Sander-Fotografien (Foto: DW)

Die fotografische Sammlung der SK-Stiftung Kultur zeigt eine große Retrospektive von August Sanders Arbeiten

Sein gesamtes Berufsleben war es August Sander (1876 -1964) wichtig, seinem Gegenüber auf Augenhöhe zu begegnen. Er fotografierte die Menschen lieber in ihrem natürlichen Umfeld, statt in der Künstlichkeit eines Fotografen-Ateliers. Sander suchte das Typische in den Gesichtszügen, die Persönlichkeit seiner Protagonisten - unabhängig vom gesellschaftlichen Stand. Die Retrospektive von Sanders Fotografien zeigt meisterhafte Portraits aus mehreren Jahrzehnten.

Die Familie Sander

Jungbauern auf dem Weg zum Tanzen (1914) (Foto: SK-Stiftung)

Jungbauern auf dem Weg zum Tanzen (1914)

Sander wuchs im Westerwald auf, in dem kleinen Dorf Herdorf, unweit der Industriestadt Siegen. Bergbau und Landwirtschaft prägten diese Gegend. Als 16-Jähriger arbeitete er im nahe gelegenen Bergwerk. Von einem Onkel bekam er das Geld für seine erste Fotoausrüstung geschenkt. Später kehrte er als ausgebildeter Fotograf immer wieder in seine Heimat zurück, um einfache Arbeiter und Bauern abzulichten.

In Linz an der Donau richtete August Sander 1902 sein erstes Fotogeschäft und Atelier ein. Er begann, seine Arbeitsweise nach der aufkommenden Kunstfotografie auszurichten: Malerische Motive, Naturbetrachtungen, Stillleben waren sehr in Mode gekommen. 1906 ließ er "Atelier für bildmäßige Portrait- und Landschaftsfotografie in natürlichen Farben" auf seinen Briefkopf drucken, "Aufnahmen auch in der Natur möglich", hieß es in seinem Werbeprospekt.

Die Familie Sander in Linz an der Donau (1905). Links: Sander mit seiner Frau Anna (Foto: SK-Stiftung)

Die Familie Sander in Linz an der Donau (1905). Links: Sander mit seiner Frau Anna

1910 gab Sander sein Geschäft in Linz auf und siedelte mit seiner Familie nach Köln um. Eine Polioepedemie, bei der sein Sohn Erich schwer erkrankte, gab den Ausschlag zum Ortswechsel. Als Auftragsfotograf war er im Rheinland bald in allen Gesellschaftsschichten unterwegs: er fotografierte Fußball- und Gesangsvereine genauso wie Fabrikbesitzer und Apotheker. Bis in die 1950er Jahre arbeitete er im eigenen Labor und Atelier an seiner enzyklopädischen Sammlung.

Ikone der Fotografiegeschichte: Der Konditor (1920)

Ikone der Fotografiegeschichte: Der Konditor (1920)

Meisterhafte Portraits

Technische Brillianz und vor allem die malerische Komposition seiner Gruppenfotos machten seine schwarz-weißen Fotografien fast zu Gemälden. Ursprünglich wollte er selbst auch Maler werden. In seiner privaten Wohnung hingen zahlreiche Kopien alter Meister aus seiner Hand. Berühmtheit erlangte er aber als "Lichtbildner" und Portrait-Fotograf. Vor allem war er bekannt für seine Aufnahmen selbstbewusster Zeitgenossen, die stolz in die Kamera blicken. Wobei er keinen Unterschied machte zwischen einem Landstreicher, den er zufällig auf der Straße antraf, und dem wohlbeleibten Konditormeister, den er in der Backstube ablichtete.

Bei den Kölner Progressiven

August Sanders Arbeiten spiegelten auch den Umbruch und tiefen Bewusstseinswandels in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg wieder: die Moderne der wilden zwanziger Jahre mit Bubikopf-Frisuren, Charleston und dem ausschweifenden Gesellschaftsleben in den großen Städten prägen auch seine Portraits dieser Zeit.

Künstlerische Geister der Avantgarde, vor allem die Künstler der "Kölner Progressiven", deren Nähe Sander gerne suchte, und stark politisierte Studenten gaben damals den Ton an.

Die Neue Sachlichkeit

Nur wenig bekannt sind die industriellen und architektonischen Auftragsarbeiten von Sander. Der Stil der Neuen Sachlichkeit, der sich in neuer Architektur und neuem Design in ganz Europa fortsetzte, fand sich auch in schlichten Werbefotos wieder: Schrauben, Glühbirnen, Zinkwannen, mit geometrischen Schatten als künstlerische Stillleben inszeniert. Auch Innenarchitektur wurde von Sander als künstlerischer Entwurf fotografiert, wie hier der Wintergarten im Bauhausstil.

Mit der Akribie des guten Handwerkers widmete sich August Sander fotografisch seiner Wahlheimat Köln: Straßenszenen, moderne Kinopaläste, Industrieareale und immer wieder die städtischen Grüngürtel und Parklandschaften. Nach Kriegsende dokumentierte er auch die Trümmerlandschaften des zerbombten Köln.

Über 350 Fotos, viele Handabzüge (Vintages) aus dem Labor des inzwischen weltberühmten Fotographen August Sander, sind in der ersten so umfangreichen Retrospektive in Köln zu sehen: Meisterliches genauso, wie völlig unbekannte Werbefotografien für die Industrie.

Auftragsarbeit: Reklamefoto für Industrieprodukte (1930) (Foto: SK-Stiftung)

Auftragsarbeit: Reklamefoto für Industrieprodukte (1930)

Die beiden Kuratorinnen Gabriele Conrath-Scholl und Rajka Knipper haben echte Schätze aus dem Archiv ausgewählt. Selten wurden die biografischen Stationen seines Werdegangs so detailreich aufbereitet. Sander-Arbeiten hängen mittlerweile in allen großen Museen der Welt: im MOMA in New York und in der Tate Gallery in London. Die Ausstellung "August Sander. Meisterwerke und Entdeckungen" ist noch bis zum 3. August 2014 in Köln zu sehen.

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